Die Zukunft der medizinischen Information

Digital Kongress 2018

Der hessische Digital Kongress widmete sich am 11.04.2018 in mehreren Vorträgen dem Schwerpunktthema „Künstliche Intelligenz“, gab aber auch einen Überblick über aktuelle Projekte. In der Session 7x Digitales Hessen präsentierten Unternehmen und Organisationen ihre von einer Jury ausgewählten Ideen und Projekte für den digitalen Wandel den 600 registrierten Teilnehmern.

Die beiden Projekte mit Bezug zum Gesundheitswesen wollen wir hier kurz vorstellen.

Vita B Maschinelles Lernen zur Analyse von Vitalitätsdaten im Hinblick auf den kognitiven Zustand der betrachteten Personen. Die rechnergestützte Klassifizierung des kognitiven Zustands einer Person erfolgt anhand einer Analyse ihrer Vitaldaten wie EKG und Atmung. Ein maschinelles Lernverfahren erkennt und bewertet die Parameter Stresslevel, Müdigkeit und Aufmerksamkeitspotenzial um den Nutzerzustand zu bestimmen. Hauptaugenmerk sind Anwendungen im Automotivbereich. Denkbar sind aber auch weiter Entwicklung für eHealth, Wellness und Fitness.

Die COSMILE-AppInformationen zu Inhaltsstoffen von Kosmetika am Point-of-Sale. Die kostenlose COSMILE-App scannt den Barcode auf der Verpackung von Kosmetik- und Körperpflegeartikeln und liefert daraufhin wissenschaftlich fundierte Informationen zu ca. 23.000 Inhaltsstoffen direkt beim Einkauf. Verbraucher können Inhaltsstoffe selbst markieren – eine relevante Eigenschaft der App für Allergiker, z.B. bei Allergien auf den Duftstoffmix 1. Die Inhaltsstoffdaten werden über verschiedene Wege tagesaktuell zur Verfügung gestellt; ein eigens entwickeltes Korrekturprogramm überprüft die Inhaltsstoff-Angaben.

R.I.P. E-Card

Die Abkürzung R.I.P. (für requiescat in pace oder rest in peace) zierte früher viele Grabsteine und heute viele Nachrufe im Internet. Und jetzt ist es an der Zeit, den Nachruf auf die elektronische Gesundheitskarte (E-Card) zu schreiben, die mit großen Visionen gestartet war und zum unrühmlichen Beispiel dafür wurde, wie Inkompetenz und Lobbyarbeit einen an sich guten Ansatz ruinieren können.

„Die elektronische Gesundheitskarte ist gescheitert“ sagte der Chef des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, jüngst in einem Interview mit der Rheinischen Post. Und leider hat er recht. Denn das Konzept basiert immer noch auf dem Planungsauftrag von 2003, mit ein paar kosmetischen Anpassungen. Mehr als 10 Jahre hat die Selbstverwaltung es mit Taschenspielertricks geschafft, die flächendeckende Umsetzung immer weiter zu verzögern und damit den einen oder anderen im Gesundheitsministerium an den Rand des Wahnsinns gebracht. Und jetzt, wo die Umsetzung politisch beschlossene Sache ist, ist das Konzept hoffnungslos veraltet.

Im Jahr 2018 ist ein System das vorsieht, dass Patienten ihre Daten nur in der Arztpraxis einsehen können, schlicht nicht mehr vermittelbar. Seit 2007 gibt es Smartphones und heute sind sie quer durch alle Altersgruppen DAS Kommunikationsmittel. Und die Einführung einer Telematikinfrastruktur ohne die Möglichkeit für Patienten, per Smartphone auf ihre Daten zuzugreifen, macht längst keinen Sinn mehr.

AOK-Chef Litsch äußert die Hoffnung, dass Bundesgesundheitsminister Spahn die Notbremse zieht und die Digitalisierung im Gesundheitswesen auf neue Füße stellt. Diesem Wunsch kann man sich nur anschließen.

Gewerbliche Social Media-Kanäle

Das Thema Social Media im Gesundheitswesen hat uns in diesem Blog schon häufiger beschäftigt. Aufgrund des aktuellen Facebook-Datenskandals werden sich vermutlich auch viele Firmen fragen, wie sinnvoll und notwendig ein Engagement auf den sozialen Kanälen überhaupt ist – und welche Kanäle zukünftig wichtig(er) werden.

Um dies beantworten zu können, sollte man sich erst einmal einen Überblick über den Ist-Zustand verschaffen. Ein guter Beitrag erschien nun in der März Ausgabe der Zeitschrift Dental Marketing, die „Die Social Media-Strategien der Dental-Industrie“ genauer analysierte.

Alle zehn begutachteten Unternehmen betreiben einen eigenen Facebook-Kanal. Dieses Instrument wird quasi als Pflicht angesehen um Reichweite zu generieren in Form von Fans und Fanwachstum. Fast alle haben auch einen Youtube-Kanal. Altbekannte Erkenntnis: je erklärungsbedürftiger das Produkt, desto besser eignet sich ein Videoformat. Trifft zweifelsohne auch hier zu.

Weitere Aktivitäten finden sich auf den Vernetzungsplattformen LinkedIn und Xing und natürlich auch auf Twitter. Twitter ist relativ simpel zu bedienen, doch auch hier besteht die Gefahr, dass Firmen ohne eine zugrundeliegende Kommunikationsstrategie nur wenig Erfolg verbuchen werden. Ganz interessant finden wir das Ergebnis, dass bislang keine Firma einen WhatsApp-Messenger anbietet – das könnte sich zukünftig ändern.

Digitalisierung und Patientensicherheit

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. wurde 2005 als gemeinnütziger Verein gegründet und setzt sich für „eine sichere Gesundheitsversorgung ein und widmet sich der Erforschung, Entwicklung und Verbreitung dazu geeigneter Methoden.“ Da ist es nur logisch, dass aktuell auch die Zukunft der medizinischen Information auf der Agenda steht. Thema des Jahreskongresses am 3. und 4. Mai 2018 ist „Digitalisierung und Patientensicherheit“.

Die Fragen die dort behandelt werden sollen, treiben die gesamte Branche: Geht man demnächst nicht mehr zum Arzt sondern zur Online-Sprechstunde? Verlässt man sich bald mehr auf Diagnosen und Therapievorschläge von Gesundheits-Apps als auf seinen Arzt? Sind die Daten auf der elektronischen Gesundheitskarte sicher, wem gehören Sie eigentlich und wozu wollen wir diese benutzen?

Neben spannenden Diskussionen darf man sich dann auch auf eine Reihe von gelungenen Beispielen freuen, die sich relativ lautlos bereits abseits der großen gematik-Infrastruktur etabliert haben. Etwa Angebote zur Online-Psychotherapie, die von einer ganzen Reihe von Krankenkassen empfohlen und unterstützt werden. Dahinter steckt der Gedanke, dass Patienten über derartige Apps ortsungebunden erreicht werden können, bevor Beschwerden sich verschlimmern und chronisch werden.

Um Patienten einen Anhaltspunkt zu geben, welche Apps ihnen helfen können und welche eher Humbug sind, hat die Bundespsychotherapeutenkammer jetzt eine Checkliste erarbeitet – eine ausgesprochen begrüßenswerte Aktion, wie wir meinen. Denn Patienten mit professionellem Rat die Konsultation durch den Kollegen Computer zu erleichtern und ihn damit quasi ins Behandlungsteam zu integrieren, ist gelebte Patientensicherheit.

 

Jahrekongress Aktionsbündnis Patientensicherheit

Checkliste der Bundespsychotherapeutenkammer

DSGVO und Arztpraxis

Die niedergelassenen Ärzte in Deutschland beschweren sich nicht über einen Mangel an Bürokratie und Dokumentationspflicht. Nun steht die neue EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) an, die ab dem 25. Mai 2018 anzuwenden ist. Das deutsche Datenschutzrecht wird dann erneuert. Die DSGVO wird alle Branchen betreffen, die personenbezogene Daten verarbeiten – also auch die Arztpraxis. Denn grundsätzlich sollen die Rechte von Privatpersonen gestärkt werden.

Welche Punkte sind konkret zu beachten? Hier einige Stichworte:

• Datenschutzverpflichtungen für MFA und MTA
• Einwilligung des Patienten zur Datenvereinbarung
• Zweckbindung der Daten
• Recht auf Löschen
• Datenportabilität und -sicherheit
• Datenschutzerklärung auf der Praxis-Homepage

Zwar sind sich momentan auch die Experten noch nicht sicher, wie die neue DSGVO in der Praxis (und von den Gerichten) ausgelegt werden wird, aber auch die Arztpraxis sollte nicht zu entspannt an die Sache gehen. Das beginnt schon bei der eigenen Praxis-Homepage. Liegen vom gesamten Team die Einverständniserklärungen vor, damit die Fotos auch verwendet werden dürfen? Oder noch komplexer: benötigt die Praxis eigentlich einen Datenschutzbeauftragten?
Ein umfassendes Thema mit noch nicht absehbaren Konsequenzen – auch für die organisatorischen Abläufe in der Praxis.