Die Zukunft der medizinischen Information

Entwickelt sich das Smartphone zum Gesundheitszentrum?

Die recht erfolgreiche Einführung der Corona-Warn-App vom RKI beweist, wie sehr bereits heute die Informationen zur eigenen Gesundheit mit dem persönlichen Smartphone verzahnt sein können.

Was ist in Zukunft noch zu erwarten?

  • Bereits heute verfügen Smartphones über eingebaute Sensoren, die zahlreiche Parameter analysieren können und demnächst wird das Smartphone (in Verbindung mit der Smartwatch) Vitalfunktionen überwachen. Anwendung bei der Früherkennung einer Erkrankung und dem Monitoring begonnener Therapien.
  • Die integrierten Infrarot-Sensoren eines iPhones könnten nicht nur zur FaceID, sondern auch zur Temperaturmessung und -aufzeichnung genutzt werden – ohne externe Zusatzgeräte. Bei einer Pandemie könnte dies ein wichtiges Hilfsmittel sein. Und siehe da: schon hat Huawei in einem neuen Modell bereits einen Infrarot-basierten Temperatursensor integriert. Kurz an die Stirn halten – schon zeigt die App die Körpertemperatur.
  • Ein Thema, welches wir in diesem Blog schon mehrfach aufgegriffen haben: der mobile Hautarzt. Das Smartphone erstellt ein Foto vom Leberfleck, die KI erstellt eine Empfehlung zum Arztbesuch – oder gibt Entwarnung.
  • Die Sprachanalyse über das Smartphone erkennt neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Aphasie etc.

Erstaunlich an dieser kurzen und unvollständigen Aufzählung ist, dass es sich hier keineswegs um Science-Fiction handelt, sondern um die Gegenwart.

Kontroverse Diskussion um KI-Studie

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Münchner Kreises geht der Frage nach, wie sich Technologien der Künstlichen Intelligenz (KI) mittelfristig auf den beruflichen und sozialen Alltag auswirken und welche Handlungsfelder sich daraus für Politik und  Gesellschaft ergeben. Titel: „Leben, Arbeit, Bildung 2035 +“. In der Pressemitteilung heißt es dazu: „Das internationale Delphi, an dem im Zeitraum von November 2019 bis März 2020 mehr als 500 ExpertInnen teilnahmen, wurde von 11 Partnern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft unterstützt“.

Ein rund zehnseitiges Addendum beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie und man kommt zu dem Fazit: „Der durch die Corona-Pandemie ausgelöste Digitalisierungsschub in Deutschland kann sich positiv und beschleunigend auf die Entwicklung und Nutzung von KI-Technologie auswirken!“ Und gleich schiebt man noch hinterher: „Die Weichen müssen jetzt gestellt werden, um Risiken zu vermeiden sowie die potenziellen Chancen nicht zu verschlafen, sondern sie zu ergreifen.“

Die meisten Projekt-Partner kommen – beim Thema KI wenig verwunderlich – aus der IT-Branche. Und so sind die Aussichten vielleicht auch eher ein bisschen aufgehübscht. Die Macher bemühen sich zwar immer deutlich, auch die gesellschaftlichen Aspekte zu beleuchten, das gelingt aber mal besser, mal weniger gut. Die Studie ist in ihrer Gesamtheit sicher einen Blick wert (Download), ein bisschen mehr kritischer Abstand würde ihr dennoch nicht schaden.

Der Ärzte Zeitung geht der KI-Hype jedenfalls mächtig auf den Wecker. Unter der Überschrift „KI-Studie: Im digitalen Vollrausch“ lästert Kommentator Matthias Wallenfels: „Im Moment laufen sich offensichtlich alle möglichen Experten warm, um die Segnungen der Künstlichen Intelligenz (KI) auch und vor allem für die Bereiche Gesundheit und Pflege zu preisen.“ Er liegt mit manchem sicher richtig, lässt aber ebenfalls den kritischen Abstand vermissen (Link).

Ob das Gesundheitswesen durch KI eher nach rosa oder schwarz tendiert, wird sicher auch in diesem Blog noch öfter thematisiert. Bis 2035 werden wir jedenfalls definitiv schlauer sein.

WIE SARS-COV-2 UNSERE GEOGRAPHIEN VERÄNDERT – DREI POSTMEDIZINISCHE PERSPEKTIVEN

Die derzeitige Pandemie-Situation verändert gesellschaftliche Strukturen und beeinflusst, wie wir Räume wahrnehmen, uns in ihnen bewegen und in ihnen handeln. Die gesellschaftliche Raumwirksamkeit der Coronakrise zu analysieren ist Aufgabe der postmedizinischen geographischen Gesundheitsforschung. Im Folgenden werden mögliche Fragestellungen aus drei unterschiedlichen postmedizinischen Perspektiven vorgestellt.

1. DAS VIRUS ALS AKTANT
Unser Alltag ist nicht mehr alltäglich und in die Ausnahmesituation, aus der wir uns langsam wieder zurückkämpfen, wurden wir durch ein Virus gestoßen. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive kann SARS-CoV-2 als idealtypischer nicht-menschlicher Akteur bzw. Aktant gesehen werden. Dabei handelt das Virus natürlich nicht selbst, es verordnet uns kein Homeoffice, es verbietet nicht den Besuch im Zoo und es vertreibt auch nicht Millionen armer Tagelöhner unter menschenunwürdigen Bedingungen aus Indiens Metropolen. Es sind unsere Vorstellungen von dem Virus und ganz konkret Personen und Institutionen, die mit SARS-CoV-2 interagieren und Veränderungen hervorrufen. Durch die Akteursnetzwerke werden unsere täglichen Aktionsräume verändert: die in der realen Welt werden kleiner und enger, während unsere Präsenz im digitalen Raum zunimmt. Statt in Seminar- und Konferenzräumen treffen wir uns in Zoom-Räumen. SARS-CoV-2 verändert neben unseren täglichen Aktionsräumen auch unsere sozialen Praktiken – die Art und Weise, wie wir uns auf der Straße und im Supermarkt bewegen, wie wir mit anderen Menschen (im Raum) interagieren. Eine der ersten Praktiken, die dem Virus zum Opfer fiel, war das Händeschütteln. Freunde umarmen wir nicht mehr, weil wir sie nicht mehr sehen – und wenn dann nur beim Spaziergang mit einem Mindestabstand von 1,5 Metern. Die Frage für die Zukunft lautet: Wie wird das Virus unsere Aktionsräume und Praktiken verändern? Und welche Prozesse, die jetzt angestoßen werden, sind von Dauer?

2. PLACE-MAKING WÄHREND DER PANDEMIE
Als Gesellschaft verhandeln wir derzeit, welche Orte wir wieder zugänglich machen sollen. Orte – im Englischen places – sind mehr als der physische Ort, sie sind die Orte, wie sie in unseren Vorstellungen existieren, geprägt durch die Ereignisse, die wir dort erlebt haben, und die Emotionen, die wir mit ihnen verbinden. San Siro, das Fußballstadion Mailands, wandelte sich vom Ort der Freude – Atalanta Bergamo gewann hier am 19. Februar 2020 4:1 gegen den favorisierten Club aus Valencia das Hinspiel des Championsleague-Viertelfinals – zum Ort der Ansteckung. Im Nachhinein wurde dieses Spiel als „Biologische Bombe“ bezeichnet und San Siro zum Schauplatz des „Spiel 0“ – in Anlehnung an den Patienten 0, den ersten Träger eines neuartigen Virus. Von hier aus, so die Theorie, verbreitet sich das Virus in Norditalien. Aber auch andere Orte haben binnen kurzer Zeit neue Bedeutungszuschreibungen erfahren: Das Karnevalszelt in Gangelt, im Kreis Heinsberg, wurde zum Ort von Deutschlands „Sitzung 0“, Kinderspielplätze wurden von Orten kindlicher Freude zu Durchseuchungsorten und der ÖPNV zu rollenden Infektionsherden (vor allem für diejenigen, die sich kein Auto leisten können). Wie viel wird davon bleiben? Welche Orte werden dauerhaft neue Zuschreibungen erfahren?

3. BIOMACHT UND DIE PANDEMIE
Regierungen weltweit reagieren entschlossen und mit ähnlichen Maßnahmen auf die Verbreitung des Virus, der Begriff Lockdown hat es in deutlich weniger als 80 Tagen um die Welt geschafft. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive bietet sich die Analyse unter Verwendung von Michel Foucaults Konzept der Bio-Macht an. Der Staat ordnet Räume neu, um Leben zu schützen, und wählt dafür drastische Maßnahmen: Er schränkt die Freiheitsrechte in einer Art und Weise ein, wie wir sie in den westlichen Demokratien seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr erlebt haben. In Foucaults Worten „diszipliniert“ er seine Bürger, um Leben zu erhalten. Er schützt seine Bürger auf seinem Territorium. Die bis vor kurzem in diesem Ausmaß nicht vorstellbaren Reisebeschränkungen sind der deutlichste Ausdruck der räumlichen Komponente dieser Biopolitik. Das räumliche Tracking von Infizierten mittels Mobilfunkdaten, in Deutschland vor kurzem noch undenkbar, wird heute selbstverständlich diskutiert. Für die Zukunft stellt sich die Frage, ob diese Biopolitiken die globalisierte Welt verändern werden? Zudem stellt sich die Frage, wie Staaten zukünftig räumliche Bewegungen noch stärker kontrollieren werden.

FAZIT
Die Corona-Krise verändert Geographien kurz-, mittel- und langfristig. Diese räumlichen Veränderungen kritisch zu hinterfragen, wird die Geographische Gesundheitsforschung in den nächsten Jahren herausfordern. Neben der Krankheitsökologie und der Gesundheitssystemforschung wird auch die postmedizinische Gesundheitsgeographie einen wichtigen Beitrag leisten.

Autor: Dr. Carsten Butsch, Universität Köln

(Erschienen im Newsletter 1-2020 des Arbeitskreises für Medizinische Geographie und Geographische Gesundheitsforschung – Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Onlinebehandlung: Die TK macht ernst

Im Oktober 2019 hatte die Techniker Krankenkasse (TK) ein Modellprojekt in Baden-Württemberg gestartet, bei dem Studierende in Heidelberg und Karlsruhe ärztliche Diagnosen online erhalten konnten – ganz ohne direkten Arztkontakt. Dieses Angebot hat die TK jetzt auf alle ihre Versicherten ausgeweitet, wie sie letzten Dienstag (9. Juni 2020) bekanntgab.

Demnach können sich die rund zehn Millionen Versicherten bei Bedarf per Videotelefonie von niedergelassenen Vertragsärzten behandeln lassen. Dazu auf der TK-Website: „Das Behandlungsspektrum umfasst acht Krankheitsbilder vom grippalen Infekt über Magen-Darm-Infekt und Migräne bis hin zu Rückenschmerzen und Corona-Symptomen. … Arzt und Patient kommunizieren ausschließlich digital miteinander. So können sich auch TK-Versicherte mit Corona-Infektion oder Corona-Verdacht über Videotelefonie vom Arzt behandeln lassen. … In der TK-OnlineSprechstunde behandeln die Ärzte die Versicherten über die TK-Doc-App per Videotelefonie und können bei Bedarf eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) ausstellen. Patienten, die Arzneimittelverordnungen benötigen, können zwischen einem klassischen Papierrezept und einem elektronischen Rezept wählen.“

Nach Informationen der Ärzte Zeitung arbeitet die TK dafür mit niedergelassenen Ärzten aus dem KV-Bezirk Schleswig-Holstein zusammen und sei offen für weitere Ärzte und Apotheken, die sich anschließen wollen. Die für den Chat erforderliche „TK-Doc“-App steht kostenlos im Apple Store oder im Google Play Store zum Download bereit, aktiviert wird sie mit der TK-Versichertennummer.

COVID-19: Booster für die digitale Live-Fortbildung?

Die Corona-Krise zeigt seit einigen Wochen ihre Auswirkungen auf die ärztliche Fortbildungslandschaft. Veranstaltungen, ob mehrtägige Kongresse oder einzelne Vorträge, finden aktuell nur noch ohne anwesendes Publikum statt. So wird es wohl auch noch eine Weile bleiben. Es wäre kaum auszudenken, wenn sich ein Medizinkongress als Infektionsort für die Teilnehmer erweisen würde.

Wie groß ist denn eigentlich die Akzeptanz dieses „Ortswechsels“ bei den Ärzten selbst? Das Fortbildungsportal arztCME.de hat diese Frage aktuell seinen Usern gestellt, exakt 552 Ärztinnen und Ärzte haben geantwortet – und zeigen mindesten einen Trend auf.

Hier die Ergebnisse in Kürze:

  • An mindestens einer Live-Online-Fortbildung haben in den letzten Wochen bereits 67% (!) teilgenommen.
  • Könnten Online-Fortbildungen auf Dauer Präsenzveranstaltungen für Sie ersetzen? Mit JA antworteten immerhin 55%.

Und etwas differenzierter:

Die Antworten ergeben eine nachvollziehbare Momentaufnahme. Insbesondere die kürzeren Veranstaltungen werden wohl dauerhaft ins Web umziehen. Vermutlich eine Entwicklung, die sich schon seit längerer Zeit abzeichnete, aber durch das Virus einen Vorschub erlebt. Nicht verwunderlich, denn die Vorteile für den User sind eindeutig: keine Reisezeit und -kosten. Aber auch die großen, mehrtätigen Kongresse werden sich ggf. verändern.

Für digitale Fortbildungsplattformen sieht die Zukunft also gar nicht schlecht aus. Aber ein hoher technologischer Standard, Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit sind bereits heute Mindestanforderungen. Nur innovative, nutzerorientierte Angebote werden dauerhaft im Markt bestehen.