Die Zukunft der medizinischen Information

Die Gesundheits-Pläne der Ampel

Noch ist der Koalitionsvertrag nicht unterzeichnet, doch so langsam kristallisiert sich heraus, was uns die nächsten vier Jahre in Sachen Gesundheit und Pflege bringen könnten. Seit letzter Woche kursiert ein sechsseitiges Papier, das die AG Gesundheit und Pflege erarbeitet hat. SPD, Grüne und FDP waren jeweils mit einem Vierer-Team vertreten.

Natürlich hat auch die Digitalisierung dort ihren Platz. „Wir ermöglichen regelhaft telemedizinische Leistungen inklusive Arznei-, Heil- und Hilfsmittelverordnungen sowie Videosprechstunden, Telekonsile, Telemonitoring und die telenotärztliche Versorgung. Wir beschleunigen die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) und deren nutzenbringende Anwendung und binden beschleunigt sämtliche Akteure an die Telematikinfrastruktur an.“

Beschleunigt also. Der noch amtierende Bundesminister Jens Spahn hatte es immerhin geschafft, in einer Legislaturperiode mehr auf den Weg zu bringen, als seine Vorgänger Schmidt, Rösler, Bahr und Gröhe in den 12 Merkel-Jahren davor zusammen. Die Corona-Pandemie zündete den Turbo und machte Telemedizin salonfähig, bis die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) und der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) alle wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte.

Die gematik, ob der eher gefloppten Einführungen doch deutlich in der Kritik, soll nach dem Willen der AG Gesundheit zu einer digitalen Gesundheitsagentur ausgebaut werden. In diesem Zusammenhang findet sich auch der spannende Satz: „Wir durchforsten das SGB V und weitere Normen nach auch durch technischen Fortschritt überholten Dokumentationspflichten.“ Ein Bürokratieabbaupaket klingt gut, bleibt abzuwarten, wie es in den Mühlen der Selbstverwaltung umgesetzt wird.

Last not least möchte man ein Präventionsgesetz auf die Schiene bringen, das diesen Namen auch verdient hat. „Wir schaffen einen Nationalen Präventionsplan sowie konkrete Maßnahmenpakete …“ steht da und dazu auch eine Idee, wo das Geld dafür herkommen soll: Von den Kassen, deren Möglichkeiten „… Beitragsmittel für Werbemaßnahmen und Werbegeschenke zu verwenden …“ man beschneiden möchte.

AR-Anwendungen in der hochschulischen Hebammenausbildung

Am Donnerstag, den 11. November 2021, trafen sich zum vierten Mal Fachbeirat und Projektteam des Forschungsprojektes „Heb@AR – Augmented Reality gestütztes Lernen in der hochschulischen Hebammenausbildung“ an der Hochschule für Gesundheit in Bochum, um den aktuellen Stand des Projektes zu besprechen und gemeinsam nächste Schritte zu planen. Der Fachbeirat tagte aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie in einem hybriden Format. Der interdisziplinär besetzte Fachbeirat hat unteranderem die Aufgabe das Projektteam zum Ablauf des Projektes zu beraten.

Die Mitglieder des Fachbeirates hatten wegen der pandemiebedingten Einschränkungen nun zum ersten Mal die Möglichkeit, die ersten Lernszenarien des Projektes Augmented Reality (AR) gestützt zu trainieren. Neben der Reanimation eines Neugeborenen wurde auch das Aufziehen eines Notfallmedikamentes und eine AR-Anwendung zur Anatomie des weiblichen Beckens ausprobiert.

Neben dem Bericht über die bereits erreichten Meilensteine in zwei Jahren Projektlaufzeit und einem Ausblick zu dem weiteren Verlauf des Forschungsprojekts Heb@AR, brachte der fünfköpfige Fachbeirat aus den verschiedenen Perspektiven der Hebammenwissenschaft, Informatik, Medienpädagogik und Medizindidaktik sowie einer studentischen Perspektive in angenehmer Atmosphäre ihre Expertise und ihre Ideen die Weiterentwicklung des Projektes ein.

Das Forschungsprojekt Heb@AR widmet sich der Entwicklung, Testung und Implementierung von AR- gestützten Notfallszenarien in der hochschulischen Hebammenausbildung, um Studierende auf adäquates und effizientes Notfallmanagement vorzubereiten und so die kindliche und mütterliche Sicherheit zu erhöhen. Die Förderung des Verbundprojekts ‚Heb@AR‘ erfolgt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit Mitteln aus der Förderlinie ‚Forschung zur digitalen Hochschulbildung‘ (Förderkennzeichen 16DHB3019).

(Quelle: Pressemitteilung vom 12.11.2021; gekürzt)

 

Keine gute Woche für die Health IT

In der letzten Woche fand der 125. Deutsche Ärztetag statt. Das ist erfahrungsgemäß keine Wohlfühlveranstaltung für die gematik und so war es auch in diesem Jahr. Schon in seiner Eröffnungsrede hat BÄK-Präsident Dr. Klaus Reinhardt die aktuelle Situation kritisiert. Die Ärzte Teitung zitiert aus seiner Rede zur Digitalisierung: „Wenn wir das jetzt noch verändern wollen, müssen wir die Reißleine ziehen und Ordnung in das Chaos bringen. Das heißt: Tempo raus aus der überhasteten Digitalisierung des Gesundheitswesens. …

Wir fordern die künftigen Ampel-Koalitionäre auf, für die gematik ein einjähriges Moratorium festzuschreiben. In dieser Zeit ist die gematik auf eine versorgungsrelevante Strategie hin neu auszurichten und die Versorgungskompetenz der Gesellschafter stärker zu gewichten.“

Tempo raus aus der – ich muss das jetzt in Versalien schreiben – ÜBERHASTETEN Digitalisierung. Sagt der BÄK-Präsident. Wenn man bedenkt, dass der Prozess mit dem Planungsauftrag von Ulla Schmidt 2003 begann, hat das Kind 2021 die Volljährigkeit erreicht. Und es war kein schöner Geburtstag, den die BÄK-Delegierten da begingen – ironischerweise begleitet von Pannen bei der Online-Abstimmung und WLAN-Problemen im Kongresszentrum.

Die Beschlüsse lesen sich wie eine 6 im Zeugnis. Die Digitalisierung müsse „endlich einen nachweisbar positiven Beitrag zur Verbesserung der Patientenversorgung leisten“, heißt es im Beschluss und man sieht „erhebliche Fehlentwicklungen und gravierende Akzeptanzprobleme“. Und auch hier findet sich wieder der Hinweis, Tempo sei „kein Garant für erfolgreiches Handeln“.

Als sei das alles noch nicht schlimm genug, machte am gestrigen Montag die Nachricht die Runde, dass Medatixx, immerhin die Nummer 2 am Markt für Praxisverwaltungssysteme, Opfer eines Cyberangriffs wurde. Nach Angaben des Unternehmens wurden wichtige Teile des IT-Systems verschlüsselt, was den Unternehmensbetrieb „derzeit stark beeinträchtigt“.

Vor diesem Hintergrund bekommt der BÄK-Beschluss nach einem Moratorium schon fast etwas Prophetisches.

Dermatologische Schwarmintelligenz

Nun sag, wie hast du’s mit der KI? Diese Frage wird zukünftig den ärztlichen Berufstand noch häufiger beschäftigen, denn bislang sehen viele darin nur ein Zukunftsthema ohne aktuelle Relevanz. Auch ein kürzlich interviewter Medizinstudent meint, dass dieses Thema „überwiegend noch in der Zukunft liegt, und die KI sicher eher als Unterstützung statt gleichwertigem Helfer“ angesehen wird.(1)

Den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Dermatologie hatten wir in diesem Blog bereits thematisiert, denn die KI erwies sich schon mehrfach als äußerst treffsicher bei der Diagnose häufig vorkommenden Hauterkrankungen.

Doch wie sieht es bei selteneren oder auch ungewöhnlichen Fällen aus? Dieser Frage ging eine jüngst im JDDG erschienene Publikation (2) nach. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass bei einer anspruchsvollen Diagnostik von Hautläsionen das Mehrheitsvotum einer Gruppe von Dermatologen dem Ergebnis einzelner Ärzte sowie zweier KI-Algorithmen überlegen war.

Quellen

  • KI in der Medizin: Das sagen Nachwuchsärzte und -ärztinnen; HEALTH RELATIONS, 22. Oktober 2021
  • Kollektive menschliche Intelligenz übertrifft künstliche Intelligenz in einem Quiz zur Klassifizierung von Hautläsionen; JDDG (19), 2021, https://doi.org/10.1111/ddg.14510_g

Kongresse: Präsenz – oder nicht, oder wohl oder doch …

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie ist zwischen der Pandemie … Die Planung großer Kongresse ist dieser Tage ein mühseliges Unterfangen. Morgen beginnt der Deutsche Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie und lange war nicht klar, wie das Format überhaupt aussehen wird. Letztes Jahr war der Kongress komplett online (#digitalOU2020) und lief rundum gut, sodass das Planungstriumvirat vom letzten Jahr auch diesmal den Kongress ausrichten darf – was ansonsten eher ungewöhnlich ist.

Dieses Jahr hat man sich jetzt für das Hybridformat entschieden, was im Detail bedeutet: Der gesamte Kongress findet im Präsenzformat in Berlin statt (12 parallele Säle an 4 Tagen), ein Großteil des Programms (7 Säle) wird ins Internet gestreamt und steht dort on demand bis 30.11.2021 zur Verfügung. Mein Tipp: An diese Art der Veranstaltung werden wir uns gewöhnen – auch wenn die Pandemie eines Tages ganz verschwinden sollte, bevor die nächste auf uns zurollt.

Auch in der Arztpraxis wird man sich an das „sowohl als auch“ gewöhnen – und zum Beispiel die Videosprechstunde nicht gleich wieder in die Schublade stecken. Zu deren unbestrittenen Vorteilen gehört neben der Senkung des Infektionsrisikos für Praxispersonal und Patienten auch die flexible Steuerung des Patientenaufkommens – mit und ohne Corona. Nach einer repräsentativen Studie der Stiftung Gesundheit unter Medizinern nutzten im Pandemiesommer 2020 bereits 52,3 Prozent der Teilnehmer die Videosprechstunde. Das dürften seitdem eher mehr geworden sein.

Im familiären Bereich ist die Kommunikation schon seit Jahren ganz selbstverständlich hybrid. Natürlich ist man gerne zusammen und besucht sich ab und an. Trotzdem wird ein großer Teil der Alltags-Kommunikation zusätzlich über Chats abgewickelt und alle sind mit dieser Situation zufrieden. Das wird bald auch im Gesundheitswesen so sein, wenn man bald nicht zu eng definiert. Bald in 3 Jahren ist dabei vielleicht realistischer als bald in 3 Monaten.