Die Zukunft der medizinischen Information

Mit ePA und Videosprechstunde ins Sommerloch

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, sagt eine alte Fußballweisheit – aber nach der Pandemie ist nicht vor der Pandemie. Denn auch wenn das Virus eines Tages wieder mal verschwunden sein sollte, wird nicht alles so sein wie vorher. Viele Arbeitsnehmer werden ihre Chefs darauf hinweisen, dass im Home Office alles gut lief – und Studien bestätigen, dass die Produktivität darunter nicht gelitten hat.

Auch Ärzte werden darauf drängen, dass man die Videosprechstunde jetzt nicht schnell wieder in die Schublade stecken kann. Oder deren Zahl in der Abrechnung so begrenzen, dass es wirtschaftlicher Selbstmord wäre. Zu den unbestrittenen Vorteilen gehört neben der Senkung des Infektionsrisikos für Praxispersonal und Patienten auch die flexible Steuerung des Patientenaufkommens – mit und ohne Corona. Nach einer repräsentativen Studie der Stiftung Gesundheit in Zusammenarbeit mit dem health innovation hub unter Medizinern nutzen bereits 52,3 Prozent der Teilnehmer die Videosprechstunde, weitere 10,1 Prozent planen den Einsatz zukünftig. Es steht außer Frage, dass Ärzten dieser Aufwand vernünftig bezahlt werden muss und die Selbstverwaltung tut gut daran, das aktiv einzufordern..

Mit der Videosprechstunde scheint die Liebe zur IT-Technik dann aber auch zu enden. Denn beim Ausbau der IT-Infrastruktur für die elektronische Patientenakte (ePA) hat man es nicht ganz so eilig. Die Zeiträume für die Einführung digitaler Anwendungen müssten plausibel und machbar sein, forderten KBV und KVen letzten Freitag mal wieder lautstark. Umsetzungsfristen – die Patientenakte soll Anfang 2021 starten – seien  deshalb „erheblich“ zu verlängern.

Das Ministerium nennt die bestehenden Fristen dagegen „anspruchsvoll, aber gleichzeitig realistisch“. Und als neutraler Beobachter muss man sagen: Noch jede Frist seit dem Planungsentwurf für die elektronische Gesundheitskarte im Jahr 2004 wurde von den KVen mit dem Argument „das geht zu schnell“ abgebügelt. Man würde sich tatsächlich mal eine andere Ausrede wünschen – vielleicht findet man im Sommerloch ja noch den Datenschutz.

Apropos Sommerloch: Auch wir verabschieden uns über den August in eine kleine Pause und sind ab Anfang September wieder für Sie da.

Kosmetik kann Fiebermessung verfälschen

Südkoreanische Wissenschaftler haben in einer Studie, die sie auf dem prePrint-Server „medRxiv“ veröffentlicht haben, das Thema „Infrarot-Bewertung der menschlichen Gesichtstemperatur in Anwesenheit und Abwesenheit gängiger Kosmetika“ untersucht.

Die berührungslose Infrarot-Temperatur-Messung gilt als valides Fieberscreening und wird häufig auch im Rahmen der COVID-19-Prävention eingesetzt. Kann die Messung der Hauttemperatur durch einfache Anwendung von Gesichtskosmetika (z.B. Hautcremes und -puder, Sonnenschutz) beeinflusst werden?

Dieser Frage gingen die Wissenschaftler nach und kamen zu dem Schluss, dass die Anwendung von Kosmetika diejenige Temperatur, die bei der berührungslosen Wärmebildgebung abgelesen wird, um bis zu 2 Grad Celsius vermindern kann.

Dies hat hohe Relevanz für die Bewertung der Screenings auf eine COVID-19-Infektion. Zwar maskieren die Kosmetika nicht auf Dauer, eine Wirkung scheint jedoch (je nach Inhaltsstoff) zwischen 5 und 30 Minuten nach dem Auftragen nachweisbar.

(medRxiv preprint doi: https://doi.org/10.1101/2020.03.12.20034793

Kommt die Quantenmedizin?

Quantencomputer sind nicht gerade eine aktuelle Erfindung, trotzdem sind sie irgendwie neu. In den letzten 2 Jahren sind zunehmend mehr Technologie-Konzerne in die Q-Forschung eingestiegen und sogar das aktuelle Konjunkturprogramm der Bundesregierung will die Entwicklung mit 2 Milliarden Euro fördern. Schon vorher war am Forschungszentrum Jülich der Bau eines europäischen 100-Qubit-Computers geplant, der OpenSuperQ heißen soll. Und weil durch Corona der Zusammenhang zwischen Medizin und Konjunkturprogramm ja ziemlich offensichtlich ist, denkt man auch schon darüber nach, ob es nicht medizinische Fragen gibt, für deren Beantwortung ein solcher Quantencomputer sinnvoll sein könnte.

Da steht ganz vorne auf der Liste das Design neuer Medikamente. Dieser Prozess hat u.a. auch viel mit Quantenchemie zu tun und lässt sich – theoretisch zumindest – durch quantenmechanische Berechnungen viel schneller und effizienter realisieren. Dabei könnten quasi unendlich viele Variablen und Parameter simuliert werden: Geschlecht, Alter, Erkrankungen, andere Arzneimittel, Uhrzeit der Medikamenteneinnahme um nur ein paar wenige zu nennen. Und Daten von persönlichen Gentests oder Gesundheitssensoren könnten gleich mit integriert werden.

Deren Gesamtmenge wird für 2020 auf 40-50 Zettabyte geschätzt – zur Erinnerung: 1 Zettabyte entspricht 1012 Gigabyte. Diese enormen Datenmengen sind realistisch nur noch von Quantencomputern zu händeln, sagen die Experten. Und die gleichen Experten meinen auch, dass die ersten Modelle für den Alltagseinsatz womöglich noch in diesem Jahrzehnt ihre Arbeit aufnehmen.

Dass die Quantencomputerei heute noch in den Kinderschuhen steckt, sollte uns dabei nicht allzu sehr täuschen. Denn ist ein technologisches Problem erst einmal grundsätzlich verstanden und lösbar, geht die Entwicklung oft rasant schnell. Auch beim Flugzeug lagen zwischen dem 50-Meter-Taumelflug der Brüder Wright und der ersten Atlantiküberquerung nur 16 Jahre …

Entwickelt sich das Smartphone zum Gesundheitszentrum?

Die recht erfolgreiche Einführung der Corona-Warn-App vom RKI beweist, wie sehr bereits heute die Informationen zur eigenen Gesundheit mit dem persönlichen Smartphone verzahnt sein können.

Was ist in Zukunft noch zu erwarten?

  • Bereits heute verfügen Smartphones über eingebaute Sensoren, die zahlreiche Parameter analysieren können und demnächst wird das Smartphone (in Verbindung mit der Smartwatch) Vitalfunktionen überwachen. Anwendung bei der Früherkennung einer Erkrankung und dem Monitoring begonnener Therapien.
  • Die integrierten Infrarot-Sensoren eines iPhones könnten nicht nur zur FaceID, sondern auch zur Temperaturmessung und -aufzeichnung genutzt werden – ohne externe Zusatzgeräte. Bei einer Pandemie könnte dies ein wichtiges Hilfsmittel sein. Und siehe da: schon hat Huawei in einem neuen Modell bereits einen Infrarot-basierten Temperatursensor integriert. Kurz an die Stirn halten – schon zeigt die App die Körpertemperatur.
  • Ein Thema, welches wir in diesem Blog schon mehrfach aufgegriffen haben: der mobile Hautarzt. Das Smartphone erstellt ein Foto vom Leberfleck, die KI erstellt eine Empfehlung zum Arztbesuch – oder gibt Entwarnung.
  • Die Sprachanalyse über das Smartphone erkennt neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Aphasie etc.

Erstaunlich an dieser kurzen und unvollständigen Aufzählung ist, dass es sich hier keineswegs um Science-Fiction handelt, sondern um die Gegenwart.

Kontroverse Diskussion um KI-Studie

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Münchner Kreises geht der Frage nach, wie sich Technologien der Künstlichen Intelligenz (KI) mittelfristig auf den beruflichen und sozialen Alltag auswirken und welche Handlungsfelder sich daraus für Politik und  Gesellschaft ergeben. Titel: „Leben, Arbeit, Bildung 2035 +“. In der Pressemitteilung heißt es dazu: „Das internationale Delphi, an dem im Zeitraum von November 2019 bis März 2020 mehr als 500 ExpertInnen teilnahmen, wurde von 11 Partnern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft unterstützt“.

Ein rund zehnseitiges Addendum beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie und man kommt zu dem Fazit: „Der durch die Corona-Pandemie ausgelöste Digitalisierungsschub in Deutschland kann sich positiv und beschleunigend auf die Entwicklung und Nutzung von KI-Technologie auswirken!“ Und gleich schiebt man noch hinterher: „Die Weichen müssen jetzt gestellt werden, um Risiken zu vermeiden sowie die potenziellen Chancen nicht zu verschlafen, sondern sie zu ergreifen.“

Die meisten Projekt-Partner kommen – beim Thema KI wenig verwunderlich – aus der IT-Branche. Und so sind die Aussichten vielleicht auch eher ein bisschen aufgehübscht. Die Macher bemühen sich zwar immer deutlich, auch die gesellschaftlichen Aspekte zu beleuchten, das gelingt aber mal besser, mal weniger gut. Die Studie ist in ihrer Gesamtheit sicher einen Blick wert (Download), ein bisschen mehr kritischer Abstand würde ihr dennoch nicht schaden.

Der Ärzte Zeitung geht der KI-Hype jedenfalls mächtig auf den Wecker. Unter der Überschrift „KI-Studie: Im digitalen Vollrausch“ lästert Kommentator Matthias Wallenfels: „Im Moment laufen sich offensichtlich alle möglichen Experten warm, um die Segnungen der Künstlichen Intelligenz (KI) auch und vor allem für die Bereiche Gesundheit und Pflege zu preisen.“ Er liegt mit manchem sicher richtig, lässt aber ebenfalls den kritischen Abstand vermissen (Link).

Ob das Gesundheitswesen durch KI eher nach rosa oder schwarz tendiert, wird sicher auch in diesem Blog noch öfter thematisiert. Bis 2035 werden wir jedenfalls definitiv schlauer sein.