Die Zukunft der medizinischen Information

Videosprechstunde: Holpriger Start und ein neues Projekt

Durchgeführte Online-Videosprechstunden können seit 1. April 2017 abgerechnet werden. Blöd nur, dass zum Start noch kein einziger Anbieter die für die Regelversorgung erforderliche Zertifizierung hatte. Entsprechend schauten interessierte Ärzte zunächst einmal in die Röhre. Seit Sommer gibt es nun die ersten zertifizierten Anbieter und auch die ersten Praxiserfahrungen, etwa aus dem Ärztenetz Medizin und Mehr (MuM) in Nordrhein-Westfalen. Die dort beteiligten Ärzte haben sich sehr positiv über ihre Erfahrungen geäußert und stellen dabei vor allem die Zeitersparnis in den Fokus.

Gestritten wird dagegen noch um das Honorar und die aktuelle Regelung klingt tatsächlich eher nach einem schlechten Witz: Die ohnehin dünnen 88 Punkte (9,27 Euro, GOP 01439) können nur dann abgerechnet werden, wenn es im gesamten Quartal keinen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt gegeben hat. Und der Technik-Zuschlag von 40 Punkten (4,21 Euro) ist nur maximal 50 Mal im Quartal abrechenbar. Dabei wünschen sich mehreren Studien (Stiftung Gesundheit, Techniker Krankenkasse) zufolge tatsächlich rund die Hälfte der Patienten diese Möglichkeit. Und die Hälfte der Ärzte wäre auch bereit, eine Videosprechstunde anzubieten.

Zukünftig soll die Technik im Rahmen von Hausbesuchen von Praxisassistentinnen zum Einsatz kommen. Grundgedanke beim Projekt Tele-VERAH des Deutschen Hausärzteverbandes ist es, dass die Versorgungsassistentinnen einer Hausarztpraxis, die Patienten für Routinetätigkeiten zuhause besuchen, mit telemedizinischen Geräten ausgestattet werden. Die dort gemessenen Daten werden dann in die Praxis übertragen und bei Fragen kann sich der Arzt per Video ins Wohnzimmer seiner Patienten hinzuschalten. Erste Erfahrungen in einem Pilotprojekt im Bergischen Land sind positiv. Die in der Regel älteren Patienten sind erleichtert, trotz eigener Unbeweglichkeit mit ihrem Hausarzt sprechen zu können und fühlen sich bestens betreut.

Informationen der KBV zur Videosprechstunde

 

eHealth-Kongress 2017

Am 13.09.2017 fand der nunmehr 4. eHealth-Kongress Rhein-Main/Hessen in den Räumen der IHK Frankfurt statt. Veranstaltet wurde der Kongress, mit immerhin 250 Besuchern, von der Initiative gesundheitswirtschaft rhein-main e.v. (gwrm), der IHK Hessen innovativ und der Hessen Trade & Invest GmbH (HTAI) für das Land Hessen. Klingt nach Regionalität, aber die Themen waren bundesweit übertragbar.

Unsere Highlights.
Nach den üblichen Grußworten und Keynotes folgte eine Podiumsdiskussion, an der Funktionäre von Kammer, KV und Kassen teilnahmen, dazu noch eine Bundestagsabgeordnete, ein niedergelassener Arzt, ein Klinikdirektor und ein IT-Sicherheitsexperte. Eine gute Auswahl der im Gesundheitswesen Beteiligten, allerdings wurde ein Patientenvertreter vermisst. Denn schließlich ging es ja thematisch um die Sichere digitale sektorenübergreifende Kommunikation von Patientendaten – Stand und Ausblick. Das Fazit für diese beiden Punkte könnte man so zusammenfassen: Stand (noch nicht fertig) und Ausblick (es dauert noch etwas). Problematisch ist halt die Interaktion so vieler Stakeholder und nach wie vor gibt es einige Hürden bzgl. der technologischen Infrastruktur.
Alles viel komplizierter als beim Online-Banking, meinten zumindest die Diskutanten. Der IT-Experte bemerkte, dass zwar Fehler unvermeidlich seien, jedoch müsse man ja nicht immer die gleichen Fehler machen. Trotzdem: alle schauten erwartungsvoll in die nahe Zukunft, die technischen Probleme beim Konnektor (das ist der Router, den eine Praxis für die VPN-Verbindung zur Telematik-Infrastruktur benötigt) scheinen aktuell gelöst. Vermutlich. Zertifizierung für das Lesegerät fehlt noch.

Aus dem umfassenden Nachmittagsprogramm greifen wir einige Referate aus dem Forum zur mobilen Arzt-Patientenkommunikation heraus:
Die Firma medatixx stellte eine App zur Kommunikation zwischen Arzt und Patient vor, die weitere Apps anderer Anbieter integriert. Gut, läuft aber nur, wenn der Arzt medatixx-Praxissoftware benutzt.
Dr. Aßmann, Haus- und Notarzt, präsentierte die Tele-VERAH. Betreuung vor Ort durch eine MFA, telemedizinische Zuschaltung des Arztes. Bei 20 seiner Bestandspatienten etabliert, könnte ein richtiger Weg sein.
Prof. Birgit Aßmus, Uniklinik Frankfurt, referierte über die präaktive Behandlung von Herzinsuffizienzpatienten. Ein Arterienimplantat misst den Druck in den Lungenarterien und übermittelt die Messwerte. Beeindruckend.
Zwar keine High-End-Lösung, aber als recht praktikabel konnte die vom MMI-Verlag vorgestellte MediPlan-App angesehen werden.

Dem hessischen eHealth-Kongress werden auch in den nächsten Jahren spannende Themen und lästige Baustellen nicht ausgehen.

Alle Themen und Referenten finden sich hier.

Look east – was wir von Estland lernen können

Schon öfter haben wir hier im Blog einen Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus geworfen. Etwa nach Dänemark, wo praktisch die gesamte Gesundheitskommunikation über das Portal sundhed.dk abgewickelt wird. Heute wollen wir nach Estland schauen, das vom 1. Juli bis 31. Dezember 2017 die EU-Ratspräsidentschaft innehat. Der kleine Staat am Rande der EU (gerade mal 1,5 Millionen Einwohner) hat die öffentliche Verwaltung früher als viele andere EU-Mitgliedstaaten digitalisiert – sogar wählen kann man hier online. Estland hat daher für die sechs Monate auch konsequent die „Digitale Präsidentschaft“ ausgerufen.

Im Gesundheitswesen sind die elektronische Patientenakte und das E-Rezept schon seit Jahren umgesetzt. Ähnlich wie in Dänemark werden Verschreibungen zentral gespeichert und können in jeder Apotheke eingelöst werden. Ist das nicht möglich, etwa wegen einer akuten Erkrankung oder eine Gehbehinderung, kann man andere autorisieren. Papierrezepte gehören in Estland der Vergangenheit an.

Aktuell wird an weiteren Ergänzungen des Systems gearbeitet, etwa einem elektronischen Buchungstool für Facharzttermine und einem Dokumentationstool für Laborberichte. Die Konferenz „Health in the Digital Society. Digital Society for Health“ vom 16. bis 18. Oktober in Tallinn soll das Konzept auch in anderen Teilen Europas bekannter machen. Dabei geht es um die sensible Balance zwischen freiem Datenverkehr und Sicherheitsbedenken, aber auch um Best Practice in den einzelnen EU-Staaten und das noch weit entfernte Ziel des grenzüberschreitenden Austauschs von Gesundheitsdaten.

Konferenz „Health in the Digital Society. Digital Society for Health“

Estnisches HealthTech Cluster „Connected Health“

 

Arztempfehlung oder Ärzte-Korrumpierung

Ein Gastbeitrag von Dr. Peter Gorenflos, Berlin

Dass bei einem kombinierten Werbe- und Bewertungsportal zahlende Kunden besser abschneiden als Nicht-Kunden erscheint plausibel, aber stimmt es auch faktisch und welche Konsequenzen hat das? Ich habe mir die Mühe gemacht und im Internet über einhundert Jameda-Kunden-Dateien – man erkennt sie am Emblem Gold oder Platin – und über einhundert Jameda-Dateien von Nicht-Kunden zusammengestellt und verglichen. Diese Vergleichsliste lässt sich jederzeit mit beliebigen anderen Jameda-Dateien wiederholen. Es wurden via Gelbe Seiten aus verschiedenen Städten Kollegen unterschiedlicher Facharzt-Richtungen und Zahnärzte per Zufallsprinzip ausgewählt und das Ergebnis war erschreckend. Es ist nahezu unmöglich eine Liste von Jameda-Kunden aufzustellen, die keine guten Durchschnitts-Werte erzielen, aber es ist ganz einfach, lange Listen von Nicht-Kunden aufzustellen, die schlechte bis katastrophale Durchschnitts-Werte erzielen. Mit diesem fragwürdigen Geschäftsmodell verdient Jameda Geld.
Bei Nicht-Kunden wird eine Liste von Vergleichspraxen in der Regel gleicher Fachrichtung angezeigt – alles ausschließlich Jameda-Kunden – inklusive Entfernung mit Kilometerangabe und mit in der Regel besseren Bewertungen. Bei Kunden wird eine solche Liste konkurrierender Praxen nicht angezeigt. Auf diese Weise sollen Patienten von Nicht-Kunden abgeworben werden für Jameda-Kunden, ein klassischer Fall unlauteren Wettbewerbs. Dass die Kriterien für die Veröffentlichung vor allem schlechter Bewertungen bei aller Anonymität in beiden Gruppen identisch sein sollen, ist völlig unplausibel und hätte vor keinem Gericht Bestand. Hier wird kontinuierlicher Druck auf Ärzte ausgeübt, Kunde von Jameda zu werden, “Schutzgeld“ zu bezahlen, um Rufschädigungen zu vermeiden. Das ist inakzeptabel und muss durch eine Ergänzung des Antikorruptionsgesetzes bzw. UWG verhindert werden. Bewertungsplattformen: Gerne! Aber mit gleichen Spielregeln für alle. Werbeplattformen: Ja! Da darf man aber nicht aufgeführt werden müssen, wenn man das nicht will. Eine Kombination beider Plattformtypen muss aber per Gesetz verboten werden, denn sonst wird eine Arzt-Empfehlungs-Plattform zwangsläufig zu einem Portal unlauteren Wettbewerbs, zu einem Ärzte-Korrumpierungs-Forum.

Kein Anschluss unter dieser Nummer?

Die im E-Health-Gesetz vorgegebenen Fristen zur Vernetzung von Ärzten, Kliniken und Apothekern über die Telematikinfrastruktur (TI) sind – mal wieder – nicht zu halten. Zur Erinnerung: Notfalldaten und elektronischer Medikationsplan sollten zum Januar 2018 starten, die elektronische Patientenakte zum Januar 2019. Und die erste Verschiebung ist jetzt auch schon offiziell: Der Online-Abgleich der Versichertenstammdaten – ursprünglich geplant zum Juli 2018  – wird jetzt erst zum 1. Januar 2019 verpflichtend. Die elektronische Patientenakte wird sich nach Ansicht von Insidern voraussichtlich um mindestens zwei Jahre verschieben, möglicherweise noch deutlich länger.

Im Zentrum der Kritik steht die gematik. Und mit ihr die ärztliche Selbstverwaltung, die an der gematik beteiligt ist und seit Jahren bei der Umsetzung mehr auf der Bremse als auf dem Gaspedal steht. KBV-Vorstand Dr. Thomas Kriedel sagt dazu: „Es wäre zu leicht, einfach auf die gematik einzuschlagen. Wir haben es mit einem sehr komplexen Projekt zu tun und der Einbindung von Millionen Patienten, Tausenden Praxen von Ärzten, Zahnärzten, von Krankenhäusern und Apotheken.“

Das stimmt. Allerdings werkelt man an der Telematikinfrastruktur nicht erst seit vorgestern herum. Schon Ende 2003, also vor knapp 14 Jahren, wurden die ersten Entwürfe für eine solche Infrastruktur auf Basis eines Planungsauftrags der damaligen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt erstellt. An den Vorgaben „technisch aktuell und sichere Datenübertragung“ hat sich seitdem nichts geändert, trotzdem ist nicht allzu viel passiert. Dabei gibt es die nötige Infrastruktur in anderen Branchen längst und sie wird beim Online-Banking auch millionenfach benutzt.

Im Gesundheitsbereich wird es aber wohl noch länger beim Hinweis „kein Anschluss unter dieser Nummer“ bleiben. Es sei denn, der nächste Bundesgesundheitsminister hat mehr Erfolg als seine Vorgänger … Zwei aktuelle Interviews der Ärzte Zeitung beleuchten das Thema noch einmal aus verschiedenen Perspektiven.

Interview mit Dr. Thomas Kriedel, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

Interview mit Uwe Eibich, Vorstand der CompuGroup Medical Deutschland AG