Die Zukunft der medizinischen Information

Nutzung intelligenter digitaler Geräte und Myopie

In der Zeitschrift Lancet Digital Health (Oktober 2021) stellen J. Foreman et al. in ihrem Beitrag „Association between digital smart device use and myopia: a systematic review and meta-analysis“ eine systematische Übersichtsarbeit inkl. Metaanalyse vor, die sich mit der Frage beschäftigt, ob die zunehmende Nutzung digitaler Geräte (Smartphones und Tablets) im Kindesalter einen neuen Risikofaktor für Myopie darstellt.
Ergebnis: die Nutzung von Smart-Geräten allein oder in Kombination mit der Computernutzung ist signifikant mit Myopie assoziiert. Es gibt jedoch nach wie vor Bedenken hinsichtlich der methodischen Einschränkungen und der Datenqualität der einbezogenen Studien – ein kausaler Zusammenhang kann noch nicht ausreichend bewiesen werden.
Dazu gesellt sich die Frage, ob Daten, die während der Nutzung eines digitalen Endgeräts gesammelt werden, nicht auch Teil der Lösung sein könnten. Sollte sich herausstellen, dass bestimmte visuelle Verhaltensweisen tatsächlich in einem kausalen Zusammenhang mit Myopie stehen, könnten entsprechende Warnhinweise und Grenzwerte leicht in die Geräte integriert werden.

Literatur:
Foreman J Salim AT Praveen A et al.
Association between digital smart device use and myopia: a systematic review and meta-analysis.
Lancet Digit Health. 2021; (published online Oct 5.)
https://doi.org/10.1016/S2589-7500(21)00135-7

eAU mit Stotterstart

Die gematik meldete letzte Woche Vollzug: „Alle Krankenkassen können seit 1. Oktober die eAU empfangen“. Alle 102 Krankenkassen in Deutschland seien für die Bearbeitung von elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen bereit, heißt es in der Pressemitteilung und sollte sagen: Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.

Aus den Praxen klang das etwas anders, wie die Ärzte Zeitung berichtete (Link). Und auch die KBV bestätigte Berichte, wonach der Start der eAU eher chaotisch lief. Mal hatten Kassen offensichtlich nicht am Feldtest teilgenommen und von daher auch keine Erfahrungen gesammelt, mal funktionierten die Signaturen von Heilberufeausweisen nicht. Übereinstimmende Berichte sprechen auch von einem Zeitverzug von bis zu 30 Minuten zur Bestätigung einer erfolgreichen AU-Übertragung – was das System ja ad absurdum führt.

Nun ist heute nicht aller Tage und es bleibt abzuwarten, ob sich das Chaos bis Ende des Jahres gelichtet hat. Fest steht dagegen heute schon: Wenn die neue Regierung es mit der Digitalisierung in der nächsten Legislaturperiode ernst meint, sollte auch ein Facelift für die Rolle der gematik in den Koalitionsvereinbarungen stehen.

Stiftung Gesundheit: Medizinklimaindex zeigt Zuversicht

Die niedergelassenen Ärzte, Zahnärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in Deutschland beurteilen ihre wirtschaftliche Lage und Zukunftserwartungen derzeit optimistisch: Der Medizinklimaindex (MKI) stieg im Herbst 2021 auf 6,0 Punkte. „Das ist der dritthöchste Stand in den vergangenen zehn Jahren“, berichtet Prof. Dr. Dr. Konrad Obermann, Forschungsleiter der Stiftung Gesundheit. Der MKI gilt als Indikator für die wirtschaftliche Zuversicht der niedergelassenen Ärzte und wird seit 2006 halbjährlich von der Stiftung Gesundheit erhoben.

Drei Viertel der Ärzte erwarten Kontinuität oder Verbesserung. Verbessert haben sich seit dem Frühjahr sowohl die Einschätzung der aktuellen wirtschaftlichen Lage als auch die Zukunftserwartung: Der Anteil der Ärzte, die ihre aktuelle Situation als gut bewerten, stieg um mehr als 10 Prozentpunkte auf 42,1 Prozent. Gleichzeitig rechnen drei von vier Ärzten mit gleich bleibenden oder besseren Verhältnissen in den kommenden sechs Monaten. „Der Anteil der Ärzte, die eine Verschlechterung erwarten, ist zum ersten Mal seit langer Zeit auf unter ein Viertel gesunken“, so Obermann.

Alle Fachgruppen positiv gestimmt. Zum ersten Mal seit Herbst 2017 liegen auch alle vier betrachteten Fachgruppenindices im Plus: Spitzenreiter sind die Psychologischen Psychotherapeuten mit einem Index von 22,3. Auch die Zahnärzte (6,3) und Hausärzte (4,0) rangieren deutlich im positiven Bereich. Am zurückhaltendsten zeigen sich die Fachärzte mit einem Index von 1,0.

Die detaillierten Ergebnisse finden Sie online unter https://www.stiftung-gesundheit.de/studien/

(Quelle: Presseinformation der Stiftung Gesundheit vom 4. Oktober 2021)

Zeitenwende im Gesundheitswesen?

Ein Kommentar von Reinhard Merz

Die Bundestagswahl 2021 ist Geschichte. Ein paar Siege werden gefeiert, vor allem aber werden Wunden geleckt. Und schon bei den Vorsondierungen von Grün und Gelb werden die wichtigen Themen für die Koalitionsverhandlungen an die Wand genagelt: Finanzen und Wirtschaft für die FDP, Klima für die Grünen. Gesundheit? Wer weiß … Sieht man mal davon ab, dass mit der pulverisierten Option Rot-Rot-Grün auch die Bürgerversicherung für immer in den Schubladen verschwunden ist.

Auf dem Hamburger Gesundheitswirtschaftskongress letzte Woche wurde unter anderem darüber diskutiert, warum die bekannten Geschäftsmodelle großer Konzerne erfolgreicher und schneller sind – und was man daraus vielleicht für das Gesundheitssystem lernen könnte. Die Diskussion hat die Ärzte Zeitung in einem übersichtlichen Beitrag zusammengefasst (Link). Vor dem Hintergrund einer weiter fortschreitenden Digitalisierung ist die „Amazonisierung des Gesundheitswesens“ sicher nicht undenkbar und unter Jamaika ein bisschen wahrscheinlicher als unter einer Ampel. Sich ein bisschen was hier und da abzuschauen, kann nicht schaden. Aber wo es hinführt, wenn man den Markt zu viel regeln lässt, sieht man am US-amerikanischen Gesundheitssystem. Oder auch am deutschen Wohnungsmarkt.

Warten wir also ab, was die nächsten Wochen und Monate an Ideen zu Papier bringen und was danach dann auch tatsächlich in dieser Legislaturperiode umgesetzt wird. Spannde Zeiten? Sicher. Zeitenwende? Hoffentlich nicht.

WHO-Initiative „Digital Health“

Dass digitale Technologien bei Pandemiebekämpfung eine entscheidende Rolle spielen könnten, wussten wir auch schon vor den Corona-Apps. Die vielzitierte technologische Rückständigkeit in den Gesundheitsämtern verhindert eine effektive Kommunikation mit den Bürgern und trägt dazu bei, Vertrauen in staatliche Gesundheitsinstitutionen abzubauen. Doch gerade jetzt zeigt sich welch großer Bedarf an wirkungsvollen digitalen Instrumenten zur Telemedizin oder auch nur zur digitalen Kontaktverfolgung vorhanden ist – bei hoher Akzeptanz durch die Bevölkerung.

Die Leitinitiative „Empowerment through Digital Health“ ergänzt und operationalisiert den Entwurf der globalen WHO-Strategie für digitale Gesundheit. Mit Blick auf Europa will die WHO Initiative die folgenden Schritte unternehmen:

  • Überprüfung des Einsatzes, der Lücken und der Wirksamkeit von Lösungen für die digitale Gesundheit, die als Reaktion auf die COVID-19-Krise eingesetzt wurden.
  • Fertigstellung des Europäischen Fahrplans für die Digitalisierung der Gesundheitssysteme
  • Entwicklung eines europäischen Rahmens für die Verwaltung von Gesundheitsdaten durch eine Europäische Charta für die Verwaltung von Gesundheitsdaten
  • Unterstützung der Länder bei der Nutzung digitaler Technologien