Die Zukunft der medizinischen Information

Not macht schnell und erfinderisch

In diesen Wochen passieren gerade eine Menge Dinge, die wir uns vor einem Monat noch nicht vorstellen konnten. Neben den vielen großen Einschränkungen und Hilfspaketen gehört dazu auch ein neuer Anlauf, endlich bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens voran zu kommen. Das Bundeskabinett hat am letzten Mittwoch (1. 4. 2020, kein Aprilscherz) den Entwurf für ein Patientendatenschutzgesetz (PDSG) beschlossen und an den Bundestag weitergereicht. Vom Bundesrat muss es nicht abgesegnet werden.

Mit dem Gesetz soll der Einsatz digitaler medizinischer Anwendungen vorangetrieben werden. Auf der Seite des BMG wird Gesundheitsminister Spahn mit den Worten zitiert: „Wir erleben gerade, wie digitale Angebote helfen, Patienten besser zu versorgen. Mit dem Patientendaten-Schutz-Gesetz wollen wir dafür sorgen, dass solche Angebote schnell im Patienten-Alltag ankommen.“

Die Eckdaten: Ab Januar 2021 startet die elektronische Patientenakte. Im aktuellen Gesetzentwurf des PDSG haben Patienten klar geregelte Ansprüche gegenüber den Leistungserbringern, dass alle für ihre Versorgung relevanten Daten in die Akte übertragen werden. Wenn sie das wünschen. Ab Januar 2022 soll in der Akte dann ein „feingranulares Berechtigungsmanagement“ möglich sein. Ebenfalls ab Januar 2022 soll das elektronische Rezept Pflicht werden. Via App können Patienten das Rezept in der Apotheke vor Ort oder bei einer Online-Apotheke einlösen. Die App soll von der gematik entwickelt werden. Auch elektronische Überweisungen sollen dann die Regel werden.

Not macht also offensichtlich Tempo bei überfälligen Reformen. Und sie macht erfinderisch, dazu 2 Beispiele: Bei Folding@home stellen Privatnutzer die Rechenleistung ihrer PCs für wissenschaftliche Simulationen zur Verfügung. Und das laut heise online in beträchtlichen Mengen, denn inzwischen summiert sich deren Gesamtleistung auf mehr Rechenleistung, als die schnellsten Supercomputer der Welt. Hier kann simuliert werden, wie sich verschiedene Wirkstoffe auf das SARS-CoV2-Virus theoretisch auswirken. Das grenzt die Zahl der Wirkstoffe für echte Tests erheblich ein und beschleunigt so den Prozess. Und beim #WirVsVirus Hackathon vor 2 Wochen gehörte ein “DIY-Beatmungsgerät” zu den Highlights. Die ganze Geschichte dazu finden Sie hier.

App-Hilfe in der Corona-Krise?

Was ist Ihnen wichtiger: Gesundheit oder Datenschutz? Zugegeben eine verkürzte Zusammenfassung der derzeitigen Diskussion rund um die Einführung von „Corona-Überwachungs-Apps“, die in den letzten Tagen in zahllosen Beiträgen diskutiert wurde. Handy-Ortung wäre ein Mittel, wenn es nach dem Gesundheitsminister geht. Eine freiwillige App scheint vielen besser zu gefallen. Was machen denn andere Länder?

In Österreich bietet das Rote Kreuz seit letzter Woche seine „Stopp Corona-App“ an, um die Infektionskette der Corona-Infektionen schnellstmöglich zu unterbrechen. Dazu dient als Kernstück ein Kontakt-Tagebuch, indem persönliche Begegnungen mittels „digitalem Handshake“ anonymisiert gespeichert werden. Treten bei einer Person dann Symptome einer Corona-Erkrankung auf, wird man als Kontakt automatisch benachrichtigt und gebeten, sich selbst zu isolieren.

Irlands Gesundheitsbehörde möchte demnächst eine App anbieten, die per Bluetooth Ansteckungsverläufe nachvollziehen kann. Alle Smartphones aller Nutzer verbinden sich automatisch. Freiwillige Vernetzung.

Apps in China sind da schon etwas robuster, denn sie erstellen individuelle Interaktions- und Bewegungsprofile, bewerten das Infektionsrisiko, sollen u.a. den Zugang zu den öffentlichen Verkehrsmitteln steuern.

In Israel vergleicht eine Geolokalisations-App die Nutzerdaten mit Informationen über den Aufenthaltsort von positiv auf Corona getesteten Personen, bei Matching der Daten wird alarmiert und Quarantäne angeordnet.

Tschechien möchte das Bewegungsprofil positiv Getesteter anhand von Mobiltelefondaten, aber auch der Kreditkartennutzung nachverfolgen.

Russland setzt eher auf Gesichtserkennung. Die Moskauer Polizei, so wird zitiert, habe 200 Personen gefasst und zu einer Geldstrafe verurteilt, die gegen die Quarantäne und die Selbstisolierung verstoßen hätten. Möglich wird dies durch ein System mit 170.000 Kameras.

Welcher Ansatz bieten die besten Chancen, die Infektionskette zu unterbrechen? In ein paar Wochen werden wir es besser einschätzen können.

Bloggen im Zeichen der Krise

Was macht man mit einem Blog wie diesem, der sich in erster Linie mit einer mittelfristigen „Technikfolgenabschätzung“ beschäftigt, in Zeiten, in denen ein Land auf Sicht gesteuert wird? Man bloggt weiter. Aus Langeweile? Nein, sondern weil wir davon überzeugt sind, dass Medical Learning – oder allgemeiner formuliert die Digitalisierung im Gesundheitswesen – heute wichtiger ist als je zuvor. Natürlich kann man einen Intensivpatienten nicht online betreuen. Aber viele medizinische Dienstleistungen außerhalb der Intensivpflege wären sehr gut digital zu erledigen, wenn es überall die nötigen Voraussetzungen gäbe.

Das beginnt schon bei der Vermittlung von gesichertem Wissen für die ärztlichen Fortbildung. Kongresse finden erst einmal nicht mehr statt und vielen Referenten wurde dienstlich verboten auf Reisen zu gehen. Trotzdem zeigt auch hier die Technik einen Ausweg, Vorträge können nun im „Remote-Recording“ vom Referenten daheim gehalten und aufgezeichnet werden, Medizinredaktionen erstellen daraus professionelle Fortbildungen und stellen diese auf Online-Portalen zur Verfügung.

Also lassen Sie uns nach vorn schauen und nicht nach hinten: Wer heute zwischen 20 und 70 ist – also alle außer den ganz Jungen und den ganz Alten – wird sein Leben später mal grob in 2 Abschnitte unterteilen: Die Jahre vor Corona und die anderen. Und die anderen werden SEHR anders sein, auch wenn die Krise dann irgendwann vorbei sein wird. Wann dies sein wird, kann heute niemand seriös vorhersagen. Aber es wird länger dauern. Der Deutsche Bundestag hat sich schon 2012 mit einem solchen Katastrophenszenario theoretisch beschäftigt. Die Risikoanalyse liest sich topaktuell – im PDF-Download ab Seite 55 (Download).

Was Hoffnung macht, ist die Bereitschaft in der Bevölkerung, durch eigene Innovation zur Lösung der vielfältigen Probleme beizutragen, die durch die Krise entstehen. Seien es Plattformen, die Erntehelfer vermitteln, Peer-Groups, die den Einkauf für ältere gefährdete Menschen organisieren oder digitale Bildungsangebote, die Pädagogen und Verlage unentgeltlich zur Verfügung stellen. Auch der „WirvsVirus-Hackathon“ der Bundesregierung vom 20.-22. März 2020 dient dem Ziel, digitale Lösungen für Probleme zu finden, die es vor 2 Wochen noch nicht gab. In diesem Sinn: Passen Sie auf sich auf und packen Sie mit an.

Hamsterkäufe auch bei Online-Apotheken

Mit dem Bekanntwerden der ersten Coronavirus-Fälle kurz nach Karneval in NRW und auch schon zuvor im Januar in Bayern folgten die ersten Hamsterkäufe. Die Regale in den Supermärkten, Drogeriemärkten und Apotheken sind wie leergefegt. Hamsterkäufe zeigen sich auch bei Online-Apotheken und bei Online-Fachhändlern für Hygieneartikel. Eine Auswertung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform Boniversum GmbH zeigt einen deutlichen Anstieg der Anfragezahlen bei Online-Apotheken. Im Zeitraum zwischen dem 26.02. und dem 04.03.2020 verzeichnete Boniversum 62 Prozent mehr Anfragen, also Kaufabsichten, als im Vergleich zum Vorjahr. Fachhändler von Hygieneartikeln erleben derzeit einen wahren „Run“ auf ihre Websites. Hier verzeichnete Boniversum an einzelnen Tagen sogar 46-mal mehr Anfragen als an einem gewöhnlichen Wochentag.

Das Coronavirus führt zu großer Verunsicherung der Verbraucher in Deutschland. Wie kann ich mich schützen? Was passiert, wenn ich mit meiner Familie unter Quarantäne gestellt werde? Habe ich ausreichend Lebensmittel, Hygieneartikel und Medikamente zuhause, um mich bis zu 14 Tage selbst zu versorgen? Die Verunsicherung zeigte sich schnell in leergekauften Supermärkten, Drogeriemärkten und Apotheken. Haltbare Lebensmittel wie Nudeln, Mehl, und Konserven sind teilweise vergriffen. Auch Hygieneartikel, Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken sind Mangelware. Und nicht nur im stationären Handel sind die Hamsterkäufe derzeit sichtbar. Bei den Online-Apotheken wurden zwischen Aschermittwoch und dem 04. März 62 Prozent mehr Anfragen als im Vergleichszeitraum 2019 (lt. interner Auswertung) verzeichnet. Im gleichen Zeitraum wurden bei Online-Shops für Hygieneartikel sogar zwanzigmal mehr Anfragen festgestellt.

128 Prozent mehr Anfragen bei Online-Apotheken in den ersten Tagen nach den vorsorglichen Quarantäne-Anordnungen im Kreis Heinsberg

Besonders in den ersten Tagen nach Bekanntwerden der vorsorglichen Quarantäne-Anordnungen im Kreis Heinsberg, am 26.02./ 27.02., wurden 128 Prozent mehr Anfragen erfasst als an einem durchschnittlichen Wochentag. In den folgenden Tagen entspannte sich die Lage wieder und die Anfragezahlen gingen auf ein ausgewogenes Level zurück.

„Run“ auf Online-Shops für Hygieneartikel: bis zu 46-mal mehr Anfragen

Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken sind im stationären Handel nur noch vereinzelt zu bekommen. Spezialisierte Online-Shops für Hygiene- und Reinigungsmittel, die sowohl Gewerbe- als auch Privatkunden bedienen, erleben deshalb derzeit einen „Run“ auf ihre Websites. Die Anfragen haben sich in den letzten Wochen rasant entwickelt und erlebten ihren Höhepunkt am 28.02., als 46-mal mehr Anfragen verzeichnet wurden als an einem gewöhnlichen Wochentag.

(Quelle: Pressemeldung der Creditreform Boniversum GmbH vom 12.03.2020, gekürzt)

DiGAs: Ist der Nutzennachweis überhaupt zu schaffen?

Seit Januar 2020 ist das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) in Kraft – und der damit geänderte §33a des SGB V definiert den Versorgungsanspruch gesetzlich Versicherter auf digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs). Voraussetzung für eine Erstattung ist es, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die App  in ein Verzeichnis erstattungsfähiger digitaler Gesundheitsanwendungen aufgenommen hat. Die Aufnahme  erfolgt auf Antrag des Herstellers.

Neben der Zulassung als Medizinprodukt muss der medizinische Zusatznutzen nachgewiesen werden – in der Regel binnen eines Jahres, nur im Ausnahmefall auch binnen zwei Jahren. Damit gemeint ist ein patientenrelavanter therapeutischer Effekt, etwa Verbesserung des Gesundheitszustandes, Verkürzung der Krankheitsdauer, Verlängerung des Überlebens oder Verbesserung der Lebensqualität. Neben patientenrelevantem Nutzen können das auch eine Vielzahl von Prozess- und Strukturverbesserungen sein, um die Rolle des Patienten zu stärken.

Allgemein gelten für die Bewertung die Standards der evidenzbasierten Medizin und des Health Technologie Assessments und das wirft ein paar Fragen auf: Wie kann man die Effekte einer Behandlung mit und ohne Einsatz einer digitalen Gesundheitsanwendung in einer Studie valide vergleichen? Wie groß muss die Studienpopulation sein, wie groß die gemessenen Effekte? Finden sich in 12 Monaten überhaupt genügend Anwender, welche die App dauerhaft nutzen?

Kritiker der Regelung bemängeln, dass die erforderlichen Kompetenzen bei Patienten und Ärzten erst einmal entwickelt werden müssen. In der Praxis wird viel davon abhängen, wie das BfArM den Begriff der Pilotstudie letztlich auslegt. Wir werden Sie in diesem Blog weiter darüber informieren.