Die Zukunft der medizinischen Information

Neues Jahr: Auf zu neuen Ufern oder alte Probleme?

Dass es auch 2019 wieder Diskussionen um die Datensicherheit gibt, kommt nicht unerwartet. Dass schon in der zweiten Kalenderwoche die massenhafte Veröffentlichung von privaten Daten verschiedener Politiker und anderer Prominenter sogar den Bundesinnenminister – mal wieder – in die Schusslinie bringt, war so vielleicht nicht zu erwarten. Nun kann man sagen, wer soziale Medien nutzt, weiß worauf er sich einlässt. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn Datenschutz im Internet ist für eine Mehrheit der Deutschen schon ein wichtiges Thema. Anfang der Woche hat eine repräsentative Umfrage im Auftrag des ARD-Deutschlandtrend gezeigt, dass 61 Prozent der Befragten sehr große oder große Sorge vor einem Missbrauch ihrer persönlichen Daten im Internet hat.

Da passt es gut, dass die gematik kurz vor Weihnachten 2018 ihre Pläne für die E-Patientenakte nach Paragraf 291a SGB V vorgelegt hat. Sie hat bildlich gesprochen drei Schubladen, eine für die Abrechnungsdaten der Kassen, eine für patientengenerierte Daten und eine für die „richtige Medizin“, in der von Notfalldaten über Befunde und Bilder bis zu Medikationsplänen alles vertreten sein kann. Im Gegensatz zu den Gesundheitsakten der Kassen handelt es sich nicht um einen reinen Datencontainer, sondern um eine „echte“ Akte, die auch mit strukturierten Daten umgehen kann (ICD-Diagnosen etc.).

Diese Struktur muss jetzt durchdefiniert werden und natürlich stellt sich die Frage, wer das machen soll?  Prof. Bertram Häussler vom Berliner IGES Institut sieht es in einem Gastbeitrag für die Ärzte Zeitung so:Die gematik, die vielen 15 Jahre lang als Bremser galt, hat das Mandat für die Architektur behalten, obwohl viele Gründe dafür sprechen, die Standardisierung durch einen offenen Prozess zu gestalten, wie er auf zahlreichen anderen Feldern zu finden ist. Auch wenn die gematik nunmehr bis Ende Dezember hierzu ein Dokument veröffentlichen soll, gibt es in der Szene kaum jemanden, der weiß, wozu dieses Dokument etwas aussagen soll.“ Das erinnert dann doch wieder fatal an die Sponti-Abwandlung eines alten Esso-Werbeslogans aus den 1980er-Jahren: „Es gibt viel zu tun – warten wir’s ab.“

Max-Planck-Gesellschaft kündigt Elsevier

Die Max-Planck-Gesellschaft, eine Top-Adresse europäischer Grundlagenforschung, hat alle Abonnements für Zeitschriften des Elsevier-Verlags Ende 2018 beendet. Eine gute Entscheidung. Die MPG unterstützt damit das nationale Lizensierungsprojekt DEAL, das von 200 Universitäten und Forschungseinrichtungen unterstützt wird.

Worum geht es dabei? Forschende und die Allgemeinheit sollten einen kostenfreien(!) Zugriff auf Forschungsergebnisse erhalten. Dem haben die wissenschaftlichen Verlage, allen voran der Marktführer Elsevier, durch ihre Bezahlschranke einen Riegel vorgeschoben. Ohne Abonnement gibt es keinen Zugriff auf die Artikel. Elsevier produziert etwa 3.500 Fachzeitschriften und erzielt einen Jahresumsatz von 2,7 Mrd. € – bei einer sagenhaften Umsatzrendite von annähernd 40%. Aufgrund der aggressiven Preispolitik wurde der Verlag immer wieder kritisiert.

Die MPG setzt auf die Initiative Open Access 2020. „Unser Ziel ist es, den Publikationsoutput der MPG … im Laufe der nächsten Jahre nahezu komplett frei zugänglich zu machen, “, so Ralf Schimmer, Stellvertretender Leiter der Max Planck Digital Library in einer Pressemitteilung.

Insofern ist der Schritt der MPG nur konsequent, denn die Nicht-Verfügbarkeit wissenschaftlicher Information behindert den wissenschaftlichen Fortschritt.

Weitere Beiträge zum Thema in diesem Blog

Abonnements wissenschaftlicher Journale passen nicht ins digitale Zeitalter

Open Access statt Abonnements

Was bleibt von 2018?

Bevor das Jahr sich seinem Ende zuneigt, kommt die Zeit der Jahresrückblicke. Und was ARD und ZDF gut und teuer ist, soll auch hier im Blog nicht zu kurz kommen. Wie werden wir das Jahr 2018 in Erinnerung behalten? Als Jahr der Datenschutz-Grundverordnung? Oder als Jahr der endlosen Datenskandale? Als Jahr der ersten gentechnisch veränderten Menschenkinder?

Vielleicht wird 2018 am ehesten als das Jahr in die Geschichte eingehen, in der maschinelles Lernen aus dem Elfenbeinturm auf die Erde gefallen ist. Wir merken das zum Beispiel daran, dass die Bilder unserer Smartphone-Kameras immer besser werden, obwohl wir nach wie vor einfach nur draufhalten. Auch in der medizinischen Wissenschaft gibt es kaum ein Problem, dass man nicht mit Künstlicher Intelligenz lösen möchte: Bessere Diagnosen, präzisere Operationen, maßgeschneiderte Medikamente.

Schon heute könnten lernfähige Algorithmen zuverlässige Diagnose- und Therapiehelfer sein, wenn wir vernünftige Konzepte für ihren Einsatz hätten. Zum Beispiel in der Psychiatrie. Im Bereich Medikamentenentwicklung hat sich dort in den letzten 25 praktisch nichts getan – kein Wunder, dass die Psychiater auf andere Konzepte setzen. „Die Dinge ändern sich durch die Digitalisierung epochal“, sagte beispielsweise Prof. Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit, jüngst auf dem Psychiatriekongress in Berlin.

In der Psychiatrie können Algorithmen z.B. auf Basis von Sprachanalysen, Bewegungsmustern und Nutzungsgewohnheiten auf Smartphones erkennen, ob bei einem Patienten akute Suizidgefahr besteht. Oder können anhand von MRT- und ärztlichen Routinedaten bestimmen, welcher Patient künftig tatsächlich eine Psychose entwickelt und entsprechende Präventionsprogramme anstoßen. Das wirft natürlich ethische Fragen auf: Wer zieht die Grenze zwischen gesund und krank? Und welche Biomarker gibt es für psychische Erkrankungen? Wir müssen nichts auf Teufel komm raus digitalisieren. Wir können aber auch nicht so tun, als können wir diese Entwicklung einfach aussitzen.

Die Zeitschrift Technology Review fasste es so zusammen: „2018 ist das Jahr der Hoffnung – dass es 2019 besser wird.“ In diesem Sinn wünschen wir Ihnen eine entspannte Winterzeit und alles Gute für 2019! Dann bloggen wir ab dem 7. Januar wieder.

Ihr Team von medicallearning.de

 

© Jonas P.

KI in der Medizin – ohne Fehler?

Das Thema Künstliche Intelligenz und deren Anwendung in der Medizin haben wir in diesem Blog bereits mehrfach aufgegriffen. Sicherlich wird die KI ein wichtiges Zukunftsfeld der unterstützten Diagnostik werden, aber können wir bereits heute schon absolute Verlässlichkeit erwarten?

Dem Watson-Supercomputer von IBM wird vorgeworfen, unsichere und falsche Krebstherapien empfohlen zu haben. Watson wurde mit einer kleinen Anzahl synthetischer Kasuistiken von hypothetischen Patienten gefüttert –  anstelle von echten Patientendaten. Die (Behandlungs-)Empfehlungen basierten auf der Expertise weniger Spezialisten, nicht jedoch auf den anerkannten Guidelines. Ausführlich hat sich damit das US-Portal STAT beschäftigt.

KI-Anwendungen sind insbesondere in der Dermatologie angesagt. „Besser als der Hautarzt“ wurde schon frohlockt. Aber auch hier wurden Schwächen entdeckt, insbesondere bei der Melanom-Diagnostik bei schwarzer Hautfarbe. Denn die Referenzfotos mit der die KI arbeitet, stammen überwiegend von hellhäutigen Patienten. Solange dieses Manko nicht beseitigt wird, ist an einen breiten Einsatz nicht zu denken, obwohl die Nutzung einer KI in Verbindung mit der Telemedizin gerade in Weltregionen mit einer geringen Arztdichte wünschenswert wäre.

In beiden oben genannten Fällen begrenzt die Datenauswahl die Möglichkeiten der KI – und darüber bestimmt die KI (noch) nicht selbst.

Das Christkind bringt die Strategie

Letzten Donnerstag veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung ihre große Studie „#SmartHealthSystems – Digitalisierungsstrategien im internationalen Vergleich“. Auf 400 Seiten wird dort der aktuelle Stand der Patientenversorgung in den industrialisierten Ländern erhoben und verglichen. Die komplette Studie ist kostenlos im Internet verfügbar (Link).

Die Studie analysiert, wie die Gesundheitspolitik in den einzelnen Ländern bei der Digitalisierung handelt: Welche Strategien gibt es? Welche funktionieren, welche nicht? Wie steht es um die technischen Voraussetzungen, etwa den Ausbau des schnellen Internets? Und wie nutzen die Bewohner und Leistungserbringer die digitalen Technologien? Aus all diesen Informationen erstellt sie den „Digital Health Index“, bei dem mehr Punkte einen besseren Digitalisierungsstatus bedeuten. Der Durchschnitt der untersuchten Länder liegt bei 58,9 Punkten.

Schon die Einleitung der Studie verheißt wenig Gutes für den Standort Deutschland: „Elektronische Patientenakten verhindern gefährliche Wechselwirkungen bei Medikamenten, Telemedizin verbindet Arzt und Patient egal wo sie sind, Gesundheits-Apps stärken chronisch Kranke. All das wäre in Deutschland möglich, doch der digitale Fortschritt kommt nicht ausreichend bei den Patienten an.“

Entsprechend fällt das Ranking aus. Spitzenreiter sind Estland (81,9 Punkte), Kanada (74,7 Punkte) und Dänemark (72,5 Punkte). Selbst das gerne gescholtene NHS in Großbritannien fährt 70,0 Punkte ein und schafft es damit auf Platz 6. Und Deutschland? Schafft es mit 30 Punkten mal gerade auf Platz 16 von 17 Teilnehmern. Nur Polen ist mit 28,6 Punkten noch rückständiger. Peinlich, aber hausgemacht.

Und just gestern und heute findet in Nürnberg der 2. Digitalgipfel der Bundesregierung statt (Link) und dieses Mal soll es vor allem um Künstliche Intelligenz gehen. Dort werden sicher wieder große Konzepte vorgestellt. Aber bevor wir uns ans Umsetzen machen, warten wir dann doch lieber erst einmal aufs Christkind. Vielleicht bringt das ja eine Strategie …