Die Zukunft der medizinischen Information

Die App auf Rezept kommt

Dass Smartphone-Apps einen Nutzen in der Gesundheitsversorgung haben können, ist unstrittig. Weit verbreitet sind sie heute aber eher im Fitness-Bereich, in der klinischen Medizin führen sie noch ein Mauerblümchen-Dasein. Das soll sich ändern. Gesetzlich Versicherte sollen zukünftig einen Anspruch auf „digitale Gesundheitsanwendungen“ erhalten. Das hat das Bundeskabinett am 10. Juli beschlossen, als es das „Digitale Versorgungsgesetz“ (DVG) durchgewunken hat.

Doch was ist verschreibungsfähig? Gesundheits-Apps werden zukünftig nach einem Verfahren, das vom BfArM (Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte) noch entwickelt werden muss, als Medizinprodukte eingestuft. Anerkannte Produkte in einer Risikoklasse nicht höher als 2a sollen Ärzte wie Medikamente oder Hilfsmittel zu Lasten der GKV verordnen können. Zugelassene Apps sollen dabei über die normalen App-Stores von Apple und Google bezogen werden können, die Kasse erstattet das dann im Nachgang – so der Plan.

Ein Forschungsdatenzentrums soll das alles begleiten und evaluieren, nutzungsberechtigt wären unter anderen die Ärztekammern und die Kassenärztlichen Vereinigungen. Parallel soll das BfArM Übersichten zu verordnungsfähigen Gesundheits-Apps für Vertragsärzte erstellen, sortiert nach Einsatzgebieten.

Unserer Meinung nach hat das DVG Potenzial, auch wenn viele Detailfragen noch offen sind. Fast auf den Tag genau 50 Jahre nach der ersten Mondlandung fühlt man sich an die Worte Neil Armstrongs erinnert: „Ein kleiner Schritt für den Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit“. Ein bisschen zumindest …

 

Offizielle Seite des BMG

Mobiles EKG mit 12 oder 22 Kanälen

EKG sind nicht gleich EKG. Tatsächlich existieren erhebliche Unterschiede in den Diagnosemöglichkeiten. Derzeit gibt es etwa drei verschiedene Qualitätsstufen auf dem Gebiet der EKG-Technologie. Auf der Einstiegsstufe, Gadget-EKG-Geräte mit 1-Kanal oder 6-Kanälen für Privatpersonen. Auf einem wesentlich höheren Niveau, das 12-Kanal-EKG, der sogenannte „Goldstandard“. Es erfüllt die geforderten Minimalstandards der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) und Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) zur Diagnose eines EKGs. Aber selbst der „Goldstandard“ wird von noch leistungsstärkeren EKG-Systemen, wie CardioSecur, in den Schatten gestellt. Mit bis zu 22-Kanälen ermöglicht es einen 360°- Diagnostikblick auf das Herz, ohne Kompromisse bei der Benutzerfreundlichkeit einzugehen. Damit ist CardioSecur das einzige System, welches die Leitlinien der ESC und DGK (1,2) in nur einer synchronen Messung umsetzt. Diese vollständig zertifizierten, innovative EKG-Geräte stehen sowohl Privatnutzern und als auch medizinischem Fachpersonal zur Verfügung.

Die Anzahl der Kanäle ist ausschlaggebend für die Diagnoseleistung eines EKGs, da jeder Kanal stellt eine Sichtachse auf das Herz darstellt. Je mehr Sichtachsen ein System aufweist, desto komplexer ist es und umso relevanter sind die medizinischen Daten, die es liefert. Daher sind 1-Kanal-EKGs (z. B. Apple WatchTM) nur von begrenztem medizinischem Wert. Zwar sind sie bereits ein großer Fortschritt bei der Überprüfung der Herzaktivität jenseits eines Pulsmessers, jedoch ist Ihr Einsatz nur als Screening-Tool geeignet. Denn Sie erfüllen nicht die diagnostischen Anforderungen der ESC und DGK. Deren Richtlinien verlangen auch für die Diagnose von Herzrhythmusstörungen zumindest ein 12-Kanal-EKG (3). Zudem können Gadget-EKGs nicht alle Formen von Herzrhythmusstörungen erkennen und sind nicht ansatzweise in der Lage, Hinweise auf lebensbedrohliche Herzinfarkte zu liefern.

Hier erfordert es ein fundiertes, mobiles EKG-System, um die Diagnoselücke zu schließen. CardioSecur ist die erste Technologie, die sogar den klinischen „Goldstandard“ des konventionellen 12-Kanal-EKGs übertrifft und einen synchronen 360-Grad-Blick auf das Herz ermöglicht. Das System zeichnet ein vollständig ESC-Richtlinien konformes EKG in nur einem Messvorgang auf. Die CardioSecur Technologie verwendet Vektor-Elektrokardiographie und basiert auf dem EASI-Standard, welcher in den 1980er Jahren von Dower beschrieben wurde. CardioSecur hat diesen Standard weiterentwickelt, um ein klinisches EKG mit nur vier Elektroden abzuleiten. Die Übereinstimmung von CardioSecur zum konventionellen 12-Kanal-EKG bezüglich kardiologischer Diagnosen ist klinisch nachgewiesen (4,5).

Dank CardioSecurs einzigartiger EKG-Datentiefe stellen Ärzte schlüssige Diagnosen über jedwede Art komplexer Arrhythmien, verhindern Schlaganfälle und lebensbedrohliche Infarkte auf der Herzvorderwand und -hinterwand. Damit kann die Therapieeinleitung schneller und zielgerichteter durchgeführt werden als mit jedem anderen System weltweit. Ein weiterer positiver Effekt ist die Vermeidung von Komorbiditäten aufgrund von Verzögerungen. CardioSecur wird tagtäglich von tausenden Ärzten und renommierten Kliniken wie der Universitätsklinik Heidelberg und der Charité in Berlin eingesetzt. Seit 2019 hat die Lufthansa, als erste Luftfahrtgesellschaft, CardioSecur als Bord-EKG bei Langstreckenflügen.

(Quelle: Mitteilung von Eduard Lerperger, CardioSecur, für MedicalLearning.de)

 

Literatur:

1 Ibanez B, James S, Agewall S, et al. 2017 ESC Guidelines for the management of acute myocardial infarction in patients presenting with ST-segment elevation: The Task Force for the management of acute myocardial infarction in patients presenting with ST-segment elevation of the European Society of Cardiology (ESC), European Heart Journal, Volume 39, Issue 2, 7 January 2018, Pages 119-177, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehx393.

2 Roffi M, Patrono C, Collet J, et al. 2015 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes in patients presenting without persistent ST-segment elevation: Task Force for the Management of Acute Coronary Syndromes in Patients Presenting without Persistent ST-Segment Elevation of the European Society of Cardiology (ESC), European Heart Journal, Volume 37, Issue 3, 14 January 2016, Pages 267–315, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehv320.

3 Kirchhof, Paulus, Stefano Benussi et al. 2016 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation developed in collaboration with EACTS: The Task Force for the management of atrial fibrillation of the European Society of Cardiology (ESC), European Heart Journal, Volume 37, Issue 38, 1 August 2016, Pages 2893-2962, https://www.escardio.org/Guidelines/Clinical-Practice-Guidelines/Atrial-Fibrillation-Management

4 Bonaventura K, Wellnhofer E, and Fleck E. Comparison of standard and derived 12-lead electrocardiograms registrated by a simplified 3-lead setting with four electrodes for diagnosis of coronary angioplasty-induced myocardial ischemia. European Cardiology, 2012 Jul; 8(3): 179.

5 Triebl D, Kenedi P, Preda I, et al. Comparative study of the CardioSecur pro ECG system with the EASI Philips M2601B. Personal MedSystems Frankfurt, Central Hospital of the Hungarian Defence Forces Budapest. Abstract presented eCardiology Congress 2016: Berlin.

 

Der lange Weg zur digitalen Pathologie

Die Onkologie ist aktuell das dynamischste Fachgebiet der Medizin. Nirgendwo werden mehr neue Arzneimittel zugelassen, nirgendwo wächst das Wissen schneller als hier. So beindruckend die Erfolge der Immunonkologie sind, spricht nach wie vor nur ein Teil der Patienten auf die Therapie an und bei vielen Krebsarten liegt der Prozentsatz nur bei 20%. Vier von fünf Patienten profitieren also nicht von einer solchen Therapie.

Doch wie findet man die geeigneten Patienten? Mithilfe vom molekularen Markern. Bei dieser Art der Diagnostik könnten Big Data und Machine Learning eine zunehmend prominente Rolle spielen, denn das Erkennen von definierten Strukturen in Bildern gehört zur Kernkompetenz der Computer. Ein digitales System muss dabei nicht besser sein als ein menschlicher Pathologe oder Radiologe, kann aber 7 Tage in der Woche 24 Stunden Dienst schieben. Und damit helfen, den riesigen Bedarf an molekularer Pathologie zu decken, den die modernen Immuntherapien erfordern.

Für den flächendeckenden automatisierten Einsatz fehlt es aber nicht nur an geeigneten Systemen und menschlichen Operatoren, auch fehlt bei vielen Markern noch ein etablierter Standard. Um zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit zu errechnen, ob ein Patient auf einen modernen Checkpointinhibitor anspricht, kann der Marker PD-L1 in einem histologischen Schnitt des Tumors gemessen werden. Dummerweise gibt es dazu aber unterschiedliche Zählweisen: Während beim Tumor Proportion Score (TPS) der Prozentsatz positiver Tumorzellen ermittelt wird, misst man beim Immune Cell Score (IC) den Anteil des Tumors mit positiven inflammatorischen Zellen. Dabei handelt es sich um einen Flächen-Score, nicht um einen Zell-Score.

Man vergleicht also Äpfel mit Birnen. Das führt zu der Situation, dass die Angaben für die Wirkung der unterschiedlichen Medikamente auch nur mit Vorsicht zu vergleichen sind. So lange diese Frage nicht gelöst ist, bleibt die digitale Pathologie noch ein ganzes Stück weit weg.

App soll OP-Vorbereitung erleichtern

Ob und wann ein bestimmter Blut-Gerinnungshemmer vor einer Operation abgesetzt werden muss, könnten Ärzte und Patienten künftig per App klären / 300.000 Euro Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung

Operationsvorbereitung per App: Das soll dank eines Projekts der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Freiburg möglich werden. Denn eine wichtige Frage der OP-Vorbereitung ist, ob und wann Medikamente abgesetzt werden müssen, die die Blutgerinnung beeinflussen. Diese Entscheidung ist aufgrund neuer Wirkstoffe, sich kontinuierlich ändernder wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie unterschiedlicher Blutungsrisikogruppen der Eingriffe sehr komplex geworden. Gemeinsam mit Forschern der Klinik für Kardiologie der Medizinischen Universität Warschau (WUM) und Industriepartnern aus den Bereichen Computer-Design und IT entwickeln die Freiburger Ärzte und Forscher nun eine neue App, die Mediziner bei der Therapieentscheidung unterstützen und Patienten aufklären soll. Die Entwicklung wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der „Deutsch-Polnischen Kooperation zum Technologietransfer in der Digitalen Wirtschaft“ (DPT) mit 300.000 Euro gefördert.

Rund 65 Millionen Menschen in Europa nehmen Medikamente, die die Blutgerinnung vermindern, etwa um das Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko zu senken. Anders als früher müssen moderne Gerinnungshemmer oft erst kurz vor dem Eingriff abgesetzt werden, manche sogar gar nicht.

App-Nutzer sollen zwischen Patienten- und Ärztemodus wählen können

„Aktuell wird die gerinnungshemmende Therapie oft zu früh vor dem Eingriff beendet und die Medikamente mit zum Teil falschen Präparaten ersetzt. Das kann zum Schaden der Patienten sein“, sagt Prof. Dr. Arkadiusz Miernik, Geschäftsführender Oberarzt und Leiter der Sektion Urotechnologie der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Freiburg.

Das Team um Miernik plant nun eine App mit einem Patienten- und einem Ärztemodus. „Den Patienten möchten wir allgemeine Informationen rund um das Thema medikamentöse Gerinnungshemmung und Operation zur Verfügung stellen, eventuell auch als Video. Die Ärzte sollen konkrete, evidenzbasierte Informationen zu den geläufigen Standards und eine Behandlungsempfehlung erhalten“, erklärt Miernik.

Nutzerbedürfnisse von Anfang an berücksichtigt

Um die Wünsche und Bedürfnisse der späteren Nutzer von Anfang an zu berücksichtigten, fand kürzlich ein Workshop in Freiburg statt, an dem neben den Projektpartnern auch Klinik- und niedergelassene Ärzte, Pflegekräfte und Patienten teilnahmen. „Die Rückmeldung der Beteiligten war sehr positiv. Insgesamt zeigte sich, dass derartige Info-Apps heute besser angenommen werden als normale Websites“, sagt Projektkoordinatorin Friederike Praus, Wissenschaftlerin und Medizinerin in der Sektion für Urotechnologie der Klinik für Urologie des Universitätsklinikums Freiburg.

Von den rund 100 Anträgen, die im DPT-Förderprogramm des BMBF eingereicht wurden, wurden neun Projekte zur Förderung ausgewählt. Dabei erhielt das Projekt CHASER (antiCoagulation Help App for SurgERy) die besten Bewertungen aller Projekte „Besonders positiv wurde bewertet, dass unser Projektteam von Anfang an Medizin-Fachleuten, Programmierern und Experten für digitale Nutzer-Computer-Interaktion zusammenbringt. Das ist eine hervorragende Grundlage für ein erfolgreiches Projekt“, so Dr. Philippe-Fabian Müller, verantwortlicher Projektleiter der Sektion für Urotechnologie der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Freiburg.

Quelle: Pressemeldung der Universitätsklinik Freiburg

Neue Player durch neue Produktentwicklung?

Die etablierten Anbieter in den Bereichen Medizintechnik und Pharma haben die Digitalisierung entdeckt. Das ist erst mal eine gute Nachricht. Aber leider verstehen sie die Digitalisierung fast ausnahmslos als Zusatzangebote, die ihre klassischen Produkte unterstützen, etwa im Bereich der Therapiebegleitung oder des Krankheitsmanagements. Mit der Folge, dass die Investitionen insgesamt gering sind. Deloitte schätzt den deutschen Anteil an den globalen Digital Health Investitionen auf 0,5%. Damit liegen wir nicht nur Lichtjahre hinter den USA (75%!), sondern z.B. auch hinter China, Indien, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Israel.

Da wundert es nicht, dass sich die “Big Five” der IT-Branche auch in Deutschland das Gesundheitswesen als zukünftiges Geschäftsfeld erschließen wollen. Dieser Plan ist nicht neu – sondern eher schon zwingend. Denn der Markt ist riesig, noch weitgehend analog geprägt und in vielen Ecken auch wenig effizient. Apple, Amazon, Facebook, Google und Microsoft arbeiten deshalb schon seit Jahren an Lösungen, die ihnen Zugang zu diesem Markt verschaffen. Und die sehen sehr unterschiedlich aus.

Microsofts Ziel sind Betriebssysteme, die Healthcare-Playern erlauben, Ihre Daten sicher in der Cloud zu speichern und zwischen Kliniken, Praxen und Patienten zu teilen. Google entwickelt über seine vielen Töchter z.B. Roboter für die Chirurgie, arbeitet aber auch an KI-gestützten Modellen zur Diagnose und natürlich an Big-Data-Modellen für Studien. Apple ist mit der iWatch schon länger in der Begleitung von Studien aktiv und Amazon schickt sich an, mit seiner Vertriebspower auch bei der Verteilung von Arzneimitteln mitzumischen. Nur Facebook scheint den Zug irgendwie verpasst zu haben – immerhin hat man erste Schritte in den Bereichen Sucht- und Suizidprävention gewagt.

Spannend dürfte es werden zu sehen, ob die „agile Entwicklung“ der IT-Branche auch in der Medizin funktioniert. Denn so ist es möglich, dass Software-Lösungen schnell in der Praxis erprobt und mit kurzen Software-Release-Zyklen kontinuierlich weiter entwickelt werden. In Pharma und Medizintechnik verläuft die Produktentwicklung dagegen entlang klar definierter Schritte zum finalen Produkt – aufwendige und teure Studien inklusive.

Welche Player in Zukunft welche Dienste anbieten, wird sich nicht zuletzt anhand der Kriterien für die zukünftige Produktentwicklung entscheiden.