Die Zukunft der medizinischen Information

Ärzte sehen Gesundheits-Apps als hilfreich an

Studie der Stiftung Gesundheit: Einsatz vor allem im somatischen Bereich sinnvoll

72,3 Prozent der Ärzte halten Gesundheits-Apps bei gezieltem Einsatz für hilfreich.Die Akzeptanz von Gesundheits-Apps ist in den vergangenen sechs Jahren erheblich gestiegen – das zeigt die aktuelle Studie „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit 2020 / 2“ der Stiftung Gesundheit. „Während sich vor sechs Jahren das Gros der Ärzte skeptisch bis kritisch zeigte, stimmen heute mehr als 70 Prozent von ihnen zu, dass gezielt eingesetzte Gesundheits-Apps hilfreich sein können“, berichtet Prof. Dr. Dr. Konrad Obermann, Forschungsleiter der Stiftung. Etwa ein Drittel der Ärzte habe ihren Patienten bereits entsprechende Apps empfohlen.

Nicht alle Apps kommen bei Ärzten gleich gut an

Den größten Nutzen sehen Ärzte bei somatischen Anwendungen: Mehr als 80 Prozent können sich einen sinnvollen Einsatz in der Sportberatung und –anleitung, bei Tagebuchanwendungen zum Beispiel für Allergiker, zur Aufzeichnung von Vitalparametern, zur Ernährungsberatung oder Verhaltenskontrolle vorstellen. Kritisch beurteilen sie dagegen Apps in psychischen Anwendungsgebieten wie Depression oder Sucht.

Ärzte wünschen sich mehr Testmöglichkeiten für Behandler

Aus der Studie ergeben sich zudem Hinweise auf ungeklärte Fragen und organisatorische Hürden. So kritisierten zahlreiche Ärzte einen Mangel an Testmöglichkeiten für Behandler: „Es ist sehr zu begrüßen, dass Ärzte Gesundheits-Apps zunächst selbst kennenlernen und testen möchten, bevor sie sie Patienten empfehlen“, so Obermann: „Das zeugt von einem verantwortungsvollen Umgang der Ärzte mit diesem neuen Instrument.“ Industrie und Krankenversicherer seien gut beraten, solche Handlungsempfehlungen aufzugreifen und entsprechende Möglichkeiten zu schaffen.

Die Studie ist Teil der Reihe „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit“, mit der die Stiftung Gesundheit seit 2005 jährlich Trends und Entwicklungen im Gesundheitssektor untersucht.

Quelle:Presse-Information der Stiftung Gesundheit vom 17.11.2020

Mehr Innovationen im Gesundheitsbereich gewünscht

Die Deutschen stehen Innovationen durchaus positiv gegenüber. So kann man die Ergebnisse einer Studie („Policy Paper“) der Bertelsmann-Stiftung zusammenfassen, die letzte Woche veröffentlicht wurde. Demnach erwarten 65 Prozent der Deutschen durch den technologischen Fortschritt in den kommenden 15 Jahren positive Auswirkungen auf ihr Leben, während nur 20 Prozent eher negative Zukunftserwartungen hat. Basis ist eine repräsentative, Umfrage mit 12.000 Teilnehmern aus Deutschland, Frankreich, Italien, dem UK, den Niederlanden, Polen und Spanien.

Die Erwartungen der Deutschen richten sich dabei vor allem auf fünf Themenfelder: Mobilität und Transport, Energieversorgung, Gesundheitswesen und Pflege, Umweltschutz und Klimawandel sowie den Bildungssektor. Im Bereich Gesundheit rechnen 31 Prozent mit beträchtlichen Fortschritten und sogar 49 Prozent der Deutschen sehen einen politischen Förderbedarf von Innovationen in diesem Bereich. Hier scheint die Corona-Pandemie zu einem Umdenken geführt zu haben, denn vor Jahresfrist waren es nur 32 Prozent.

Die Technikakzeptanz sagt indessen nichts über die tatsächliche Technikaffinität aus. Die Deutschen zählen traditionell eher nicht zu den „Early Adopters“ und sind mitunter auch durchaus noch Bedenkenträger. Auch hier hatte die Bertelsmann-Studie interessante Details: „Eine eher deutsche Besonderheit ist das hohe Maß an Sensibilität für den Datenschutz. 45 Prozent der Deutschen erwarten diesbezüglich negative Effekte durch fortschreitende Technologie und Digitalisierung. Diese Sorge steht bei den möglichen Bedenken hierzulande an erster Stelle und ist deutlich stärker ausgeprägt als im europäischen Durchschnitt (36 Prozent)“.

Zur Studie

Ransomware: Angriff auf Kliniken

In der Pandemie arbeiten die Kliniken hart an oder schon über der Belastungsgrenze –  bedingt durch den ständigen Zustrom von Covid-19-Patienten. Und dann: totaler Ausfall der Krankenhaus-IT. Das ist leider kein unrealistisches Szenario, denn mehrere US-Krankenhäuser sind unlängst zum Ziel einer Welle von Cyber-Angriffen geworden, die letztlich auch zum Zusammenbruch der Gesundheitsinfrastruktur eines ganzen des Landes führen könnten. Mindestens sechs US-Krankenhäusern sind bislang betroffen. Das FBI und andere Behörden haben am 28. Oktober 2020 eine deutliche Warnung vor drohenden Lösegeldforderungen für amerikanische Krankenhäuser herausgegeben.

Ransomware ist hier der zentrale Begriff. Eine Schadsoftware, die die eigene IT-Infrastruktur komplett lahmlegt, solange kein Lösegeld (engl. ransom) bezahlt wird. Ein Milliardengeschäft, vermutlich überwiegend aus Osteuropa gesteuert.

In Deutschland wird sogar der Tod einer Patientin im September 2020 mit einer solchen Attacke in Verbindung gebracht. Durch einen Hackerangriff über eine Sicherheitslücke einer Standard-Software wurde das IT-Netzwerk sabotiert. Das Universitätsklinikum Düsseldorf wurde von der Notfallversorgung abgemeldet und konnte vom Rettungsdienst nicht mehr angefahren werden. Eine Patientin musste in ein weiter entferntes Krankenhaus (Wuppertal) gebracht werden und verstarb. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung.

Künstliche Intelligenz auf der Intensivstation

Künstliche Intelligenz (KI) wird immer mehr zum Hilfsmittel in der medizinischen Diagnostik. Auch hier im Blog haben wir schon öfter darüber berichtet, etwa bei der Koloskopie, der Suche nach Markern für eine AML oder in der Augenheilkunde. Immer dort, wo es um das Erkennen von – mitunter gut versteckten – Mustern geht, spielt KI ihre Stärke aus.

Akutes Nierenversagen (acute kidney injury, AKI) ist als schwerwiegende Komplikation ein unabhängiger Risikofaktor für die Morbidität und Mortalität nach einer kardiothorakalen Operation. Bei dem multifaktoriellen Geschehen spielen der beeinträchtigte Nierenblutfluss und der kardiopulmonale Bypass eine wichtige Rolle. Messbar ist v.a. ein deutlicher Anstieg des Serumkreatinins, dann ist aber schon vieles aus dem Ruder gelaufen.

Letzte Woche erschien in Nature Digital Medicine ein Beitrag, der über eine KI-basierte Echtzeitvorhersage für akutes Nierenversagen berichtet. Ein Team am Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) hat dort ein rekurrentes neuronales Netzwerk (RNN) mit 96 routinemäßig auf Intensivstationen erhobenen Parametern trainiert. Dazu hatte man aus mehr als 15.000 Datensätzen 350 „Trainingssätze“ ausgewählt.

Die Leistung des Modells wurde dann mit der von erfahrenen Klinikern verglichen. Das RNN übertraf die Kliniker signifikant und hatte war mit einer „area under curve“ (AUC) von 0,901 insgesamt sehr zuverlässig. Das war bei den menschlichen Kollegen nicht immer der Fall, die das Risiko systematisch unterschätzten (AUC 0,745, p <0,001). Die Autoren betonen, dass ein solches Netzwerk dazu  beitragen kann, eine AKI frühzeitig zu erkennen und damit die perioperative Versorgung zu verbessern.

Zum Beitrag

 

Deutschland: Entwicklung und Produktion von Covid-19-Impfstoffen

Weltweit wird derzeit an über 200 verschiedenen Impfstoff-Projekten gearbeitet. Deutschland zählt international zu den Ländern mit besonders vielen Projekten für Impfstoffe gegen Covid-19. Eine aktuelle Übersicht findet sich auf der Website des vfa – die wir hier mit freundlicher Genehmigung unseren Usern vorstellen.

 

Im Einzelnen sind es die folgenden Unternehmen und Forschungseinrichtungen:

  • das Unternehmen CureVac (Tübingen)
  • die Unternehmen BioNTech / Pfizer (Mainz, Idar Oberstein, Berlin, künftig auch Marburg), zwei Projekte
  • das Unternehmen Leukocare (Planegg) mit ReiThera (Italien) und Univercells (Belgien) – Vektorvirenimpfstoff, der seit 24.08. in Italien mit Freiwilligen erprobt wird
  • das Start-Up Prime Vector Technologies (PVT) (Tübingen) mit einem Vektorvirus-Impfstoff
  • das Unternehmen ARTES Biotechnology (Langenfeld [Rheinland])
  • das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (Braunschweig) / Univ. München / Univ. Marburg / UKE Hamburg / IDT Biologika (Dessau) – MVA-basierter Impfstoff, der seit Oktober mit Freiwilligen erprobt wird
  • das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung / CanVirex (Braunschweig / Basel, Schweiz) – Masern-Impfvirus-basierter Impfstoff
  • die Universitätsklinik Tübingen (Peptid-Impfstoff)
  • das Start-Up baseclick (Neuried bei München)

Außerdem wirken die folgenden Unternehmen und Forschungsinstitute unterstützend bei der Impfstoffentwicklung und -produktion mit:

  • Rentschler Biopharma (Laupheim): übernimmt einen Herstellungsschritt für den Impfstoff von BioNTech/Pfizer
  • Vibalogics (Cuxhaven): produziert Komponente für Impfstoff von Janssen
  • CEVEC Pharmaceuticals (Köln): produziert Komponente für ungenannten Hersteller
  • Richter-Helm BioLogics (Hamburg): produziert DNA-Material für Inovio (USA)
  • das Unternehmen Daiichi Sankyo Europe (Pfaffenhofen bei München) und die Universität München (Abt. Pharmazie) tragen zum Impfstoffprojekt von Daiichi-Sankyo (Japan) und der Universität Tokio bei
  • Sanofi (Frankfurt a.M.): wird Impfstoff aus der Kooperation von Sanofi und GSK abfüllen
  • R-Pharm Germany (Illertissen), Tochter des russischen Unternehmens R-Pharm: wird künftig in Lizenz Impfstoff von AstraZeneca produzieren
  • Merck (Darmstadt): unterstützt Produktion des Impfstoffs von Oxford University/AstraZeneca und von Baylor College (University of Texas, USA)
  • Universität Gießen: wirkt mit am OpenCorona-Konsortium (Führung: Karolinska-Institut, Schweden), das einen DNA-basierten Impfstoff entwickelt
  • Tropeninstitut der Universität Tübingen: wird Totimpfstoff des dänisch-niederländisch-deutschen PREVENT-nCoV-Konsortiums erproben

Zudem werden am Universitätsklinikum Tübingen Pläne verfolgt, einen Vektorvirus-Impfstoff (mit Sednaviren) gegen Covid-19 zu entwickelt, der als Nasenspray verabreicht werden kann. Die Projektleiter rechnen aber mit mindestens vier Jahren Entwicklungszeit bis zu einer möglichen Zulassung; und das auch nur, wenn für das Projekt eine Finanzierung gefunden werden kann.

Ausführliche Informationen zu diesem Thema und einen aktuellen Podcast bietet der vfa hier.