Die Zukunft der medizinischen Information

Computerschach, GO und die Folgen für die Medizin

Die aktuelle Schach-Weltmeisterschaft zwischen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin, die der Norweger letzten Donnerstag für sich entschied, brachte auch das Thema der künstlichen Intelligenz mal wieder in die Schlagzeilen. Aber eher am Rande, weil beim Schach schon lange kein Mensch mehr eine Chance gegen einen potenten Computer hat. Die Computer müssen dabei nicht einmal besonders schlau sein, denn die passenden Züge werden einfach durch brachiale Rechengewalt ermittelt.

Etwas anders ist das beim asiatischen Brettspiel GO. Denn hier gibt es mehr Möglichkeiten Steine zu platzieren, als Atome im Universum – sagen die Mathematiker. Einen Computersieg hatte man deshalb eher in den Jahren ab 2020 erwartet, mit der überübernächsten Generation von Superrechnern. Bis im Frühjahr 2016 ein Computer namens Alpha GO den amtierenden Weltmeister Lee Sedol kurzerhand vom Brett fegte.

Was macht Alpha GO anders? Die Software entwickelt selbst Algorithmen und Strategien, indem sie durch Übung lernt. Alpha Go arbeitet also in gewisser Weise wie das menschliche Gehirn und diese Art von lernen ist auch in der Medizin auf dem Vormarsch. Vor allem beim Auswerten von Daten aus Röntgen, CT oder MR sind Computer der Beurteilung durch Menschen prinzipiell überlegen. Die Ärzte Zeitung überlegt gar schon augenzwinkernd, ob die Radiologen eine aussterbende Spezies sind …

An der LMU München wird aktuell ein System zur Abschätzung der Prognose bei Patienten mit hohem Psychoserisiko vor. Das System nutzt MRT-Daten und kann anhand von Voluminaänderungen im Kortex relativ gut abschätzen, welche Patienten mit hohem Risiko tatsächlich in eine Psychose abgleiten. Nachdem das Programm von den Spezialisten trainiert worden war, lag es in 8 von 10 Fällen bei der Prognose richtig. Ziel ist es jetzt, diese Daten in die therapeutische Entscheidung einfließen zu lassen – etwa für ein Stufenkonzept. Das heißt eine medikamentöse Prophylaxe bei Patienten mit ultrahohem Risiko, psychosoziale Interventionen bei mittlerer und engmaschige Kontrollen bei niedriger Konversionsgefahr.

Beitrag in der Ärzte Zeitung

Zahnärzte lieben kein Digitales?

Das Branchenmagazin Healthcare Marketing berichtete kürzlich von der Umfrage LA-Dent 2016. Das Magazin Dental Marketing titelte sogleich „Zahnärzte lieben Print“. Im Umfeld der Studie sind dann auch Zitate zu vernehmen, dass das digitale Segment überschätzt werde etc. Aber – wie immer – kommt es auf den Blickwinkel des Betrachters an. In der Momentaufnahme mag es zwar noch stimmen, dass die gedruckte Information aus Fachzeitschriften die Nase vorn hat. Diese Erkenntnis wird aber auch von allen, die immer noch an gedruckten Anzeigen viel Geld verdienen (Agenturen und Verlage), immer wieder gern verbreitet.
Wem die Online-Affinität der Zielgruppe jedoch im Wettbewerbsumfeld seines Objektes gefällt, der schreibt dann: „In Print und Online sind die zm (=Zahnärztliche Mitteilungen) der beliebteste Informationskanal unter Deutschlands niedergelassenen Zahnärzten.“ (Deutscher Ärzteverlag)
Wo liegt denn nun die Wahrheit? Auch die (zahn)ärztliche Informationsbeschaffung unterliegt einem Wandel. Informationen sind immer häufiger auch digital verfügbar, in die perfekte Darstellung auf allen Endgeräten wie PC, Tablet, Smartphone wird letztlich seitens der Anbieter auch viel investiert. Und der Trend geht eindeutig in Richtung Online-Angebot.
Schaut man sich die Ergebnisse der Nutzungsanalyse im 10-Jahres-Zeitverlauf an, dann wird deutlich, dass die Bedeutung der Zeitschriften, Bücher, Fachtagungen, Aussendienstbesuche usw. stetig abnimmt – einzig die Informationsquelle Internet gewinnt kontinuierlich und sehr deutlich an Boden. Zahnärzte lieben (noch) Print – aber immer weniger.

Digitale Prothesen und der Datenschutz

Im eBook „Die Zukunft der medizinischen Information“ haben wir viele Aspekte der Digitalisierung in der Medizin adressiert. Zunehmend in den Fokus rückt jetzt noch ein zusätzliches Thema: Der Datenschutz bei implantierbarer Medizintechnik.

84 Prozent der Bundesbürger halten die Forschung zu digitalen Medizinprodukten für wichtig oder sehr wichtig. 90 Prozent könnten sich sogar vorstellen, sich bei einer schwerwiegenden Erkrankung ein digitales Implantat einsetzen zu lassen. Das geht aus einer aktuellen Umfrage hervor, die das Meinungsforschungsinstitut forsa im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) durchgeführt hat (Download).

Weitere Zahlen: 78 Prozent befürworten den Einsatz digitaler Hilfsmittel bei der Behandlung weitverbreiteter Krankheiten wie Diabetes oder Asthma. Und 87 Prozent halten digitale Helfer für sinnvoll, um im Alter länger mobil und zu Hause wohnen bleiben zu können. Klar wird aber auch, dass digitale Medizintechnik durchaus Risiken birgt. 66 Prozent der Befragten befürchten, der Einsatz digitaler Medizintechnik gefährde die Privatsphäre.

Open Access statt Abonnements

Open Access steht seit einigen Jahren für den weltweiten freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen. Forschungsergebnisse werden via Internet für jeden verfügbar – keine Bezahlschranke steht zwischen der Information und dem Informationssuchenden. Die gesamte Publikationskette ist heute ja bereits digitalisiert, von der Manuskripteinreichung über das Review-Verfahren bis zur Produktion. Doch bei der Verteilung (und Verbreitung!) der fertigen Publikation kommt es zu einer künstlichen Verknappung.
In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins der Max-Planck-Gesellschaft MaxPlanckForschung 3.2016 geht Dr. Ralf Schimmer, Bereichsleiter Information und stellvertretender Leiter der Max Planck Digital Library, auf dieses Thema ein.
Die wissenschaftlichen Verlage setzen pro Jahr etwa 7,6 Milliarden Euro mit Zeitschriftenabonnements um – die Umsatzrendite liegt zwischen 30 und 40 Prozent. Ein phantastisches Geschäftsmodell, das mit allen Mitteln verteidigt wird. Open Access stellt hier eine Alternative dar. Nicht der Leser bezahlt dafür, dass er den Beitrag lesen darf, sondern der wissenschaftliche Autor übernimmt eine Publikationsgebühr. Dafür ist die Veröffentlichung dann für alle Interessierten weltweit frei zugänglich. Genau das erwartet man doch von einer Wissensgesellschaft, oder?
Schimmer gibt in seinem Beitrag auch den Verlagen Ratschläge, wie sie zukunftsfähig agieren sollten und mahnt zu aktivem Handeln. Sollten sich die Verlage nicht bewegen „dann wird es nicht mehr lange dauern, bis die nachwachsende Generation beim bestehenden System einfach den Stecker ziehen wird.“

Gesundheitswesen in Deutschland niedrig digitalisiert

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat neulich den Monitoring-Report Wirtschaft DIGITAL 2016 herausgegeben. Wie Staatssekretär Machnig gleich zu Beginn in seinem Grußwort schreibt: „Die digitale Transformation ist für den Wirtschaftsstandort Deutschland von herausragender Bedeutung.“

Der Report vergleicht den aktuellen Digitalisierungsgrad verschiedener Branchen. Da stellt sich doch für unseren Blog sogleich die Frage: wie steht es denn im Gesundheitswesen mit der Digitalisierung? Antwort: schlecht.

„Niedrig“ digitalisiert (unter 40 Punkte) sind und bleiben zwei Branchen der gewerblichen Wirtschaft. Obwohl sich der Indexwert im Gesundheitswesen von 35 Punkten im Jahr 2016 auf 38 Punkte 2021 verbessert, wird der zehnte Platz gehalten. Das sonstige verarbeitende Gewerbe stagniert als Schlusslicht mit 35 Punkten auf Rang elf.

Besonders viele Unternehmen im Gesundheitswesen (48%) waren lt. Report der Meinung, dass „Digitalisierung nicht nötig“ sei. Lediglich 40 Prozent der Unternehmen des Gesundheitswesens meinen, dass Weiterbildung zu Digitalthemen wichtig sei. Von allen Branchen ist die Unzufriedenheit mit dem Stand der Digitalisierung im Gesundheitswesen am höchsten. Die größten Hemmnisse scheinen ein zu hoher Zeitaufwand, Probleme mit Datenschutz/ -sicherheit und fehlendes qualifiziertes Fachpersonal zu sein.

Übrigens: Spitzenreiter in diesem Wettbewerb war – wenig verwunderlich – die IKT-Industrie.

Weitere Informationen und Download des Reports hier.