Die Zukunft der medizinischen Information

Mit dem G-BA in die Sommerfrische

Nicht nur bei den Konnektoren gibt es Entscheidungen, über die so mancher den Kopf schüttelt, weil man sie durchaus als Ergebnis „erfolgreicher“ Lobbyarbeit interpretieren kann (Link). Letzte Woche ist aus dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) durchgesickert, dass die geplante Verordnung zum Zwangsaustausch von Biologika zugunsten günstigerer Biosimilars wohl um ein Jahr verschoben wird. Eine Entscheidung, die das gleiche Lobby-Geschmäckle hat.

2016 wurde das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) beschlossen. Darin war u.a. festgehalten, dass Apotheken ab August 2022 Biologika gegen Biosimilars austauschen sollen, wie das bei synthetisch hergestellten Arzneimitteln und Generika schon lange der Fall ist. Einzige Voraussetzung: Der G-BA muss vorab eine Austauschbarkeit festgestellt haben. Für Ausnahmen soll es, wie bei Generika, das Aut-idem-Kreuz geben.

Letzte Woche hat das Bundeskabinett jetzt beschlossenen, die Frist um ein Jahr zu verlängern. Das berichtet die Apotheker-Zeitung mit Hinweis auf die „erheblichen Einwände, die die Sachverständigen der medizinischen Wissenschaft und Praxis, die Spitzenorganisationen der pharmazeutischen Unternehmer, die betroffenen pharmazeutischen Unternehmen und die Berufsvertretungen der Apotheker vorgebracht hätten.“

So endet der Juli 2022. Im August wird dieser Blog eine kleine Sommerpause einlegen und ab September sind wir dann wieder für Sie da. Wir wünschen Ihnen einen entspannten Sommer.

Reinhard Merz
Wolfram Wiegers

Boom bei Videosprechstunden hält an

Corona beschleunigt digitale Lösungen. Durch die anhaltende Corona-Pandemie hält der Boom bei Videosprechstunden in Schleswig-Holstein weiter an. Das belegt eine aktuelle Auswertung der AOK NordWest: Danach wurden im Jahr 2021 insgesamt 12.882 Videosprechstunden von Versicherten der AOK NordWest mit Ärzten in Schleswig-Holstein durchgeführt. Das sind über 33 Prozent mehr als im Jahr 2020 mit 9.636 digitalen Beratungen. In 2019 ließen sich gerade einmal sieben AOK-Versicherte per Bildschirm beraten. „Die Videosprechstunden haben sich weiter etabliert. Angesichts der Infektionsgefahr mit COVID-19 konsultieren immer mehr Patientinnen und Patienten ihren Arzt digital per Video über PC, Laptop oder Smartphone. Durch die Corona-Pandemie erfährt die Digitalisierung im Gesundheitswesen einen riesengroßen Schub“, sagt Dr. Christoph Vauth, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK NordWest.

Videosprechstunden am häufigsten in der Psychotherapie. Am häufigsten nutzten Psychotherapeuten und psychotherapeutisch tätige Ärzte sowie Kinder- und Jugendpsychotherapeuten in Schleswig-Holstein die Videosprechstunden. Auf dem zweiten Rang folgten Allgemeinmediziner vor der Fachgruppe Innere Medizin/Rheumatologie.

(Quelle: Pressemitteilung der AOK NordWest vom 12.07.2022, gekürzt)

Das Dieselgate der Telematikinfrastruktur

Sie erinnern sich noch an den Diesel-Abgasskandal (in Anlehnung an den Watergate-Skandal in den 1970er-Jahren auch gerne Dieselgate genannt), der 2015 so richtig Fahrt aufgenommen hatte? Das Anrüchige daran war ja vor allem die Kombination aus einer Reihe von überwiegend illegalen Manipulationen zur Umgehung gesetzlich vorgegebener Grenzwerte auf der einen und dem politischen Nichtstun auf der anderen Seite.

Was die Recherchen von heise online in der letzten Woche zum Thema Konnektorentausch innerhalb der Telematikinfrastruktur (TI) so ans Tageslicht brachten, steht dem nicht viel nach (Link). Die wichtigsten Punkte hier noch einmal zusammengefasst:

  • Durch die Verzögerungen im TI-Projekt wird sich der Einsatz von OpenID Connect als standardisierte Autorisierung für Web-, Desktop- und Mobilanwendungen verzögern.
  • Gematik und Bundesgesundheitsministerium (BMG) zufolge lassen sich die Zertifikate in den alten Konnektoren aber nicht erneuern, sodass die Konnektoren nach fünf Jahren komplett ausgetauscht werden müssen.
  • Laut Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) wäre immerhin eine zweijährige Verlängerung der Zertifikate per Software ausreichend sicher, ohne die Konnektoren jetzt tauschen zu müssen.
  • Die Hersteller (hier CGM) sagen: „Da die Zertifikate in den Konnektoren fest verbaut sind … ist deren Austausch technisch nicht möglich.“
  • Das Techniklabor von Heise hat das überprüft und sagt: Das geht sehr wohl – und es ist technisch nicht mal aufwendig.

Die Autoren folgern: „Nach unseren Erkenntnissen spricht alles dafür, dass die gSMC-K-Karten zwar an die Konnektor-Hardware gebunden sind, aber offenbar nicht die Konnektor-Hardware an die gSMC-K-Karten. Demnach könnte man einen neuen Kartensatz mit frischen Zertifikaten für den Konnektor erstellen und den teuren Hardware-Tausch vermeiden.“

Für die Hersteller ist der Tausch aber natürlich ein Riesen-Geschäft. Die Preise für einen Vor-Ort-Austausch dürften sich zwischen 2000 und 2500 Euro netto bewegen. Den tatsächlichen Hardware-Einsatz schätzen die Autoren auf 200 bis 300 Euro, sodass hier eine fette Rendite bleibt, auch wenn man den Arbeitsaufwand einberechnet. Und wer zahlt’s? Im Endeffekt werden vermutlich die Krankenkassen den Preis wieder zahlen und damit die Solidargemeinschaft …

Diese unsinnige Sozialisierung vermeidbarer Kosten zum Nutzen einzelner Anbieter ist leider ein weiteres unschönes Kapitel in der endlosen Geschichte der elektronischen Gesundheitskarte und ihrer Infrastruktur.

Corona-Evaluation: ein Flop?

Die Pandemie hat in den letzten zwei Jahren auch in diesem Blog eine bedeutende Rolle gespielt. Erste Beiträge hatten bei uns bereits im März 2020 die „digitale“ Bewältigung der aufflammenden Pandemie zum Thema: wir berichteten ab diesem Zeitpunkt häufiger über Corona-Überwachungs-Apps und den Einsatz digitaler Technik zur Pandemiebekämpfung.

Ein langer Zeitraum, in dem man eine Unmenge an Daten hätte sammeln und auswerten können. Denn die Daten sind letztlich die Grundlage für eine wissensbasierte Entscheidungsfindung und zukünftige Maßnahmen. Nun ist im jüngst erschienen Bericht des Sachverständigenausschusses nach § 5 Abs. 9 IFSG zu lesen: „Die gezielte Erforschung der Pandemie und politische Managemententscheidungen sind ohne qualitativ hochwertige virologische, epidemiologische, klinische und soziale Daten nicht denkbar“.

Leider ist jedoch eine zentrale Erkenntnis des Berichts, dass es an diesen Daten mangelt. So richtet dieser Evaluationsversuch seinen Blick eher auf das, was hätte sein sollen.

Dazu kommt wohl noch, dass die Daten, die vorhanden sind, nicht vollständig ausgewertet werden können. Kritiker erkennen im föderalen Gesundheitssystem und im Datenschutz die Haupthindernisse einer umfassenden Analyse.

Zum Download:

EVALUATION DER RECHTSGRUNDLAGEN UND MAßNAHMEN DER PANDEMIEPOLITIK

Die vier Feinde der Gesundheitskarte

Kennen Sie die vier Feinde der Deutschen Bahn? Frühling, Sommer, Herbst und Winter … Ja, ich weiß, der Witz ist alt. Aber er trifft natürlich im Kern trotzdem zu: Im Sommer fällt die Klimaanlage aus, im Winter die Heizung und zudem vereisen die Weichen. Und das Personal hat Corona oder sonstwas. Widrige Umstände, wohin man schaut.

Die Bahn ist da aber nicht alleine. Die Gesundheitskarte und die Telematikinfrastruktur haben auch Feinde an jeder Ecke. Nur zur Erinnerung: Nächstes Jahr ist es 20 Jahre her, dass Ulla Schmidt den Planungsauftrag vergeben hat und noch immer sind wir weit davon entfernt, ein halbwegs funktionierendes System zu haben.

Und wie bei der Bahn kam immer etwas anderes dazwischen. Irgendwann hatte rot-grün fertig und der politische Fokus lag woanders. Dann probten die Ärzte den Aufstand, weil das für sie nach Kontrolle aussah und sie doch eigentlich der Eigentümer der Daten sind. Meinten sie zumindest mal. Das hat das erste Jahrzehnt aufgefressen.

Das zweite Jahrzehnt war dann eher von mangelndem Gestaltungswillen (Gröhe), Datenschutzdiskussionen (DSGVO) und Pannen (gematik) geprägt. Just jetzt, wo Minister Lauterbach das Thema mit großer Strategie angehen möchte, droht neues Unheil von ganz anderer Seite: „Die durch die Coronakrise angespannte Situation am Halbleitermarkt und damit verbundene Lieferengpässe könnten sich auch auf die Ausgabe elektronischer Gesundheitskarten (eGK) auswirken“ orakelte Heise online letzte Woche. Im Detail: „Die AOK als größter Versicherer gab an, unter anderem aufgrund des Shanghai-Lockdowns erneut von einem akuten Chipmangel betroffen zu sein.“

Da Version 2.1 der eGK Voraussetzung für die E-Rezept-App ist, könnte dessen geplante Einführung – schon mal verschoben – noch weiter in die Zukunft rücken. Theoretisch ist zwar auch eine kartenlose Anmeldung möglich, dazu ist aber die App für die elektronische Patientenakte (ePA) der jeweiligen Krankenkasse erforderlich. Und wo wir dort stehen, haben wir in diesem Blog ja schon öfter diskutiert.

Die vier Feinde … Wenn man ehrlich ist, tut man der Bahn unrecht mit diesem Vergleich.