Die Zukunft der medizinischen Information

WIE SARS-COV-2 UNSERE GEOGRAPHIEN VERÄNDERT – DREI POSTMEDIZINISCHE PERSPEKTIVEN

Die derzeitige Pandemie-Situation verändert gesellschaftliche Strukturen und beeinflusst, wie wir Räume wahrnehmen, uns in ihnen bewegen und in ihnen handeln. Die gesellschaftliche Raumwirksamkeit der Coronakrise zu analysieren ist Aufgabe der postmedizinischen geographischen Gesundheitsforschung. Im Folgenden werden mögliche Fragestellungen aus drei unterschiedlichen postmedizinischen Perspektiven vorgestellt.

1. DAS VIRUS ALS AKTANT
Unser Alltag ist nicht mehr alltäglich und in die Ausnahmesituation, aus der wir uns langsam wieder zurückkämpfen, wurden wir durch ein Virus gestoßen. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive kann SARS-CoV-2 als idealtypischer nicht-menschlicher Akteur bzw. Aktant gesehen werden. Dabei handelt das Virus natürlich nicht selbst, es verordnet uns kein Homeoffice, es verbietet nicht den Besuch im Zoo und es vertreibt auch nicht Millionen armer Tagelöhner unter menschenunwürdigen Bedingungen aus Indiens Metropolen. Es sind unsere Vorstellungen von dem Virus und ganz konkret Personen und Institutionen, die mit SARS-CoV-2 interagieren und Veränderungen hervorrufen. Durch die Akteursnetzwerke werden unsere täglichen Aktionsräume verändert: die in der realen Welt werden kleiner und enger, während unsere Präsenz im digitalen Raum zunimmt. Statt in Seminar- und Konferenzräumen treffen wir uns in Zoom-Räumen. SARS-CoV-2 verändert neben unseren täglichen Aktionsräumen auch unsere sozialen Praktiken – die Art und Weise, wie wir uns auf der Straße und im Supermarkt bewegen, wie wir mit anderen Menschen (im Raum) interagieren. Eine der ersten Praktiken, die dem Virus zum Opfer fiel, war das Händeschütteln. Freunde umarmen wir nicht mehr, weil wir sie nicht mehr sehen – und wenn dann nur beim Spaziergang mit einem Mindestabstand von 1,5 Metern. Die Frage für die Zukunft lautet: Wie wird das Virus unsere Aktionsräume und Praktiken verändern? Und welche Prozesse, die jetzt angestoßen werden, sind von Dauer?

2. PLACE-MAKING WÄHREND DER PANDEMIE
Als Gesellschaft verhandeln wir derzeit, welche Orte wir wieder zugänglich machen sollen. Orte – im Englischen places – sind mehr als der physische Ort, sie sind die Orte, wie sie in unseren Vorstellungen existieren, geprägt durch die Ereignisse, die wir dort erlebt haben, und die Emotionen, die wir mit ihnen verbinden. San Siro, das Fußballstadion Mailands, wandelte sich vom Ort der Freude – Atalanta Bergamo gewann hier am 19. Februar 2020 4:1 gegen den favorisierten Club aus Valencia das Hinspiel des Championsleague-Viertelfinals – zum Ort der Ansteckung. Im Nachhinein wurde dieses Spiel als „Biologische Bombe“ bezeichnet und San Siro zum Schauplatz des „Spiel 0“ – in Anlehnung an den Patienten 0, den ersten Träger eines neuartigen Virus. Von hier aus, so die Theorie, verbreitet sich das Virus in Norditalien. Aber auch andere Orte haben binnen kurzer Zeit neue Bedeutungszuschreibungen erfahren: Das Karnevalszelt in Gangelt, im Kreis Heinsberg, wurde zum Ort von Deutschlands „Sitzung 0“, Kinderspielplätze wurden von Orten kindlicher Freude zu Durchseuchungsorten und der ÖPNV zu rollenden Infektionsherden (vor allem für diejenigen, die sich kein Auto leisten können). Wie viel wird davon bleiben? Welche Orte werden dauerhaft neue Zuschreibungen erfahren?

3. BIOMACHT UND DIE PANDEMIE
Regierungen weltweit reagieren entschlossen und mit ähnlichen Maßnahmen auf die Verbreitung des Virus, der Begriff Lockdown hat es in deutlich weniger als 80 Tagen um die Welt geschafft. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive bietet sich die Analyse unter Verwendung von Michel Foucaults Konzept der Bio-Macht an. Der Staat ordnet Räume neu, um Leben zu schützen, und wählt dafür drastische Maßnahmen: Er schränkt die Freiheitsrechte in einer Art und Weise ein, wie wir sie in den westlichen Demokratien seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr erlebt haben. In Foucaults Worten „diszipliniert“ er seine Bürger, um Leben zu erhalten. Er schützt seine Bürger auf seinem Territorium. Die bis vor kurzem in diesem Ausmaß nicht vorstellbaren Reisebeschränkungen sind der deutlichste Ausdruck der räumlichen Komponente dieser Biopolitik. Das räumliche Tracking von Infizierten mittels Mobilfunkdaten, in Deutschland vor kurzem noch undenkbar, wird heute selbstverständlich diskutiert. Für die Zukunft stellt sich die Frage, ob diese Biopolitiken die globalisierte Welt verändern werden? Zudem stellt sich die Frage, wie Staaten zukünftig räumliche Bewegungen noch stärker kontrollieren werden.

FAZIT
Die Corona-Krise verändert Geographien kurz-, mittel- und langfristig. Diese räumlichen Veränderungen kritisch zu hinterfragen, wird die Geographische Gesundheitsforschung in den nächsten Jahren herausfordern. Neben der Krankheitsökologie und der Gesundheitssystemforschung wird auch die postmedizinische Gesundheitsgeographie einen wichtigen Beitrag leisten.

Autor: Dr. Carsten Butsch, Universität Köln

(Erschienen im Newsletter 1-2020 des Arbeitskreises für Medizinische Geographie und Geographische Gesundheitsforschung – Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Onlinebehandlung: Die TK macht ernst

Im Oktober 2019 hatte die Techniker Krankenkasse (TK) ein Modellprojekt in Baden-Württemberg gestartet, bei dem Studierende in Heidelberg und Karlsruhe ärztliche Diagnosen online erhalten konnten – ganz ohne direkten Arztkontakt. Dieses Angebot hat die TK jetzt auf alle ihre Versicherten ausgeweitet, wie sie letzten Dienstag (9. Juni 2020) bekanntgab.

Demnach können sich die rund zehn Millionen Versicherten bei Bedarf per Videotelefonie von niedergelassenen Vertragsärzten behandeln lassen. Dazu auf der TK-Website: „Das Behandlungsspektrum umfasst acht Krankheitsbilder vom grippalen Infekt über Magen-Darm-Infekt und Migräne bis hin zu Rückenschmerzen und Corona-Symptomen. … Arzt und Patient kommunizieren ausschließlich digital miteinander. So können sich auch TK-Versicherte mit Corona-Infektion oder Corona-Verdacht über Videotelefonie vom Arzt behandeln lassen. … In der TK-OnlineSprechstunde behandeln die Ärzte die Versicherten über die TK-Doc-App per Videotelefonie und können bei Bedarf eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) ausstellen. Patienten, die Arzneimittelverordnungen benötigen, können zwischen einem klassischen Papierrezept und einem elektronischen Rezept wählen.“

Nach Informationen der Ärzte Zeitung arbeitet die TK dafür mit niedergelassenen Ärzten aus dem KV-Bezirk Schleswig-Holstein zusammen und sei offen für weitere Ärzte und Apotheken, die sich anschließen wollen. Die für den Chat erforderliche „TK-Doc“-App steht kostenlos im Apple Store oder im Google Play Store zum Download bereit, aktiviert wird sie mit der TK-Versichertennummer.

COVID-19: Booster für die digitale Live-Fortbildung?

Die Corona-Krise zeigt seit einigen Wochen ihre Auswirkungen auf die ärztliche Fortbildungslandschaft. Veranstaltungen, ob mehrtägige Kongresse oder einzelne Vorträge, finden aktuell nur noch ohne anwesendes Publikum statt. So wird es wohl auch noch eine Weile bleiben. Es wäre kaum auszudenken, wenn sich ein Medizinkongress als Infektionsort für die Teilnehmer erweisen würde.

Wie groß ist denn eigentlich die Akzeptanz dieses „Ortswechsels“ bei den Ärzten selbst? Das Fortbildungsportal arztCME.de hat diese Frage aktuell seinen Usern gestellt, exakt 552 Ärztinnen und Ärzte haben geantwortet – und zeigen mindesten einen Trend auf.

Hier die Ergebnisse in Kürze:

  • An mindestens einer Live-Online-Fortbildung haben in den letzten Wochen bereits 67% (!) teilgenommen.
  • Könnten Online-Fortbildungen auf Dauer Präsenzveranstaltungen für Sie ersetzen? Mit JA antworteten immerhin 55%.

Und etwas differenzierter:

Die Antworten ergeben eine nachvollziehbare Momentaufnahme. Insbesondere die kürzeren Veranstaltungen werden wohl dauerhaft ins Web umziehen. Vermutlich eine Entwicklung, die sich schon seit längerer Zeit abzeichnete, aber durch das Virus einen Vorschub erlebt. Nicht verwunderlich, denn die Vorteile für den User sind eindeutig: keine Reisezeit und -kosten. Aber auch die großen, mehrtätigen Kongresse werden sich ggf. verändern.

Für digitale Fortbildungsplattformen sieht die Zukunft also gar nicht schlecht aus. Aber ein hoher technologischer Standard, Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit sind bereits heute Mindestanforderungen. Nur innovative, nutzerorientierte Angebote werden dauerhaft im Markt bestehen.

Die autistische KI

Künstliche Intelligenz (KI) ist in der Lage, Sprache zu erkennen und zu überset­zen oder Bilder und Videos zu analysieren. 24 Stunden am Tag, die ganz Woche lang und in irrem Tempo. Auch wir haben hier im Blog schon verschiedentlich darüber geschrieben, wie KI nach und nach ihre Rolle in der Diagnostik findet. Radiologen und Pathologen gelten manchen Kollegen gar schon als Auslaufmodell, aber alles hat seinen Preis. Und je komplexer die Aufgaben werden, desto höher sind die Anforderungen an die Hardware. Und den Energiebedarf. Technology Review (TR) hat kürzlich errechnet, dass KI-Anwendungen bis 2025 10% des weltweiten Strombedarfs beanspruchen könnten. In Worten: Zehn Prozent. Von unglaublich viel.

Zudem sind die Chips, die man aktuell genau für solche Anwendungen konstruiert, auch noch echte Autisten. Wesen mit Inselbegabung. Sie werden für eine ganz bestimmte Anwendung gebaut, etwa Röntgenbilder zu analysieren. Will man auf ihnen aber andere Anwendungen laufen lassen, sind sie strohdoof. Sprache analysieren? Fehlanzeige. Corona-Daten auswerten? Wo kommen Sie denn her …

Forscher denken deshalb mittlerweile das fast Undenkbare: Analoge Komponenten für die digitale Welt. Solche Bausteine sollen Werte mithilfe ihrer physikalischen Eigenschaften wie elektrischem Widerstand, Kapazität oder Magnetisierung auch in mehreren Zwischenphasen speichern, und nicht nur als digitale 1 oder 0. Ob das die Autismus-Probleme lösen wird, wissen wir nicht. Aber wir finden  das Thema superspannend. Und wer es so sieht wie wir, hört gespannt in den Podcast Tech2go (Folge 2: Künstliche Intelligenz) rein, den Heise zur Juni-Ausgabe von TR zur Verfügung stellt.

 

Corona: Impfung ohne Nadel?

Das Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam und der Technologietransfer-Fond KHAN-I entwickeln gemeinsam mit dem Lead Discovery Center in Dortmund ein Impfverfahren gegen SARS-CoV2. Die Forscherinnen und Forscher hoffen, in den kommenden Jahren über den gezielten Impfstofftransport über die Haut Immunität und Schutz gegen das Virus aufbauen zu können.
SARS-CoV2 hat mittlerweile über 3,6 Millionen Menschen weltweit infiziert und ist verantwortlich für über 250.000 Todesfälle. Die Dunkelziffer wird deutlich höher eingeschätzt. Für Milliarden Menschen bestimmt diese Pandemie gegenwärtig den Lebensalltag und auch langfristig sind die Auswirkungen auf Weltwirtschaft und Gesundheitssysteme schwerwiegend. In Industrie und akademischer Forschung wird über viele Lösungsansätze an der schnellen Entwicklung eines wirksamen, anhaltenden Impfschutzes gearbeitet, der in der Zukunft die Notwendigkeit drastischer Maßnahmen zur Ausbreitungsbeschränkung solcher Erkrankungen vermeiden kann.
Impfstoffe stellen die einzige langfristige Möglichkeit dar, einen Erreger zu bekämpfen. Im Zusammenhang mit SARS-CoV2 werden vor allem neuartige und schnell auf neue Viren anpassbare Impftechnologien forciert, die auf die Applikation von Nukleinsäure-Wirkstoffen oder Verwendung von Adenovirus-Vektoren beruhen. Fast alle dieser Technologien beruhen auf der Injektion des Impfstoffs in den Muskel des Patienten. In der Haut ist die Dichte der Immunzellen allerdings höher als in Muskeln: Hier befinden sich auch die sogenannten Langerhans-Zellen. Diese Zellen aktivieren und koordinieren die antivirale Antwort im Körper.
Die Arbeitsgruppe von Christoph Rademacher am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung hat eine neue Plattformtechnologie entwickelt, mit dem diese Langerhans-Zellen gezielt angesprochen werden können. Dieses System soll es ermöglichen, Impfstoffe direkt auf die Haut aufzutragen oder mit Mikronadeln zu injizieren.

(Quelle: Pressemeldung der Max-Planck-Gesellschaft vom 13. Mai 2020, gekürzt)