Die Zukunft der medizinischen Information

Und täglich grüßt das E-Rezept …

Mittlerweile soll man E-Rezepte bundesweit bei Apotheken einlösen können. Theoretisch … der 1. September 2022 war der offizielle Stichtag. Also gute Nachrichten vom E-Rezept? Eher nicht. Denn praktisch zeitgleich hat sich der Chaos Computer Club (CCC) mit dem E-Rezept beschäftigt und war von Datenschutz und Ausfallsicherheit „not amused“ …

Vor allem wird bemängelt, dass die E-Rezepte nicht Ende-zu-Ende verschlüsselt vom Arzt zur Apotheke wandern, sondern der E-Rezept-Server der Gematik sie unverschlüsselt verarbeitet. Wörtlich schreibt der CCC: „Die gematik verspricht, die Daten in einer „vertrauenswürdigen Ausführungsumgebung“ (VAU) zu verarbeiten …  handelt es sich bei dieser VAU um eine veraltete und mehrfach erfolgreich angegriffene Technologie mit dem Namen „Intel SGX“ , die primär für Kopierschutz eingesetzt wird.“

Die gematik rechtfertigt das Vorgehen ausdrücklich. Chief Security Officer Holm Diening wird mit den Worten zitiert: „Logisch, dass solche Maßnahmen im Client bei Vorsatz überwindbar sind. […] Wir verlagern also von Prävention zu Detektion + Reaktion. Nicht aus Versehen, sondern bewusst.“ Was der CCC wiederum süffisant kommentiert: „Nach dieser Logik bräuchte die gematik ihre Rechenzentren nicht abzuschließen, weil Einbruch ja verboten ist“.

Die Forderung des CCC: „Die gematik muss sich klar zu einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bekennen, die diesen Namen verdient. Mündige Patienten sollen die (selbst erzeugten) Schlüssel für ihre Gesundheitsdaten in die Hand bekommen.“ Verständlich, irgendwie. Ich denke, ich werde beim guten alten rosa Papier-Rezept bleiben, bis das mal ausdiskutiert ist. Auch wenn dann vielleicht die 2030er-Jahre schon angefangen haben …

Digitalisierung im Gesundheitswesen – ein Streitbuch

Die Frage, ob die Digitalisierung des Gesundheitswesens Fluch oder Segen ist, gehört zu den Kernthemen dieses Blogs. Während für die einen der schnelle Zugriff auf wichtige Informationen in der elektronischen Patientenakte eine zukünftige Überlebensfrage ist, halten die anderen mit dem gläsernen Patienten dagegen und mit einem Gesundheitswesen, das nur noch auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Letzte Woche erschien in der Reihe Streitfragen des Westend-Verlags ein Buch, das sich mit diesem Thema beschäftigt. Wie in der Reihe üblich kommen zwei Autoren mit gegensätzlichen Meinungen zu Wort. Pro Digitalisierung schreibt Dr. Franz Bartmann, langjähriger Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin. Kontra Digitalisierung schreibt Dr. Andreas Meißner, niedergelassener Psychiater und Psychotherapeut sowie Autor vieler Fachartikel zu Fragen rund um die Telematikinfrastruktur.

Interessanterweise argumentieren beide mit dem Patientenwohl. So sagt Bartmann: „Der Körper generiert permanent Daten, die Rückschlüsse zulassen auf die körperliche und seelische Verfassung einer Person. Diese warten nur darauf, aufgenommen und interpretiert zu werden. … Der Arzt ist im Konsultationsfall auf Daten angewiesen, die der Patient ihm liefert und nicht mehr umgekehrt.“

Meißner ist nicht generell gegen digitale Datenübertragung, macht aber Sicherheits- und Finanzprobleme zum Thema: „Solange mir immer noch Patienten berichten, dass sie das zuletzt ausgestellte Rezept aus finanziellen Gründen nicht hätten einlösen können, gleichzeitig aber Krankenkassen wegen hoher Defizite bereits wieder Leistungskürzungen planen, solange brauchen wir keine Technik, die Milliarden verschlingt und dem Gros der Patienten nicht weiterhilft.“ Alles in allem ein interessantes Buch, das die aktuelle Diskussion von vielen Seiten beleuchtet.

Zum Buch

 

Die Ärzte-Zeitung hat Auszüge beider Autoren als Gastkommentare online gestellt:

Kommentar Dr. Bartmann

Kommentar Dr. Meißner

Die Zukunft der pharmazeutischen Technologie: Nichts als Patentstreitereien?

Seit Beginn der Corona-Pandemie wird heftig über die Patente für Impfstoffe gestritten. Sollen sie zugunsten von Entwicklungsländern ausgesetzt werden oder nicht? Zeitlich oder regional begrenzt vielleicht? Das betraf damals alle Anbieter von Impfstoffen, auch solche, deren Produkte erst in der klinischen Zulassung waren.

Jetzt boxen die Anbieter gegeneinander: Moderna verklagt BionTech / Pfizer, Curevac verklagt Moderna und BionTech / Pfizer und die wiederum wehren sich mit Feststellungsklagen dagegen. Eine ziemliche Klagerei. Der Hintergrund ist klar: Die mRNA-Technologie ist nicht nur für Impfstoffe vielversprechend, sondern auch in vielen anderen Bereichen wie der Onkologie. Und die zu erwartenden Umsätze gehen für die nächsten Jahrzehnte womöglich in die Billionen – ja, richtig gelesen. Billionen. Da lohnt es sich auf jeden Fall, heute schon mal in gute (Patent)-Anwälte zu investieren.

Die Sache ist aber äußerst komplex. Viele mRNA-Patente gehören nämlich öffentlichen Forschungseinrichtungen. Ganz vorne zu nennen ist da die University of Pennsylvania, aber auch das Imperial College in London und andere Institutionen. Die lizenzieren sie wiederum direkt oder über Rechtetransfer-Gesellschaften exklusiv oder nicht-exklusiv an die Pharmas und die bezahlen dafür mehr oder weniger viel Geld. Nature hat vor zwei Jahren einmal versucht, das in einer Übersicht zusammenzufassen (Link). Schon das war schwierig und seitdem ist es nicht einfacher geworden.

Es kann aber keine wirkliche Strategie sein, dass die Pharmaindustrie den Zugang zu grundlegenden medizinischen Entwicklungen so blockiert, dass zwei Drittel der Weltbevölkerung davon ausgeschlossen sind. Und dass die Regierungen der Länder mit großer Pharmaindustrie – darunter auch die deutsche – das kritiklos unterstützen. Patente sind ohne Frage ein Motor der medizinischen Forschung. Sie sollten aber besser mit einem Getriebe ohne Rückwärtsgang genutzt werden – zum Wohl aller.

Das hinzubekommen ohne das Patentsystem plattzumachen, dürfte ähnlich schwierig und von Widerständen geprägt sein wie die Einführung der Telematikinfrastruktur in Deutschland. Und trotzdem ist es genauso lohnend. Wer packt’s an?

Was, wann, wo?

Zurück aus der Sommerpause geht es heute um die Erkenntnisse, die die ständigen Umfragen, Trend-Reports etc. zum angeblichen Informationsverhalten der ärztlichen Zielgruppe „gewinnen“, aber häufig gar nicht die relevanten Fragen stellen.
Die LA-MED, eine aus Pharmaindustrie, Agenturen und Verlagen bestehende Arbeitsgemeinschaft, sieht die „klassischen“ Informationsquellen wie Zeitschriften und Kongresse als wichtigste „Touchpoints“ für diejenigen Ärztinnen und Ärzte, die sich über neue eingeführte Medikamente informieren möchten. Etwas abgeschlagen in dieser Listung sind die Webseiten der Verlage und der Pharmaindustrie. Generell würden (wenig verwunderlich) gedruckte Fachzeitschriften immer noch als Informationsquelle Nummer eins genutzt, gefolgt vom Kollegengespräch.
Erstaunlicherweise rangiert die Rubrik „Internet/Online-Dienste“ hier nur auf Rang 4 – obwohl der tägliche Zugriff auf Datenbanken doch bereits zur Tagesroutine gehört. Die Vorstandssprecherin der LA-MED meinte zwar, dass die Online-Revolution in den Zeiten der Pandemie ausgeblieben sei, aber die Auftragsbücher der Digital-Agenturen sprechen hier eine andere Sprache. Eine digitale Revolution kann aber auch von manchen unbemerkt stattfinden.
Beispiel Neurologie: Eine aktuelle Meldung von HEALTHRELATIONS (Deutscher Ärzteverlag) titelt: „FACTSHEET NEUROLOGIE – WIE INFORMIEREN SICH NEUROLOG:INNEN?“ Hauptsächlich wird aber hier nur die Inanspruchnahme der Produkte des DÄV gewertet, interessant aber die Frage nach dem WANN? Neurologen informieren sich insbesondere am späten Nachmittag und frühen Abend – und sind vor allem am Wochenende in der Informationsbeschaffung unterwegs. Digital messbar.
Welche Erwartungen haben denn Ärztinnen und Ärzte wirklich an die Bereitstellung von Informationen? In diesem Kontext fiel uns wieder eine Analyse von EPG Health (GB) aus dem Jahr 2021 ein, die untersuchte, was Ärzte z. B. von der Pharmaindustrie erwarten – und nicht bekommen. Vertreter des Gesundheitswesens äußern hier die größte Nachfrage nach kurzen, mundgerechten Inhalten sowie nach Webinaren und interaktiven Lernmodulen, und die Pharmaindustrie konzentriert sich darauf, diese anzubieten. Bei mehreren Inhaltstypen/Formaten übersteigt die Nachfrage jedoch deutlich das Angebot der Pharmaindustrie, darunter herunterladbare Inhalte, die Möglichkeit, Inhalte mit Lesezeichen zu versehen, Benachrichtigungen über relevante/aktuelle Inhalte und Podcasts. Auch alles digital.
Wir starten demnächst mal einen eigene Umfrage zu diesem Thema.

Mit dem G-BA in die Sommerfrische

Nicht nur bei den Konnektoren gibt es Entscheidungen, über die so mancher den Kopf schüttelt, weil man sie durchaus als Ergebnis „erfolgreicher“ Lobbyarbeit interpretieren kann (Link). Letzte Woche ist aus dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) durchgesickert, dass die geplante Verordnung zum Zwangsaustausch von Biologika zugunsten günstigerer Biosimilars wohl um ein Jahr verschoben wird. Eine Entscheidung, die das gleiche Lobby-Geschmäckle hat.

2016 wurde das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) beschlossen. Darin war u.a. festgehalten, dass Apotheken ab August 2022 Biologika gegen Biosimilars austauschen sollen, wie das bei synthetisch hergestellten Arzneimitteln und Generika schon lange der Fall ist. Einzige Voraussetzung: Der G-BA muss vorab eine Austauschbarkeit festgestellt haben. Für Ausnahmen soll es, wie bei Generika, das Aut-idem-Kreuz geben.

Letzte Woche hat das Bundeskabinett jetzt beschlossenen, die Frist um ein Jahr zu verlängern. Das berichtet die Apotheker-Zeitung mit Hinweis auf die „erheblichen Einwände, die die Sachverständigen der medizinischen Wissenschaft und Praxis, die Spitzenorganisationen der pharmazeutischen Unternehmer, die betroffenen pharmazeutischen Unternehmen und die Berufsvertretungen der Apotheker vorgebracht hätten.“

So endet der Juli 2022. Im August wird dieser Blog eine kleine Sommerpause einlegen und ab September sind wir dann wieder für Sie da. Wir wünschen Ihnen einen entspannten Sommer.

Reinhard Merz
Wolfram Wiegers