Die Zukunft der medizinischen Information

Gesundheitswesen: Digital-Trends für 2022

Nachdem wir das letzte Jahr mit einem Rückblick beendet haben, starten wir das neue Blog-Jahr mit einem Ausblick: was erwartet uns denn im Jahr 2022?

Wie in jedem Jahr werden wir in den zahllosen Trend- und Zukunftsberichten immer wieder z. B. über den Einsatz künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen, über die dazu gehörenden Google-Algorithmen und über die sich daraus ergebenden ethischen Fragen lesen. Das ist alles berechtigt, doch lassen Sie uns hier einmal einen kurzen Exkurs machen – welche Technologien werden die Anwender kurzfristig noch stärker direkt betreffen?

Da wäre beispielsweise die patientenorientierte Fernüberwachung (Telemonitoring) zu nennen, dabei der Einsatz von intelligenten Waagen und Blutdruckmanschetten. Dies sind die Vorboten einer virtuellen Versorgung, die letztlich den Gang zum Arzt ersparen könnten. Es fehlt allerdings nicht an der Technologie – sondern an einem Vertrauensverhältnis und einer langfristigen Beziehung zum virtuellen Anbieter der Dienstleistungen.

Die COVID-Pandemie hat gezeigt, dass der Bedarf an technischen Lösungen für die kontaktlose Kommunikation mit Patienten und an technologiegestützten Lösungen zur Sicherung, Verarbeitung und Aktualisierung von Informationen (Apps zur Kontaktverfolgung und digitale Impfstoffzertifikate) in hohem Maße besteht. Und wir haben hier lediglich die ersten Schritte gemacht.

Aus virtuellen Welten werden Metaversen – mit Augmented- und Virtual-Reality-Anwendungen wird auch das Gesundheitswesen konfrontiert werden und benötigt klare Konzepte und Regularien. Sehen wir es heute einmal positiv: Sicherlich bestehen durch die neuen „Realitäten“ auch einige Möglichkeiten, die individuelle Gesundheit zu fördern und einer ungesunden Lebensweise entgegen zu treten.

Die Pandemie hat dazu geführt, dass Technologien als Reaktionen auf die Herausforderungen eingeführt wurden. Eine gute und weise Forschungsförderung kann nicht unerheblich dazu beitragen, dass der Gesundheitsstandort Deutschland zukunftsfähig bleibt.

Jahresrückblick 2021 – zweiter Teil

Beim zweiten Teil unseres Jahresrückblicks – der sich mehr mit den gesundheitspolitischen Aspekten beschäftigt – ist das mit den Recyceln etwas anders:

  • Der Gesundheitsminister heißt nicht mehr Spahn, sondern Lauterbach
  • Es gibt nicht mehr viele Impfwillige und wenig Impfstoff, sondern umgekehrt
  • Die Landkarte mit verschiedenen Pandemievorschriften ist kein Flickenteppich mehr, sondern ein Mikropuzzle

Da tut es fast schon gut zu sehen, dass auf ein paar Dinge nach wie vor Verlass ist. Zum Bespiel darauf, dass gematik, Industrie und Selbstverwaltung jeden Schritt der Digitalisierung zuverlässig in den Sand setzen. Das war so, als im Januar 2021 die elektronische Patientenakte in den bundesweiten Probetrieb startete. Anfang Februar haben wir unsere frustranen Erfahrungen hier ausgiebig diskutiert (Link).

Zum Juli 2021 startete die zweite Stufe, bevor die erste überhaupt gezündet hatte. Natürlich fühlten sich auch dann die meisten Praxen nicht in der Lage, die Akte wie gewünscht zu befüllen. Und zum 1. Oktober kam mit der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung das nächste Modul, das Ärzte und Patienten zur Verzweiflung brachte (Link).

Zum Januar 2022 dann jetzt das e-Rezept. Den Stand der Vorbereitung beschreibt die Ärzte Zeitung mit Stand 1. Dezember 2021 so: „Tatsächlich haben sich deutlich weniger Praxen, Krankenkassen und Apotheker an der Testphase zum E-Rezept … beteiligt als angestrebt. … Demnach wurden zum 1. Dezember erst 42 „echte“ E-Rezepte abgerechnet – von angestrebten 1000. Beteiligt an den Tests waren demnach vier statt der geplanten 30 PVS-Hersteller und zwei statt sieben Krankenkassen.“ Es braucht nicht viel Phantasie sich vorzustellen, wie die Lage im Echtbetrieb im Januar sein wird.

Im Windschatten der großen Digitalisierungs-Schlachten zwischen Ministerium, Kassen und Ärzteorganisationen gab es aber auch paar Erfolgsgeschichten. So sind telemedizinische Konsultationen fast schon alltäglich geworden. Denn sowohl Patienten als auch Ärztinnen und Ärzte haben mittlerweile gelernt, dass sich viele Fragen auch aus der Ferne beantworten lassen. Und große Kliniken haben erkannt, dass sie so ihre umfassenden Erfahrungen auch außerhalb ihres direkten Einzugsbereichs anbieten können.

Schon dieser kurze und sehr kondensierte Rückblick lässt uns erahnen: Es wird auch 2022 keineswegs langweilig. Wir werden das Geschehen dann wieder in gewohnter Weise hier im Blog für Sie begleiten und kommentieren. Und verabschieden uns jetzt erst einmal in die Winterpause. Ab dem 17. Januar 2022 sind wir wieder für Sie da. Wir wünschen Ihnen eine entspannte Zeit und alles Gute für 2022.

Jahresrückblick 2021 – erster Teil

Als Autor dieser Zeilen ist man fast geneigt, Letztjähriges zu recyceln. Vielstimmige Expertenmeinungen, Impfstoffdiskussionen aber auch Zuversicht – all diese Begriffe begleiteten uns auch im fast vergangenen Jahr 2021. Die Pandemie hat die Menschen nach wie vor im Griff – aber scheint ein wenig von dem Schrecken verloren zu haben, denn bundesweite Inzidenzen von über 400 hätten vor einem Jahr noch panische Ängste hervorgerufen. Nun hat man sich offenbar damit arrangiert: „Ein Mensch  kann sich an alles gewöhnen, man muss ihm nur genügend Zeit lassen“ schrieb ganz richtig der Romanautor N. Sparks. Nun ja, die Impfstoffe haben sicherlich dabei geholfen.

Welche Erfahrungen und Erkenntnisse konnten wir im Jahr 2021 im MedicalLearning-Blog dokumentieren?

Die medizinische Aus-, Weiter- und Fortbildung ist eindeutig digitaler geworden. Der Trend des letzten Jahres bestätigte sich, ärztliche Fortbildungen in Form eines Webinars sind Alltag geworden; Messeveranstaltungen waren ebenso betroffen und wurde aus dem Homeoffice besucht. Auch die Pharmaindustrie denkt um, Außendienste werden neu strukturiert und setzen vermehrt auf digitale Werkzeuge.

Manche technologische Entwicklung nimmt in den Gesundheitsberufen weiter Fahrt auf. Lernen wird unterstützt durch den Einsatz neuer Realitäten: Augmented Reality wird in der Hebammenausbildung erprobt, Tangible AR steht für CME-Fortbildungen bereit. Das Lernen scheint eine neue Evolutionsstufe zu erreichen.

Apps blieben in der Corona-Bekämpfung ein heißes Thema: sie sollten z.B. der Berechnung des Corona-Risikos in Innenräumen dienen, waren aber auch Teil einer kritischen Diskussion.

Künstliche Intelligenz findet im medizinischen Umfeld mehr und mehr Anwendungen, sei es im dermatologischen, ophthalmologischen Fachgebiet oder bei der Prognose individueller Sterblichkeit. Mit der Bedeutung der Künstlichen Intelligenz für die medizinische Fortbildung und für die Erstellung von CME-Kursen wird sich MedicalLearning im nächsten Jahr intensiver beschäftigen.

Der zweite Teil unseres Jahresrückblicks folgt in der nächsten Woche.

Wird Digi-Karl es richten?

Ein Kommentar von Reinhard Merz

Keiner war wirklich wild auf den Job des Gesundheitsministers, wo es dieser Tage mehr Stress als Lorbeeren zu ernten gibt. Jetzt wird es morgen mit Karl Lauterbach ein alter Haudegen. Vielen ist er noch als DRG-Karl in Erinnerung, weil er zu Ulla Schmidts Tagen maßgeblich daran beteiligt war, dass in den Kliniken statt Tagespauschalen oder Einzelleistungen jetzt DRGs (Diagnosis Related Groups) abgerechnet werden. Das hat ihm nicht nur Freunde gebracht.

In den nächsten Monaten wird er jetzt erst mal Pandemie-Karl sein müssen. Denn im Vergleich zu den Corona-Herausforderungen sind alle anderen Baustellen zweitrangig. Als Epidemiologe und Gesundheitsökonom bringt er dafür sicher nicht die falschen Voraussetzungen mit, und nach dem Chaos der letzten Monate kann es bei der Pandemie-Bekämpfung ja eigentlich nur aufwärts gehen – wenn nicht noch eine ganz neue Mutation die Karten neu mischt.

Am Ende der Ampel-Legislatur im Herbst 2025 wird man Lauterbach aber auch daran messen, wie weit er bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens gekommen ist. Und man muss sagen: Bei allen Versäumnissen der letzten vier Jahre hat Jens Spahn hier mehr bewegt, als seine Vorgänger in den zwölf Jahren davor zusammen. Auch wenn Projekte wie die elektronische Patientenakte (ePA) wegen handwerklicher Fehler noch immer in der Warteschleife kreisen.

Wünschen wir Karl Lauterbach alles Gute für seinen neuen Posten. Vielleicht wird die vierte Corona-Welle mit ihm ja die letzte sein. Und vielleicht geht er danach tatsächlich noch als Digi-Karl in die Geschichte der Bundesgesundheitsminister ein.

Ist Dr. med. Google zuverlässig?

Die Suchmaschinen Google und das russische Yandex sind keine zuverlässigen Quellen für Gesundheitsinformationen. Häufig enthalten die kleinen Textschnipsel, die als Vorschau für Suchergebnisse angezeigt werden, fehlerhafte oder mangelhafte Angaben. Besonders problematisch sind die Informationen zu Hausmitteln oder sogenannten alternativen Behandlungsmöglichkeiten, wie Forschende der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Uralischen Föderalen Universität in Russland herausgefunden haben. Sie plädieren deshalb für deutlichere Warnhinweise zu möglichen Gesundheitsrisiken.
Das deutsch-russische Forschungsteam nutzte für die Studie ein Archiv von rund 1,5 Milliarden Suchanfragen der Suchmaschine Yandex, die in Russland sehr weit verbreitet ist. Mit Hilfe der Online-Wissensdatenbank Wikidata und der „internationalen Klassifikation der Krankheiten“ (ICD) der Weltgesundheitsorganisation filterten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jene Anfragen heraus, in denen Symptome, Krankheiten und Behandlungsmöglichkeiten vorkamen. Das waren insgesamt 1,2 Millionen. Die Forschenden identifizierten ungefähr 4.400 Krankheiten und Symptome sowie 1.000 medizinisch genutzte Pflanzen und andere Hausmittel, nach denen gesucht wurde. „Am häufigsten ging es um eher private, alltägliche Themen wie Schwangerschaft oder Intimkrankheiten. Insgesamt wurde auch häufiger nach der Behandlung von Akne oder Cellulite als nach Krebs gesucht“, sagt der Informatiker Alexander Bondarenko von der MLU. Die meisten Fragen fielen in eine von zwei Kategorien: Entweder wollten die Nutzerinnen und Nutzer wissen, ob ein bestimmtes Mittel gegen eine Krankheit hilft. Oder sie suchten danach, wie ein Mittel bei einer Krankheit anzuwenden ist. „Im zweiten Fall wird also bereits davon ausgegangen, dass ein Mittel hilft, obwohl das längst nicht immer erwiesen ist“, erläutert Dr. Pavel Braslavski, Senior Researcher und Dozent von der Uralischen Föderalen Universität.
In einem zweiten Schritt überprüfte das Team, wie Yandex und Google auf die 30 häufigsten Fragen antworteten. Analysiert wurden dafür jeweils die ersten zehn sogenannten Antwort-Snippets. Das sind die kleinen Textteile, die eine Suchmaschine für alle Treffer als kurze Vorschau anzeigt. Anschließend wurde unter anderem der Wahrheitsgehalt der Schnipsel kontrolliert und ob diese Warnhinweise zu möglichen Gesundheitsrisiken enthielten. Grundlage für die Bewertung war eine Recherche zu allen untersuchten Krankheiten und Mitteln in den Datenbanken für medizinische Studien „Cochrane“, „PubMed“ und „BioMed Explorer“. Diese wurde von einer Ärztin durchgeführt.
Yandex gab in 44 Prozent der Fälle fälschlicherweise an, dass ein Mittel gegen eine bestimmte Krankheit wirkt, obwohl dafür keine wissenschaftliche Grundlage existiert. Bei Google waren es knapp ein Drittel der Fälle. Hinweise auf potenziell giftige Substanzen fand das Team nur in 13 beziehungsweise 10 Prozent der Fälle. „Die Angaben aus den Snippets tendieren dazu, bereits vorhandene Meinungen zu bestätigen und liefern viel zu selten Warnungen zu möglichen Risiken“, so Bondarenko. Das sei besonders problematisch, weil frühere Studien gezeigt haben, dass Menschen dazu tendieren, an die Wirkung bestimmter Mittel zu glauben, auch wenn es dafür keine wissenschaftliche Grundlage gibt. Die Forschenden plädieren deshalb dafür, Suchmaschinenergebnisse zu medizinischen Fragen mit deutlicheren Warnhinweisen auf mögliche gesundheitliche Risiken auszustatten.

(Quelle: Pressemeldung der Martin-Luther-Universität, November 2021, gekürzt)