Die Zukunft der medizinischen Information

Text, Webinar, Webcast, Podcast, AR/VR: die Vielfalt der digitalen CME-Angebote

Ärztliche Fortbildung ist vielseitig, auch bezüglich der Angebote, die mit dem gesetzlich verpflichtenden Erwerb von Fortbildungspunkten einhergehen. Das E-Learning in all seinen Facetten hat längst Einzug gehalten, bietet heute eine große Auswahl verschiedenster Lernmodul-Typen, die je nach persönlicher Medienpräferenz „konsumiert“ werden können. Die Corona-Pandemie der letzten Jahre hat der Ausweitung  der digitalen Fortbildungsangebote eine deutlichen Schub gegeben. Mangels Präsenzveranstaltungen wagten sich viele Digital-Skeptiker in die Welt der Online-Fortbildungen und blieben dort.

Die verschiedenen Lernmodul-Typen lassen sich wie folgt unterteilen:

Digitale Video- oder Audio-Fortbildungen:

  • Webinar, Webcast, Podcast

Digitale textbasierte Fortbildungen

  • HTML, PDF

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mittels interaktiver Anwendungen, wie z. B. Augmented Reality, die innerhalb einzelner Module eingesetzt wird, kann die Visualisierung des Lernstoffs verbessert werden. Es ist zu erwarten, dass Microlearning, Social Learning und auch die Serious Games zunehmend einen Platz im eCME-Umfeld einnehmen werden.

Literatur: Wiegers, W., Böhm, K. (2022). eCME: E-Learning in der ärztlichen Fortbildung. In: Pfannstiel, M.A., Steinhoff, P.FJ. (eds) E-Learning im digitalen Zeitalter. Springer Gabler, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-36113-6_13

Anti-Aging: Wissenschaft meets Spinnerei?

Im Silicon Valley wird schon seit längerem nicht nur massiv in digitale Technologie investiert, sondern auch in die Forschung zu den Ursachen des Alterns. Und Technologien, mit denen man diese Entwicklung aufhalten kann. Von Google-Gründer Larry Page bis zu Amazon-Chef Jeff Bezos hat jeder, der was auf sich hält, dort einen ThinkTank gegründet, der sich damit beschäftigt.

Gegen das Programm, dass Saudi-Arabien jetzt aufsetzt, sind die Budgets der Tech-Milliardäre aber wohl eher bescheiden. Die Saudis wollen jährlich eine Milliarde Dollar für die Förderung der Grundlagenforschung über die Biologie des Alterns sowie das „Better Aging“ ausgeben – also das Altwerden bei guter Lebensqualität. Darüber hat Heise online jüngst berichtet (Link).

Ganz uneigennützig ist das natürlich nicht. Obwohl die Bevölkerung Saudi-Arabiens im Schnitt wesentlich jünger ist als die in Deutschland, sind die Prävalenzraten von Diabetes und Adipositas dramatisch hoch. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Vernünftige Präventionskonzepte – nach wie vor das wissenschaftliche Standbein der Anti-Aging-Medizin – zu entwickeln, die auf die dortige Bevölkerung zugeschnitten sind, werden sicher ein Schwerpunkt sein. Spekuliert wird aber auch, dass ein nicht unerheblicher Teil des Geldes in die sogenannte „Radical Life Extension“ fließen soll. Das sind Konzepte die erreichen wollen, dass Menschen 500 Jahre oder älter werden können.

Der Brite Aubrey de Grey und seine Strategies for Engineered Negligible Senescence (SENS) beschäftigen sich schon seit Jahren damit, wie man Schäden des Alterungsprozesses auf molekularer Ebene beheben kann. Das liest sich wie Science Fiction, an vielen Stellen ziemlich abgedreht. Ehrlicherweise muss man aber zugeben: Vor 100 Jahren hat auch noch keiner daran geglaubt, dass man mit einem Weltraumteleskop Bilder aus den Anfangstagen des Universums zur Erde funken kann.

Dass Anti-Aging auf dem besten Weg ist, eine anerkannte Disziplin der Medizin zu werden, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass es eine wissenschaftliche Fachgesellschaft gibt (GSAAM) und dass auch etablierte Medizinverlage keine Scheu mehr haben, entsprechende Lehrbücher zu publizieren. Das in diesem Jahr erschienen Lehrbuch von Bernd Kleine-Gunk und Alfred Wolf (Link) spannt sehr schön den Bogen von den Anfangstagen der Hormonersatztherapie zu den Zukunftsperspektiven: Wissenschaft meets große Träume.

E-Learning im digitalen Zeitalter

… lautet der Titel des von Mario Pfannstiel (Neu-Ulm) und Peter Steinhoff (Ismaning) herausgegeben und kürzlich im Verlag Gabler Springer erschienen Werkes.

Stolze 758 Seiten umfasst diese Zusammenstellung der E-Learning-Potentiale durch die beiden Hochschulprofessoren. Den Anspruch der fundierten und praxisnahen Darstellung erfüllt das Werk ebenso wie die Vorstellung von Werkzeugen und Methoden für digitales Lernen und Lehren. Die Autoren des Buches sind Experten aus Wissenschaft und Praxis. In ihren Beiträgen beschreiben sie Technologie-Trends, ermöglichen aber auch durch zahlreiche (Best-Of) Praxisbeispiele eine aktuelle Bestandsaufnahme des Themenfelds E-Learning.

Das Buch gliedert sich u.a. in die Anwendungsbereiche Hochschule und Gesundheitswesen. Der letztgenannte Bereich umfasst die Einzelbeiträge:

  • Systematisches Handlungswissen und digital gestütztes Lernen in Medizin und Pflege
  • Optimierung von E-Learning in der Vermittlung von Praxisanforderungen und Schlüsselkompetenzen im Gesundheitswesen
  • Erfolgreiche Digitalisierung der Fort- und Weiterbildung am Beispiel der Charité
  • eCME: E-Learning in der ärztlichen Fortbildung
  • „Inklusiv digital“ – Ein E-Learning-Kurs für pädagogisch-pflegerische Fachkräfte als Instrument zur Förderung medienpädagogischer Kompetenzaneignung und Kompetenzvermittlung
  • Einsatz der erweiterten und virtuellen Realität (AR/VR) beim kollaborativen E-Learning im Fernstudium am Beispiel des Gruppenprojektes „Alltagsunterstützende Assistenzsysteme“
  • E-Learning-Entwicklung durch Co-Creation

Viele, äußerst lesenswerte Beiträge, die „die Bedeutung ärztlicher und pflegerischer Fortbildung sowie medizinischer Fortbildungsplattformen zur Kompetenzaneignung und -vermittlung“ hervorheben.  Eifrige User dieses Blogs, werden die Themen wiedererkennen.

Riesiges Einsparpotenzial trifft tragische Innovationsbremse

In dieser Woche können wir von einer weiteren Facette des Endlos-Themas Telematikinfrsstruktur berichten: dem Einsparpotenzial. Schon 2018 hatte McKinsey zusammen mit dem Bundesverband Managed Care (BMC) das Nutzenpotenzial berechnet. Damals kam man auf die stattliche Summe von rund 34 Mrd. EUR p.a.

Vier Jahre und eine Pandemie später wurde dieser Report jetzt aktualisiert. Einiges ist umgesetzt, vieles in der Pipeline, noch mehr in einer chaotischen Übergangsphase. „Richtig eingesetzt kann die Digitalisierung helfen, das „quadruple aim“ zu erreichen: höhere Versorgungsqualität, größere Kosteneffizienz, ein verbessertes Patientenerlebnis und ein optimiertes Arbeitserlebnis für das Personal im Gesundheitswesen“ schreiben die Autoren in der Einleitung. Die wichtigsten Ergebnisse der aktualisierten Studie (Link):

— Im Vergleich zu 2018 hat sich das Nutzenpotenzial der Digitalisierung um 24% auf rund 42 Mrd. EUR p.a. erhöht.

— Lediglich rund 1,4 Mrd. EUR des Potenzials sind bislang erschlossen. Mit der Steigerung der Gesundheitsausgaben ist auch das Nutzenpotenzial gestiegen, und zwar um 3,7 Mrd. EUR im Vergleich zu 2018. Auch ist der Effekt einiger Technologien (z.B. Telekonsultation) heute höher einzuschätzen, was das Nutzen potenzial um weitere 5,8 Mrd. EUR steigen lässt.

— Allein mit 5 der 26 im Detial untersuchten Technologien ließen sich bereits rund 22 Mrd. EUR Nutzen realisieren. Spitzenreiter ist die ePA mit einem Potenzial von 7 Mrd. EUR.

— Rund 61% des Gesamtpotenzials ergeben sich aus Produktivitätssteigerungen bei den Leistungserbringern, 39% aus der Verringerung des medizinischen Bedarfs.

Das alles liest sich total spannend, 42 Milliarden sind natürlich ein riesiges Einsparpotenzial, das letztlich auch sicher zumindest zum Teil den Patienten zugute käme. Es klingt aber auch ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Ein Blick in die Zukunft halt.

Eine deutlich dunkleres Zwischenfazit zieht eine Analyse von Heise online, die ebenfalls letzte Woche veröffentlicht wurde (Link). Titel: „Teure Intensivmedizin für ein totes Pferd“. Das bezieht sich auf die den Dakota-Indianern zugeschriebene Weisheit „Wenn du erkennst, dass Du ein totes Pferd reitest,  steig ab.“ Genüsslich hält der Beitrag fest: „ … kann man den weisen Rat … ignorieren und teure Wiederbelebungsmaßnahmen verordnen. Zur Pflege der öffentlichen Gesundheit wäre es aber klüger, den Kadaver zu entsorgen, ehe er weiteren Schaden stiftet.“ Die Forderung lautet: Mehr Wettbewerb und weg vom aktuellen TI-Monopol, das „ … nicht nur tragische Innovationsbremse, sondern eine rückwärtsgewandte IT repräsentiert.“ Ob all das in den Strategie-Prozess einfließen wird, den der Bundesgesundheitsminister ab Sommer zu diesem Thema plant? Wir werden es sehen.

Dr. med. digi.?

Eine Schlagzeile auf Medscape lautete neulich: Kommt bald der Facharzt für digitale Medizin? Im dazugehörigen Artikel wird auf Aussagen im Umfeld des jüngsten DGIM-Kongresses Bezug genommen. Der von uns geschätzte ehemalige DGIM-Präsident Prof. Ertl wird wie folgt zitiert: „Medizininformatik muss deshalb Teil des Medizinstudiums werden, das muss ein Fach sein wie die Chemie und die Biochemie“.

Wie ist denn hier die Perspektive eines Informatikers? Klaus Böhm, Professor für Angewandte Informatik an der Hochschule Mainz, hat schon über mehrere medizin-nahe Projekte publiziert. Letztens z. B. über den innovativen Einsatz von Augmented Reality in eCME-Fortbildungen. „Sicherlich wären Grundlagenkenntnisse in Teilbereichen der Informatik, wie z.B. Künstliche Intelligenz, Mobile Systeme, Digitale Bildverarbeitung für die neue Generation der Mediziner unerlässlich. Hier geht es darum, die Potentiale moderner Diagnose- und Behandlungsverfahren adäquat einschätzen und diese effektiv einsetzen zu können.“ so Prof. Böhm.

Es wird ja nicht gefordert, dass jeder Arzt in der Lag sein soll einen KI-Algorithmus zu programmieren, aber grundlegende Kenntnisse ermöglichen es eben auch, die richtigen Fragen zu stellen. Die Medizinische Informatik gibt es längst als eigenständiges Studienfach. Eine Einbeziehung der dort vorhandenen Expertise wäre wünschenswert, um das Medizinstudium zu modernisieren. Im Grunde trifft der Wunsch nach einem verbesserten Wissensstand im Bereich der Informatik ja auf alle Studienfächer zu, denn Themen wie Big Data Analytics, KI oder Blockchain werden früher oder später überall Einzug halten.