Die Zukunft der medizinischen Information

Die Apotheker und die Datensicherheit

Letzte Woche dürfte man sich mal wieder nach Schilda versetzt fühlen – dem fiktiven Ort, an dem die Schildbürger so einige Dinge tun, die sich einer logischen Bewertung entziehen. Und dieses mal waren es die Apotheker, die für landesweites Erstaunen gesorgt haben. Was war passiert? Letzten Donnerstag meldete Heise online: Apotheken: Wie Sicherheitsforscher das Impfzertifikats-Portal kompromittierten und griffen dabei eine Meldung des Schweizer Portals watson.ch auf.

Die Geschichte dazu ist pure Realsatire. Denn die Sicherheitsforscher hatten nichts anderes getan, als sich eine fiktive Apotheke auszudenken und die beim Apothekenportal anzumelden. Als Anschrift der Apotheke gaben sie dabei laut Heise ein Mehrfamilienhaus in Darmstadt an. Die für die Anmeldung nötigen Bestätigungen erstellten Sie sich selbst – Photoshop sei Dank. Per Post erhielten sie daraufhin einen Registrierungscode zur Anmeldung. Blieb als letzte Hürde das Abfragen der Telematik-ID. Sie hatten keine, also gaben sie zufällig gewählte Ziffern ein. Und schon konnten sie eigene Zertifikate mit beliebigen Namen und Impfterminen erstellen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die Apotheker bei allen Diskussionen um das e-Rezept gerne die Datenschutzkeule schwingen. Klar, das spielt ja durchaus auch den Versandapotheken in die Karten. Und als in der Schweiz erste Gerüchte aufkamen, gefälschte EU-Impfzertifikate könnten aus deutscher Quelle stammen, wies der Apothekerverband DAV alle Zweifel an der Sicherheit der Zertifikatsausstellung barsch zurück.

Dann musste der DAV das Portal zur Zertifikatsausstellung schließlich doch erst mal offline nehmen, ab heute soll es nach und nach wieder in Betrieb genommen werden. Wir lernen daraus, dass Brute Force-Angriffe auf unsere Daten vielleicht gar nicht das größte Sicherheitsproblem sind. Eher ist es der DAU – der dümmste anzunehmende User – der einen wohlklingenden Apotheken-Namen an einer beliebigen Adresse als „geprüft“ durchwinkt. Dass das zur gleichen Zeit passiert, in der die Apotheken das ungeliebte e-Rezept ein bisschen mürbe reden wollen, kann Zufall sein. Muss es aber nicht.

Universitätsmedizin Mainz entdeckt neuen Therapieansatz für COVID-19

Ein Forscherteam der Universitätsmedizin Mainz hat einen neuen Ansatz zur medikamentösen Behandlung von SARS-CoV-2-Infektionen entdeckt. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass das gerinnungshemmende Protein rNAPc2 (recombinant Nematode Anticoagulant Protein c2) eine vielversprechende Behandlungsoption bei schweren COVID-19-Verläufen darstellt. Der Wirkstoff wirkt direkt auf die Blutgerinnung und hat das Potenzial, Gerinnungsstörungen und damit einhergehende Entzündungen bei SARS-CoV-2-Infektionen zu verhindern. Diese scheinen eine zentrale Rolle für die Prognose von COVID-19-Patienten zu spielen. Ausgehend von den Forschungsergebnissen zu rNAPc2 hat die Universitätsmedizin Mainz jetzt eine Patentübertragungsvereinbarung mit dem Wirkstoffinhaber ARCA biopharma abgeschlossen, die mögliche Einnahmen mit einem Gesamtvolumen in siebenstelliger Höhe erwarten lässt.

„Bereits zu Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie hat es Hinweise auf ein deutlich erhöhtes Risiko für die Bildung von Blutgerinnseln vor allem bei Patienten mit schweren COVID-19-Verläufen gegeben“, berichtet Univ.-Prof. Dr. Wolfram Ruf, Wissenschaftlicher Direktor des Centrums für Thrombose und Hämostase (CTH) der Universitätsmedizin Mainz, der die Untersuchungen an der Universitätsmedizin Mainz geleitet hat. Die häufige Thrombosebildung bei den Betroffenen beruhe auf einer erhöhten Gerinnungsfähigkeit des Blutes. Diese sogenannte Hyperkoagulation werde auf eine entzündliche Reaktion (Inflammation) im Zuge der SARS-CoV-2-Infektion zurückgeführt.

„Die thrombo-inflammatorischen Prozesse bei COVID-19 waren Ausgangspunkt für unsere Forschung mit dem Wirkstoff rNAPc2“, erläutert Ruf. rNAPc2 greift direkt in die frühen Prozesse der Blutgerinnung ein, indem es den sogenannten Tissue Factor (Gewebefaktor) hemmt. Beim Tissue Factor handelt es sich um ein Protein, das die Blutgerinnung aktiviert und eine zentrale Rolle bei der Entzündungsreaktion im Rahmen von Virusinfektionen und bei der Virusverbreitung spielt. Damit unterscheidet sich der Wirkmechanismus von rNAPc2 grundlegend von der Wirkweise, des bisher zur Thromboseprophylaxe bei COVID-19-Patienten eingesetzten Gerinnungshemmers Heparin. Als sogenanntes indirektes Antikoagulans stimuliert Heparin die Wirkung des körpereigenen, gerinnungshemmenden Proteins Antithrombin und hemmt damit die späteren Phasen der Blutgerinnung.

Seit Dezember 2020 wird der Wirkstoff in einer internationalen, multizentrischen klinischen Phase 2b-Studie von ARCA biopharma bei stationär behandelten COVID-19-Patienten mit erhöhten Blutgerinnungswerten untersucht. Dabei soll herausgefunden werden, ob durch eine Behandlung mit rNAPc2 Thrombosen besser verhindert werden können als durch die Standardtherapie mit dem Gerinnungshemmer Heparin.

(Quelle: Pressemitteilung der Universitätsmedizin Mainz vom 08.07.2021, gekürzt)

Geht doch – also weiter so!

Die Pandemie hat etliche Probleme in unserer Gesellschaft aufgezeigt. Sie hat auf der anderen Seite aber auch deutlich gemacht, zu welchen Veränderungen Unternehmen, Staat und Bürger in kürzester Zeit in der Lage sind. Vor allem die Digitalisierung hat hierzulande einen mächtigen Schub erhalten – nicht zuletzt durch den Zwang zu Home Office und Home Schooling – und das Gesundheitswesen gehörte zu den Hauptprofiteuren.

Wie kann oder sollte es jetzt weiter gehen? Mit dieser spannenden Frage beschäftigt sich ein McKinsey-Report, der letzten Dienstag veröffentlicht wurde mit dem Titel Deutschland 2030: Kreative Erneuerung. Er listet die Bedeutung disruptiver Innovationen, die in der Pandemie ja noch einmal unterstrichen wurden und betont: Um Deutschlands Technologieführerschaft sicherzustellen – zumindest in den Bereichen, in denen es sie noch gibt – ist eine enge Vernetzung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft ein entscheidender Faktor.

Wie so eine Vernetzung aussehen kann, hat man letzten Monat in Mannheim gesehen. Dort wurde das Business Development Center Cubex One auf dem Mannheim Medical Technology (MMT-) Campus fertiggestellt. Hier gibt es eine fußläufige räumliche Konzentration von Unternehmen, Klinik und Forschung um Medizinprodukte schneller und effizienter zu entwickeln als andernorts. Und wenn man sich die Auslastung betrachtet, scheint das Konzept aufzugehen.

Der McKinsey-Report hält aber auch fest: Es braucht zwar weitere Investition in die Forschung, mehr noch braucht es aber Wissen und Transparenz über die Folgen des technologischen Wandels. Die Beschäftigung damit muss bei den Kindern in der Grundschule anfangen und Bestandteil jedes Berufsbildes werden. Der Report fordert, Innovationsschwung und kreative Erneuerung aus der Pandemie zu nutzen. Und endet mit dem schönen Ausblick: „So kann Deutschland den epochalen Herausforderungen mit einem werthaltigen Wachstumsmodell erfolgreich begegnen.“

Download McKinsey-Report

Amazon-Gesundheitsvisionen

Das Gesundheitswesen ist für Amazon längst keine Terra incognita mehr. Bereits heute liefert Alexa Hilfestellungen bei der Diagnose, verbessert das Medikamentenmanagement und die Therapietreue. Welche weiteren Ansätze verfolgt das Unternehmen?

Apothekenmarkt. Seit 2017 besitzt Amazon Lizenzen für den Medikamentenvertrieb, zunächst waren es zehn US-Bundesstaaten. 2018 kam das Startup PillPack hinzu, eine Versandapotheke die Amazon für etwa 800 Mio. Dollar übernahm – inkl. der Apothekenlizenzen in 50 US-Bundesstaaten. Kommt Amazon Pharmacy auch nach Deutschland? Analysten meinen, dies sei nur eine Frage der Zeit. Es wird erwartet, dass Amazon dort weiter investiert, wo man bereits Lieferketten und Erfahrungen besitzt und damit Herr über den gesamten Prozess ist. Medikamentenlieferungen über Drohnen wären ein absehbarer Schritt.

Telemedizin. Amazon Care nennt sich die telemedizinische Sparte des Internet-Giganten, momentan bereits in einigen US-Bundesstaaten aktiv, mit erwarteter Ausweitung. Die mögliche Vernetzung von Amazon-Diensten mit der Amazon Halo App inkl. Fitness-Tracker und mit „Movement-Health“ (Workouts werden mithilfe des Smartphones und KI-Anwendungen generiert) lässt erahnen, in welche Richtung der Amazon-Zug fahren wird.

Übrigens: Mittlerweile hat Amazon auch die FDA-Notfallzulassung für einen COVID-19-Selbsttest erhalten. Wir werden zukünftig noch mehr von und über Amazon in diesem Kontext erfahren.

Weitergehende Informationen finden Sie hier.

Das virtuelle Krankenhaus öffnet im Herbst

Mit dem Virtuellen Krankenhaus (VKH) entwickelt Nordrhein-Westfalen eine Plattform, die fachärztliche Expertise im Land flächendeckend digital vernetzt. Ziel der von der Landesregierung finanzierten Initiative ist es, die medizinische Versorgung in Nordrhein-Westfalen zu verbessern. Es geht um den Wissenstransfer und den kollegialen Austausch in besonders komplexen Behandlungssituationen, insbesondere in Regionen, in denen es wenige Ärzte in der Fläche gibt.

Das VKH soll zunächst mit den Indikationen Intensivmedizin, Infektiologie, seltene Erkrankungen, resektable Lebertumoren und therapierefraktäre Herzinsuffizienz beginnen. Aus gegebenem Anlass sind die Indikationen Intensivmedizin und Infektiologie jetzt ganz nach vorn gerutscht. Mit der Leitung während der Startphase ist der Klinikdirektor für Operative Intensivmedizin der Uniklinik Aachen, Prof. Gernot Marx, beauftragt.

In einer Vorphase hatten Mediziner aus den Unikliniken Aachen und Münster bei der Behandlung von Covid-19-Patienten per Video unterstützt. Die Häuser der Grund- und Regelversorgung konnten so auf die besondere Expertise der Unikliniken zurückgreifen und die vorhandenen Intensivbetten damit landesweit gut genutzt werden. Möglicherweise patientengefährdende Transporte zwischen Krankenhäusern konnten reduziert werden, da die Patienten länger vor Ort behandelt wurden.

Und so funktioniert das Telekonsil: Ärzte können Anfragen rund um die Uhr stellen. Per Anmeldeformular sind zunächst die Daten zu hinterlegen, im Routinebetrieb (8–16 Uhr) sendet der Tele-Intensivmediziner dann per E-Mail eine Einladung mit einem Zugangscode für die Elektronischen Visite (CGM ELVI). Der datenschutzkonforme Austausch der behandlungsrelevanten Dokumente erfolgt dann über die Elektronische Fallakte (EFA) des RZV Rechenzentrums Volmarstein GmbH in Verbindung mit dem Web‐Portal.

www.virtuelles-krankenhaus.nrw