Die Zukunft der medizinischen Information

Elektronische Patientenakte: Der BER lässt grüßen

Am Wochenende 31.Oktober / 1. November 2020 soll – so Stand heute – ein Zombie zum Leben erweckt werden. Dann nämlich wird der Flughafen Berlin Brandenburg (BER) in Betrieb gehen, mit exakt neun Jahren Verspätung. Bereits der Baustart erfolgte mit erheblicher Verzögerung, da die ursprüngliche Planung von 1997 noch von einer Inbetriebnahme im Jahr 2007 ausgegangen war. Zum Baustart 2006 ging man dann von 2011 als Starttermin aus. Wie alle wissen, kam es anders …

Was das mit unserem Blog zu tun hat? Ganz einfach, der BER hat eine Schwester im Bereich der Digitalen Medizin, die elektronische Patientenakte (ePA). Ende 2003 lieferte ein Konsortium unter Leitung von IBM ei­nen ersten groben Entwurf ab, wie die Informationsarchitektur für ein digitales Gesundheitswesen aussehen könnte – und die ePA war damals schon integraler Bestandteil des Konzeptes. Aber während die Industrie schnell zur Tat schreiten und Fakten schaffen wollte, traten Ärzte- und Apothekerorganisationen aufs Brems­pedal. Und so ging – wie beim BER – ein Jahr nach dem anderen ins Land, ohne dass es eine ePA gab.

Geht es nach dem Bundesgesundheitsminister, dann ist zwei Monate nach dem BER auch die ePA am Start. Sie werde am 1. Januar 2021 auch ohne ein differenziertes, feingranulares Rollen- und Rechtemanagement datenschutzkonform ausgestaltet sein, heißt es beim BMG. Damit reagiert man auf Kritik des Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber. Der hatte moniert, dass Versicherte zunächst nur pauschal Zugriffsrechte erteilen oder verweigern können und nicht auf Ebene einzelner Dokumente festlegen, wer zugreifen darf und wer nicht. Das „feingranulare Rechtemanagement“ wird gemäß Patientendatenschutzgesetz (PDSG) nämlich erst ab Januar 2022 eingeführt.

Gestern nun hat die gematik ein Gutachten veröffentlicht, das Sicherheitsexperten der Technischen Universität Graz im Frühjahr 2020 erstellt hatten. Dieses Gutachten hält die Grundstruktur für „solide und gut durchdacht“, beschreibt allerdings auch Schwachstellen, bei denen noch Nachbesserungsbedarf besteht. Diese Schwachstellen führen laut Gutachten aber nicht unmittelbar zu praxistauglichen, interessanten Angriffen. Damit könnte die ePA wohl tatsächlich im Januar 2021 starten – wenn auch noch die letzten administrativen Hürden gemeistert werden: Um Dokumente signieren zu können, benötigt der Arzt einen elektronischen Heilberufsausweis, der noch lange nicht flächendeckend eingeführt ist. Und Patienten brauchen zum Freischalten eine PIN, die sie in Form eines Briefs von ihrer Kasse erhalten sollen. Es bleibt also spannend wie in Berlin …

Gutachten der TU Graz

Ab Donnerstag: Die App auf Rezept

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat die ersten Apps ins Verzeichnis für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) aufgenommen und ab kommenden Donnerstag (15. Oktober 2020) können sie verordnet werden. Noch ist es nicht die von manchen befürchtete Schwemme, aber immerhin sind dann die ersten zwei digitalen Gesundheitsanwendungenh am Start:  Die App Kalmeda bietet eine leitlinienbasierte Verhaltenstherapie für Tinnitus-Patienten über mehrere Monate und Velibra ist ein webbasiertes Programm für Patienten mit generalisierter Angststörung, Panikstörung oder sozialen Phobien.

Und schnell soll das Angebot ausgebaut werden. Nach Angaben des BfArM befinden sich aktuell noch 21 Anwendungen in der Zulassung und für sehr viel mehr hat das Innovationsbüro des BfArM offensichtlich bereits Beratungsgespräche mit den Herstellern geführt. Der Bundesgesundheitsminister ist ob der sichtbaren Fortschritte seines Lieblingsprojekts „Digitalisierung“ zufrieden und nannte das DiGA-Verzeichnis der Ärzte Zeitung gegenüber eine „Weltneuheit“. Nun ja … es geht voran.

Vor dem Hintergrund von Unmengen medizinisch ungeprüfter Gesundheits-Apps weist der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) darauf hin, dass die Zulassung der ersten Apps ein „guter Startschuss für die digitale Gesundheitsversorgung in Deutschland“ sei, weil hier evidenzbasierter Nutzen hinter den Anwendungen steht. Wild diskutiert wird derweil noch über Preise. Kalmeda kostet fast 120 Euro für 90 Tage, Velibra gar fast deren 500 für den gleichen Zeitraum. Dafür darf man dann auch schon erwarten, dass ein tatsächliches Versorgungsplus dabei herauskommt. Die ersten Evaluationen im Echtbetrieb versprechen spannend zu werden.

New York hat nun auch eine Corona-Tracing-App

Am 01.10.2020 wurde in New York eine neue Corona-App veröffentlicht, die zur Ermittlung von Kontakten dient und den Nutzer warnt, falls es einen engen Kontakt mit einer positiv auf das Coronavirus getesteten Person gab. Die Covid Alert NY-App ist kostenlos und steht sowohl für iPhones als auch für Android-Smartphones zur Verfügung. Mittlerweile ist allen verantwortlich Handelnden bekannt, dass die Kontaktverfolgung eine der wenigen bewährten Strategien zur Eindämmung des Coronavirus ist.

Der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo sagte auf der Pressekonferenz zu Einführung der App: „Die App wird über das Handy wissen, wo eine Person, die positiv getestet wurde, war, und die App kann Ihnen sagen, ob Sie sich in einem Umkreis von zwei Metern um diese Person befanden.“ Die App basiert auf Freiwilligkeit, auch an den Datenschutz wurde gedacht. Bluetooth-Technologien von Google und Apple bieten die technologische Basis. Damit das zumindest regional funktioniert, wird die App auch in New Jersey, Pennsylvania, Delaware und Connecticut eingeführt werden.

Das Wording kommt uns bekannt vor und erinnert sofort an die deutsche Corona-Warn-App. Die Entwicklungskosten der deutschen App beliefen sich allerdings laut Ärzteblatt vom 01.09.2020 auf 15 Millionen Euro, die Entwicklungskosten von Covid Allert NY wurden mit 700.000 US-Dollar angegeben. Beeindruckend.

Weitere Informationen unter nj.gov und CNBC.

RADAR: ZNS-Patientenmonitoring im Corona-Einsatz

Der Einsatz von Smartphones und Wearables ermöglicht eine kontinuierliche Fernanalyse von Patienten. So kann frühzeitig erkannt werden, ob sich der Zustand verändert, noch bevor der Patient einen Arzt aufsucht. Das Forschungsprogramm mit dem Namen RADAR-CNS (Remote Assessment of Disease and Relapse – Central Nervous System) hat das Ziel, die Lebensqualität von Menschen zu verbessern, die an Krankheiten des zentralen Nervensystems wie Epilepsie, Depression und Multipler Sklerose leiden. RADAR-CNS ist eine Public-Private-Partnership, am Programm beteiligt sind 24 Partner aus Europa und den USA.

Ein aktueller Beitrag im Journal of Medical Internet Research (JMIR) untersuchte jetzt den Nutzen der RADAR-Basisplattform als Toolbox, um die „Wirkung von nicht-pharmakologischen Interventionen (NPIs) zu testen, die darauf abzielen, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie COVID-19 zu begrenzen“. Sprich: Zu schauen, was im Lockdown passiert. Dazu wurden Daten von mehr als 1000 Teilnehmern analysiert, die seit 2017 und bis in die Lockdown-Zeit am RADAR-CNS-Programm teilgenommen hatten.

Die Messungen bestätigten die erwarteten Verhaltensänderungen: Die Menschen waren weniger mobil und verbrachten mehr Zeit mit der Nutzung von Handys und Social-Media-Apps. Darüber hinaus hatten die Teilnehmer eine niedrigere Herzfrequenz, gingen später ins Bett und schliefen mehr. Das ist alles nicht sehr überraschend, zeigt aber, dass solche Plattformen verwendet werden können, um Verhaltensänderungen schnell zu quantifizieren. Ob sich daraus ein effektives Frühwarnsystem bauen lässt, wie die Autoren diskutieren, ist vielleicht fraglich – ein interessanter Diskussionspunkt in der aktuellen Debatte um den Nutzen der Corona-App ist es aber allemal.

www.jmir.org/2020/9/e19992/

Künstliche Intelligenz bei Koloskopie-Screenings

Darmkrebs ist ein weltweit verbreitet und z.B. in der USA die zweittödlichste Krebsart mit geschätzten 900.000 Todesfälle jährlich. Die Koloskopie gilt als das Goldstandard-Verfahren für die Erkennung und Entfernung von Polypen.

Google hat kürzlich ein Paper veröffentlicht, in dem sie einen von ihnen entwickelten Algorithmus beschreiben.

Dieser C2D2-Algorithmus führt eine lokale 3D-Rekonstruktion des Dickdarms durch, während Bilder während des Eingriffs aufgenommen werden, und identifiziert auf dieser Grundlage, welche Bereiche des Dickdarms abgedeckt wurden und welche außerhalb des Sichtfeldes blieben. C2D2 kann dann in Echtzeit anzeigen, ob ein bestimmter Bereich des Dickdarms eine mangelhafte Abdeckung aufweist, so dass der Endoskopiker zu diesem Bereich zurückkehren kann.

Quelle: Using Machine Learning to Detect Deficient Coverage in Colonoscopy Screenings