Die Zukunft der medizinischen Information

WHO-Initiative „Digital Health“

Dass digitale Technologien bei Pandemiebekämpfung eine entscheidende Rolle spielen könnten, wussten wir auch schon vor den Corona-Apps. Die vielzitierte technologische Rückständigkeit in den Gesundheitsämtern verhindert eine effektive Kommunikation mit den Bürgern und trägt dazu bei, Vertrauen in staatliche Gesundheitsinstitutionen abzubauen. Doch gerade jetzt zeigt sich welch großer Bedarf an wirkungsvollen digitalen Instrumenten zur Telemedizin oder auch nur zur digitalen Kontaktverfolgung vorhanden ist – bei hoher Akzeptanz durch die Bevölkerung.

Die Leitinitiative „Empowerment through Digital Health“ ergänzt und operationalisiert den Entwurf der globalen WHO-Strategie für digitale Gesundheit. Mit Blick auf Europa will die WHO Initiative die folgenden Schritte unternehmen:

  • Überprüfung des Einsatzes, der Lücken und der Wirksamkeit von Lösungen für die digitale Gesundheit, die als Reaktion auf die COVID-19-Krise eingesetzt wurden.
  • Fertigstellung des Europäischen Fahrplans für die Digitalisierung der Gesundheitssysteme
  • Entwicklung eines europäischen Rahmens für die Verwaltung von Gesundheitsdaten durch eine Europäische Charta für die Verwaltung von Gesundheitsdaten
  • Unterstützung der Länder bei der Nutzung digitaler Technologien

ePA nimmt die wichtigste Hürde

Was in der Alltagsmedizin umgesetzt wird, hängt nur zum Teil von Klinischen Studien und Leitlinien ab. Mindestens genauso wichtig ist die Frage, wie der entsprechende Vorgang vergütet wird. Und nur damit hier keine Missverständnisse entstehen: Kliniken und Praxen als Wirtschaftsunternehmen sind dazu verdonnert, so zu denken und handeln – und keine Raubritter …

Die Vergütung war lange auch der größte Stolperstein bei der Erstbefüllung der elektronischen Patientenakte (ePA). Letzte Woche jetzt der Durchbruch: Rückwirkend zum 1. Januar 2021 können Vertragsärzte, Zahnärzte und Krankenhäuser im laufenden Kalenderjahr einmalig 10 Euro für die Erstbefüllung je Patient und Akte abrechnen, dafür wurde die Pseudo-Ziffer 88270 eingerichtet. Mit der Erstbefüllung sind keinerlei Beratungspflichten gegenüber Patienten verbunden.

Dieses 10-Euro-Honorar gilt nur bis Ende des Jahres und soll dann in die einschlägigen EBM-Ziffern zur ePA eingearbeitet werden. Das klingt erst mal gut, lässt aber viele Fragen offen: Wer informiert die Patienten? Worauf ist bei der Abrechnung außer Ausschlussziffern noch zu achten? Und in welcher Höhe wird ab 2022 vergütet? Dass hier um die oft zitierten Peanuts gestritten wird, scheint skurril. Denn eine funktionierende ePA kann perspektivisch viel mehr einsparen, als sie heute kostet. Trotz der übersprungenen Hürde bleibt das Thema also interessant …

Lernen mittels Tangible-Augmented-Reality

Mittels Augmented Reality (AR)-Technologie können Nutzer die reale Welt sehen, während zeitgleich digitale Zusatzinformationen in die vorhandene Umgebung projiziert werden. Also eine Erweiterung der realen Welt durch eine computerunterstützte Darstellung. Heute wird dazu häufig direkt das Smartphone genutzt. Wir stellen Ihnen nun eine Unterklasse der AR vor, die real greifbare, in der Realität vorhandene Objekte in eine AR-Anwendung miteinbezieht: Tangible-AR.

Mit Tangible-AR ergeben sich neue Möglichkeiten für die Vermittlung medizinischer Inhalte und deren Darstellung.Das Beispiel im Foto (unten) kombiniert Augmented Reality mit einem haptisch wahrnehmbaren Objekt. In diesem Fall handelt es sich um ein vereinfachtes Hautmodell aus dem 3D-Drucker. Über das Smartphone werden simultan eine virtuelle Interaktion und eine greifbare Erfahrung ermöglicht. Die Strukturen des Hautmodells werden dabei durch Beschriftung, Farbgebung oder Animationen augmentiert. Anstelle dieses Modells könnten beliebig auch andere Gegenstände eingesetzt werden. Diese Technologie kann in der medizinischen Wissensvermittlung eingesetzt werden, verschiedene Lernszenarien werden bereits untersucht.

(Bildquelle: health&media GmbH, entstammt dem Forschungsprojekt VR-AR-Med2. Dieses Projekt (HA-Projekt-Nr.: 690/19-10) wird im Rahmen der Innovationsförderung Hessen aus Mitteln der LOEWE – Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz, Förderlinie 3: KMU-Verbundvorhaben gefördert.)

DiGAs nehmen langsam Fahrt auf – und stehen in der Kritik

Seit Oktober 2020 können digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden, aber bislang füllt sich die DiGA-Liste nur langsam: Stand heute (9. August 2021) sind es 18 Apps, von denen ein Teil nur vorläufig aufgenommen wurde, weil die therapeutische Wirksamkeit noch nicht durch klinische Studien belegt ist.

Während anfangs vor allem Anwendungen zu psychiatrischen, neurologischen und onkologischen Indikationen in der Liste zu finden waren, hielten in den letzten Wochen und Monaten jetzt auch solche Indikationen Einzug, die sogenannte Volkskrankheiten adressieren. Die DiGA zanadio, die Menschen mit Adipositas beim gesunden, nachhaltigen Abnehmen unterstützt und dabei auf langfristige Verhaltensänderungen setzt, hatten wir Ihnen vor ein paar Wochen schon vorgestellt (Link). Mit den jüngsten DiGA-Zulassungen werden jetzt insulinpflichtige Diabetiker und Raucher angesprochen. Esysta soll das Diabetesmanagement durch automatischen Datenimport aus Blutzuckermessgeräten und Insulinpens in ein digitales Tagebuch erleichtern. Die DiGA „NichtraucherHelden“ unterstützt Patienten dabei, die Abhängigkeit vom Glimmstengel zu überwinden. Können alle diese Apps ihren klinischen Nutzen belegen, dürfte das Einsparpotenzial für die Kassen ein Vielfaches höher sein als die Kosten für die Verordnung.

Doch leider gibt es nicht nur positive Nachrichten von der DiGA-Front. Schon vor einigen Wochen hatte Heise online über Sicherheitsprobleme berichtet (Link) und dabei versucht, die Spreu vom Weizen zu trennen: „Während einige Anbieter die Vorgaben von DSGVO & Co. geradezu vorbildlich umgesetzt haben, offenbarten andere hierbei erhebliche Mängel. Negativ fielen uns mehrere Apps auf, allen voran die Tinnitus-App Kalmeda.“

Auch andere DiGAs patzten an verschiedenen Stellen des Sicherheitsparcours und laut Heise hat das BfArM bestätigt, eine Überprüfung der Herstellerangaben zur Datensicherheit „sei derzeit nicht vorgesehen und werde auch nicht durchgeführt.“ Deshalb benennt Heise auch gleich zwei Schuldige für die Verunsicherungen bei Verordnern und Patienten: „Diejenigen Hersteller, die bei der Selbstauskunft hinsichtlich des Datenschutzes fragwürdige Selbsteinschätzungen vorgenommen haben und das Bundesgesundheitsministerium, das mit der laschen Anforderung einer Selbstauskunft seinen eigenen Kriterienkatalog entwertet hat.“

Wir verabschieden uns mit diesem Blog in eine kleine Sommerpause und sind ab dem 6. September 2021 wieder für Sie da.

Soziales Lernen

Gängige Anwendungen der Theorie des sozialen Lernens in der medizinischen Ausbildung sind Rollenmodellierung/Mentoring, kollaboratives/kooperatives Lernen und Unterricht mit Fallstudien.

Der Prozess der Rollenmodellierung beinhaltet viele der charakteristischen Merkmale des sozialen Lernens. Zum Beispiel können die Lernenden die Schlüsseleigenschaften eines Lehrenden beobachten (wie ein erfahrener Kliniker am Krankenbett agiert) und diese Beobachtungen nutzen. Der Lernende muss dann in der Lage sein, das gewünschte Verhalten zu reproduzieren und schließlich eine Rückmeldung über seine Leistung zu erhalten.

In vielerlei Hinsicht ist das Rollenmodellieren seit langem das Rückgrat der Lehre der klinischen Medizin. Ärzte in der Ausbildung lernen – und dies schon immer im sozialen Kontext. Die einzigartigen Aspekte der Theorie des sozialen Lernens kombinieren das Verhalten des Rollenmodells mit kognitivem Lernen. Die Integration dieser Aspekte in die digitalen Lehr- und Lernangeboten in der medizinischen Ausbildung und die damit verbundenen Möglichkeiten sind nachvollziehbar. Das Computerunterstützte Soziale Lernen (CSSL) ist selbst zum Gegenstand der Forschung geworden.