Die Zukunft der medizinischen Information

KI in der Medizin – ohne Fehler?

Das Thema Künstliche Intelligenz und deren Anwendung in der Medizin haben wir in diesem Blog bereits mehrfach aufgegriffen. Sicherlich wird die KI ein wichtiges Zukunftsfeld der unterstützten Diagnostik werden, aber können wir bereits heute schon absolute Verlässlichkeit erwarten?

Dem Watson-Supercomputer von IBM wird vorgeworfen, unsichere und falsche Krebstherapien empfohlen zu haben. Watson wurde mit einer kleinen Anzahl synthetischer Kasuistiken von hypothetischen Patienten gefüttert –  anstelle von echten Patientendaten. Die (Behandlungs-)Empfehlungen basierten auf der Expertise weniger Spezialisten, nicht jedoch auf den anerkannten Guidelines. Ausführlich hat sich damit das US-Portal STAT beschäftigt.

KI-Anwendungen sind insbesondere in der Dermatologie angesagt. „Besser als der Hautarzt“ wurde schon frohlockt. Aber auch hier wurden Schwächen entdeckt, insbesondere bei der Melanom-Diagnostik bei schwarzer Hautfarbe. Denn die Referenzfotos mit der die KI arbeitet, stammen überwiegend von hellhäutigen Patienten. Solange dieses Manko nicht beseitigt wird, ist an einen breiten Einsatz nicht zu denken, obwohl die Nutzung einer KI in Verbindung mit der Telemedizin gerade in Weltregionen mit einer geringen Arztdichte wünschenswert wäre.

In beiden oben genannten Fällen begrenzt die Datenauswahl die Möglichkeiten der KI – und darüber bestimmt die KI (noch) nicht selbst.

Das Christkind bringt die Strategie

Letzten Donnerstag veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung ihre große Studie „#SmartHealthSystems – Digitalisierungsstrategien im internationalen Vergleich“. Auf 400 Seiten wird dort der aktuelle Stand der Patientenversorgung in den industrialisierten Ländern erhoben und verglichen. Die komplette Studie ist kostenlos im Internet verfügbar (Link).

Die Studie analysiert, wie die Gesundheitspolitik in den einzelnen Ländern bei der Digitalisierung handelt: Welche Strategien gibt es? Welche funktionieren, welche nicht? Wie steht es um die technischen Voraussetzungen, etwa den Ausbau des schnellen Internets? Und wie nutzen die Bewohner und Leistungserbringer die digitalen Technologien? Aus all diesen Informationen erstellt sie den „Digital Health Index“, bei dem mehr Punkte einen besseren Digitalisierungsstatus bedeuten. Der Durchschnitt der untersuchten Länder liegt bei 58,9 Punkten.

Schon die Einleitung der Studie verheißt wenig Gutes für den Standort Deutschland: „Elektronische Patientenakten verhindern gefährliche Wechselwirkungen bei Medikamenten, Telemedizin verbindet Arzt und Patient egal wo sie sind, Gesundheits-Apps stärken chronisch Kranke. All das wäre in Deutschland möglich, doch der digitale Fortschritt kommt nicht ausreichend bei den Patienten an.“

Entsprechend fällt das Ranking aus. Spitzenreiter sind Estland (81,9 Punkte), Kanada (74,7 Punkte) und Dänemark (72,5 Punkte). Selbst das gerne gescholtene NHS in Großbritannien fährt 70,0 Punkte ein und schafft es damit auf Platz 6. Und Deutschland? Schafft es mit 30 Punkten mal gerade auf Platz 16 von 17 Teilnehmern. Nur Polen ist mit 28,6 Punkten noch rückständiger. Peinlich, aber hausgemacht.

Und just gestern und heute findet in Nürnberg der 2. Digitalgipfel der Bundesregierung statt (Link) und dieses Mal soll es vor allem um Künstliche Intelligenz gehen. Dort werden sicher wieder große Konzepte vorgestellt. Aber bevor wir uns ans Umsetzen machen, warten wir dann doch lieber erst einmal aufs Christkind. Vielleicht bringt das ja eine Strategie …

Baden-Württemberg: weiteres Modellprojekt zur ausschließlichen ärztlichen Fernbehandlung

Künftig dürfen baden-württembergische Ärztinnen und Ärzte in einem weiteren Modellprojekt Patienten ohne Präsenzkontakt aus dem Südwesten fernbehandeln. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg hat ein weiteres Modellprojekt zur ausschließlichen ärztlichen Fernbehandlung genehmigt. Es basiert auf der bundesweit einmaligen Regelung der ärztlichen Berufsordnung in Baden-Württemberg. Damit sind im Südwesten inzwischen sieben Modellprojekte am Start, bei denen die verfasste Ärzteschaft durch das Genehmigungsverfahren die Einhaltung berufsrechtlicher Belange im Sinne des Patientenschutzes überprüft hat.

Ausschließliche ärztliche Fernbehandlung durch Smart Health. Das zunächst auf zwei Jahre angelegte Modellprojekt der Smart Health Heidelberg GmbH bietet eine Einschätzung von Hautproblemen durch einen deutschen Hautfacharzt auf Selbstzahlerbasis. Die zugrundeliegende Software wurde in Zusammenarbeit von Ärzten und Wissenschaftlern des Deutschen Krebsforschungszentrums, des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen sowie der Universitäts-Hautklinik Heidelberg konzipiert. Der Hautbefund kann dabei sowohl über die App „AppDoc“ (Android & iOS) sowie über ein online-Formular zur Beurteilung eingeschickt werden. Innerhalb von 48 Stunden erhält der Einsender eine qualifizierte ärztliche Erstmeinung.

Wie für alle bisher genehmigten Modelle ist auch für Smart Health Heidelberg GmbH eine begleitende unabhängige wissenschaftliche Evaluation verpflichtend. Mit ihrer Hilfe wird kontinuierlich geprüft, ob Patienten auch bei der ausschließlichen ärztlichen Fernbehandlung die gleiche Qualität und Expertise wie in Praxis oder Krankenhaus geboten wird.

Kammerpräsident Dr. Ulrich Clever, betont: „Wir prüfen jedes Modellprojekt auf Herz und Nieren; unsere Genehmigungspraxis bewährt sich und beugt Wildwuchs in diesem Bereich vor, nicht zuletzt, um die Patienten- und Datensicherheit auch bei dieser neuen Form der Behandlung zu gewährleisten. Arzt und Patient können sich auf Distanz begegnen, und der Mediziner darf eine individuelle Diagnose stellen und, wenn nötig, eine Therapie vorschlagen und einleiten.“

(Quelle: Pressemitteilung der Landesärztekammer Baden-Württemberg vom 21.11.2018; gekürzt)

Siehe auch:

Minxli und DrEd behandeln in Baden-Württemberg

Löschen mit Trockenwasser

Was war das denn für eine Woche, die da gerade hinter uns liegt? Eine Woche, die es an Überraschungen wirklich in sich hatte. Die ARD beschäftigte sich flächendeckend mit dem Thema Gerechtigkeit, die Briten zerfleischten sich selbst über die Brexit-Strategie, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft flog aus der Nations League und die Bundesregierung beschäftigte sich mit den Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz.

Ja, kein Witz: Die Bundesregierung hat zum Abschluss der Klausurtagung tatsächlich ihre Umsetzungsstrategie zur Gestaltung des digitalen Wandels vorgelegt. Sie enthält Maßnahmen, die insbesondere „… in zukunftsrelevanten Bereichen wie Mobilität, Gesundheit, Versorgung mit Waren und Dienstleistungen bis hin zu sozialen Angeboten …“  den Erhalt eines attraktiven Lebens- und Arbeitsumfelds ermöglichen sollen. Explizit wiesen Bundeskanzlerin Merkel und Forschungsministerin Karliczek auf das immense Potenzial von Big Data für die medizinische Versorgung hin.

Leider gibt es ein paar Hindernisse auf dem Weg zur KI-Großmacht. So kommt der Breitbandausbau in Deutschland nur im Schneckentempo voran, weil keiner die Kosten übernehmen will. Ohne Breitband wird der flächendeckende Einsatz telemedizinischer Lösungen aber immer nur frommes Wunschdenken bleiben. Und das Medizinstudium ist noch immer so analog, dass die Ärzte Zeitung zurecht fragt: „Wie sollen Medizinstudenten in Deutschland an die Digitalisierung ihres generischen Arbeitsbereiches herangeführt und im Umgang mit innovativen Techniken geschult werden?“.

Jetzt will die Bundesregierung bis zum Jahr 2025 zusätzlich drei Milliarden Euro in die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz investieren. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will damit „… Deutschland zu einem führenden Standort für Künstliche Intelligenz machen, sowohl in der Forschung als auch in der Anwendung“. Mit drei Milliarden Euro, verteilt auf sieben Jahre! Nur zum Vergleich: Technologiefirmen wie Google haben nach Angaben von McKinsey allein im Jahr 2016 rund 30 Milliarden dafür ausgegeben … Durchschnittlich 428 Millionen Euro im Jahr sind da weniger als ein Tropfen für den heißen Stein …

Künstliche Intelligenz in der Augenheilkunde

Künstliche Intelligenz hat sich bei der Klassifizierung zweidimensionaler Fotografien einiger häufiger Krankheiten als vielversprechend erwiesen. Sie stützt sich in der Regel auf Datenbanken mit Millionen kommentierter Bilder. In diesem Blog haben wir bereits über Anwendungen in der Dermatologie berichtet.

Die Autoren des Beitrags „Clinically applicable deep learning for diagnosis and referral in retinal disease“, erschienen in dem Journal nature medicine, haben eine neuartige Deep-Learning-Architektur (wieder einmal Google-Technologie) in der klinischen Routine eingesetzt.

Das System ist in der Lage, 3D-Retina-OCT-Scans auf frühe Anzeichen von Glaukomen, diabetischen Augenerkrankungen und Makuladegeneration hin zu analysieren.

Man hofft, dass das KI-System dazu beitragen kann, das Sehvermögen der Patienten zu retten und erwartet eine weltweite Einführung dieses diagnostischen Werkzeugs.