Die Zukunft der medizinischen Information

Digitale Versorgung wird Gesetz

Am vergangenen Freitag hat auch der Bundesrat das Digitale-Versorgung-Gesetz durchgewunken. Nachdem der Bundestag schon Anfang November zugestimmt hatte, wird das Gesetz zum 1. Januar 2020 in Kraft treten. Ziel des Gesetzes ist es laut Bundesgesundheitsminister Spahn, den Zugang zu digitalen Innovationen in der Regelversorgung zu verbessern. Das Gesetz verpflichtet deshalb auch Apotheken und Krankenhäuser, sich an die Telematikinfrastruktur anzuschließen. Für Arztpraxen gilt diese Verpflichtung schon länger, hier werden jetzt die Daumenschrauben angezogen: Praxen ohne Anschluss müssen  ab dem 1. März 2020 mit einem Honorarabzug von 2,5 Prozent rechnen – bislang war es nur 1 Prozent.

Dafür dürfen sich Ärzte zukünftig über eine bessere Vergütung für Telekonsile freuen und – das finden vor allem die innovationsfreudigen Praxisinhaber gut: Sie dürfen über ihr Angebot von Videosprechstunden auf der Internetseite informieren. Man muss kein Prophet sein um zu prognostizieren, dass diese Art der Patientenbetreuung in den kommenden Jahren schnell an Bedeutung gewinnen wird.

Auch zwei kontrovers diskutierte Themen sind in dem Paket enthalten. So können Gesundheitsdaten pseudonymisiert zu Forschungszwecken an den Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung übermittelt werden. Datenschützer halten das für einen Kardinalfehler, Versorgungsforscher für die einzige Möglichkeit, an valide Daten zu kommen. Wie so oft dürfte es auch hier darauf ankommen, wie – und vor allem wie sicher und anonym – die Übertragung dann tatsächlich funktioniert.

Den Digitalen Gesundheits-Apps (DiGAs) hatten wir erst vor 4 Wochen einen ausführlichen Beitrag gewidmet (Link). Jetzt ist es amtlich: Ab nächstem Jahr können Ärzte und Psychotherapeuten DiGAs zu Lasten der Kassen verordnen, wenn diese vom BfArM in das Verzeichnis für digitale Gesundheitsanwendungen nach § 139e aufgenommen wurden. Wir werden in diesem Forum sicher noch öfter über den Stand der Umsetzung berichten.

Projekt Nightingale

Aktuell wurden in der Presse Gesundheits-Websites kritisiert, die ihre Daten an Google, Facebook und Amazon weitergegeben würden – ohne Einverständnis der User und entgegen der Rechtslage.

Besonders im Fokus dabei: da Google-Projekt „Nightingale“. Die Headlines klingen besorgniserregend. Einige Beispiele: Project Nightingale: Google erhält Zugriff auf Millionen Patientendaten (e-recht24.de am 18.11.2019) oder Project Nightingale: Google geht auf Patientenjagd (heise.de vom 13.11.2019) oder PROJEKT NIGHTINGALE: Google wertet Daten von Millionen US-Patienten aus (golem.de vom 12.11.2019).

Worum geht es bei dem Projekt? Ein Google-Ableger arbeitet mit der Firma Ascension zusammen, diese betreibt in den USA Krankenhäuser, Arztpraxen etc. Die (Patienten-)-Daten werden mithilfe einer künstlichen Intelligenz analysiert, Zielsetzung ist die Verbesserung der Behandlung und die Verminderung der Kosten.

Die Kritiker sorgen sich um Datenschutz und Datenmissbrauch. Dem jüngst ins Leben gerufenen Projekt von Gesundheitsminister Spahn, Daten der Kassenpatienten anonym auszuwerten, wird es da ganz ähnlich gehen.

 

10 Punkte für ein innovatives Gesundheitswesen

Das deutsche Gesundheitssystem in Selbstverwaltung gilt weltweit als top und vereint ein paar der Vorteile von bürokratischen Monolithen (wie dem britischen NHS) und gewinnmaximierter Spitzenmedizin (wie in den USA). Nur mit Veränderungen tut es sich schwer. So liegen wir in Sachen Digitalisierung weit abgeschlagen auf Platz 16 von 17 untersuchten Staaten, knapp vor Polen. Das zeigte der Digital-Health-Index 2018 der Bertelsmann-Stiftung. Digitale Lösungen werden gerne in Pilotprojekten präsentiert, doch wenn es ernst wird, schaffen die wenigsten den Sprung in die Regelversorgung.

Das Bundesgesundheitsministerium versucht seit Jahren Gas zu geben und mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) hat Gesundheitsminister Spahn die Daumenschrauben merklich angezogen. Dem Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. geht das aber nicht schnell genug. Er bemängelt: „Gesundheit wird nicht vom Patienten oder der Patientin aus gedacht, die schon längst ihren Alltag mit digitalen Tools organisieren, sondern verharrt in den eingefahrenen Strukturen des über Jahrzehnte immer stärker reglementierten Versorgungssystems.“

Daher hat man in der letzten Woche ein 10 Punkte-Programm für digitale Innovation im Gesundheitswesen vorgestellt:

1 Krankenkassen agiler machen
2 Wege in die Vergütung schaffen
3 Datenschutz verständlich regeln
4 Gesundheitsdaten in Dienst der Forschung stellen
5 Gesundheitsberufe für Digitalisierung rüsten
6 BfARM für digitale Gesundheit fit machen
7 Start-ups während der Zertifizierung fördern
8 Dialogkultur fördern – Silodenken aufbrechen
9 Medical Device Regulation entbürokratisieren
10 Patientensouveränität fördern  

So weit, so gut. Diesen Forderungen können wir uns nur anschließen und würden uns vom BVDW wünschen, dass er seinen Teil dazu beiträgt – indem er dafür sorgt, dass die Mitgliedsfirmen endlich realisieren, dass Verstöße gegen die DSGVO kein Kavaliersdelikt sind. Sie liefern nur denen Munition, die weiter an den eingefahrenen Strukturen festhalten wollen.

Download 10 Punkte-Plan

Erste CE-zertifizierte Software Deutschlands zur Brustkrebsvorsorge mittels KI

Die KI-Software „Vara“ des Berliner Unternehmens Merantix hat die behördliche Zulassung zur Automatisierung der Brustkrebsvorsorge in Europa erhalten. Es ist die erste deutsche KI-Software, mit der sich Radiologen auf schwierige Bilder konzentrieren können, indem sie automatisch unauffällige herausfiltern und sich dann auf die kritischen Befunde konzentrieren können. Aufgrund des zunehmenden Mangels an spezialisierten Radiologen haben Millionen von Frauen keinen Zugang zum Brustkrebs-Screening. Obwohl bis zu 97% aller Mammogramme gesund sind, müssen mehrere Radiologen jedes Bild manuell beurteilen. Angesichts des zunehmenden Zeitdrucks ist dies für Radiologen weltweit eine anstrengende und fehleranfällige Aufgabe.

Das Unternehmen hat bereits Partnerschaften mit mehreren radiologischen Arbeitsgruppen und Teleradiologieanbietern in ganz Europa geschlossen, um Vara für landesweite Screening-Programme zu gewinnen und ist bereits in fünf europäischen Ländern im Einsatz. Vara wurde anhand eines der weltweit größten Brustkrebsdatensätze mit Millionen von Bildern geschult, die auf Daten zur klinischen Datengrundlage und Expertenanmerkungen basieren. Bei den ersten klinischen Einführungen zeigte Vara eine signifikante Reduzierung der Arbeitsbelastung bei gleichzeitig höchster Sicherheit, unkritische Bilder auszuschließen. Vara ist Deutschlands erste CE-zugelassene KI-Software für die Krebsvorsorge. Die CE-Zulassung ermöglicht, dass die Software als Medizinprodukt in den Handel kommen darf.

Unternehmensmitteilung

AppQ: „TÜV“ für DiGAs von der Bertelsmann-Stiftung?

Erst letzte Woche hatten wir über digitale Gesundheits-Anwendungen (DiGAs) berichtet. Leider in einem wenig positiven Zusammenhang, ging es doch um den einen oder anderen unappetitlichen Datenskandal, in den sie verwickelt sind. Trotzdem sollen schon nächstes Jahr, so will es der Plan von Bundesgesundheitsminister Spahn, die ersten Apps auf Rezept verordnet werden. Und das BfArM soll dabei die Apps mit Zusatznutzen ausfindig machen und zertifizieren.

Doch vermutlich werden mehr Institutionen mitreden müssen, von der Selbstverwaltung über die medizinischen Fachgesellschaften bis hin zu den Datenschützern. Das Bundesgesundheitsministerium hatte deshalb das Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) beauftragt, einen Kriterienkatalog zu entwickeln, anhand dessen DiGAs bewertet werden können. Er umfasst mittlerweile rund 500 Kriterien.

Das ebenfalls im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums von der Bertelsmann-Stiftung gestartete AppQ-Projekt setzt auf dem AppKri Metakatalog auf und will Transparenz über die Qualität der gelisteten DiGAs schaffen. Dazu werden neun Themenfelder untersucht:

  • Medizinische Qualität
  • Positive Versorgungseffekte
  • Datenschutz
  • Informationssicherheit
  • Technische Qualität
  • Verbraucherschutz und Fairness
  • Interoperabilität
  • Nutzerfreundlichkeit und Motivation

Letzte Woche wurde der AppQ-Studienbericht vorgestellt (Download). Wer AppQ in Zukunft nutzen soll und wie man Mogeleien zuverlässig unterbindet, wird sich noch zeigen müssen. Die Bertelsmann-Stiftung hat mit dem Krankenhausnavigator der Weißen Listen schon gezeigt., dass man in der Lage ist, eine datenbasierte Qualitätsbeurteilung zu initiieren und weiter zu entwickeln. Es wäre schön, wenn dieses – mittlerweile allgemein akzeptierte – Qualitätstool als Blaupause für einen DiGA-TÜV dienen würde.