Die Zukunft der medizinischen Information

Experimentelle Theologie

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie“ schrieb schon unser Dichterfürst von Goethe. „Und grün des Lebens goldner Baum“, so geht es weiter. Der Gegensatz von grau auf der einen und grün-gold auf der anderen Seite soll auf die Lebensferne der Theorie hinweisen – so werden die Worte in der Philosophie gerne interpretiert. Was im Umkehrschluss heißt: In der Praxis liegt die Erkenntnis.

Das haben wir uns zu Herzen genommen und ausprobiert, was die elektronische Patientenakte (ePA) schon alles kann. Als freiwilliges Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse habe ich deshalb letzte Woche den App Store nach einer passenden App durchforstet, bin fündig geworden und habe gleich die „DAK ePA“-App auf meinem Smartphone installiert. Das Experiment kann beginnen.

„Willkommen bei Ihrer ePA“ steht auf dem Bildschirm und nach dem Klick auf „Elektronische Patientenakte“ kommt das Anmeldeformular, wo ich Versichertennummer und Passwort eingeben kann. Den rudimentären Online-Service meiner Kasse nutze ich schon länger, so habe ich beides greifbar und melde mich an. Danach erscheint meine Versichertennummer auf einer neuen Seite, darunter der Button „Sichere Anmeldung durchführen“. Für einen Moment bin ich begeistert.

Das ändert sich nach dem Drücken des Button, denn nichts passiert mehr. Aufgehängt. Ich probiere das ganze Prozedere noch einmal – leider mit dem gleichen Ergebnis. Schließlich nutze ich die Service-Hotline und habe schon nach wenigen Minuten einen freundlichen jungen Mann an der Strippe. Der hört sich mein Problem an und verspricht, sich darum zu kümmern.

Und tatsächlich bekomme ich 2 Stunden später eine Mail. Doch auch hier hält die Begeisterung nicht lange an. „ … vielen Dank für Ihr Interesse an der elektronische Patientenakte (ePA). Wir bieten Ihnen diese ab dem 1. 1. 2021 an. Die Nutzung der ePA ist freiwillig.“ Es folgt jede Menge generische Info zur ePA, dabei wollte ich nur wissen, warum sich meine App aufhängt. Doch dazu kein Wort.

Also schreibe ich eine neue Mail und schildere noch einmal mein Problem. Am nächsten Tag meldet sich der technische Support per eMail: „ … die elektronische Patientenakte kann nicht über den DAK-Account gestartet werden. Wir haben einen Click-Dummy im Internet eingestellt, mit dem man alle Anmeldeschritte durchspielen kann … Ansonsten bitte die unten aufgeführte Telefonnummer nutzen, falls noch Fragen bestehen.“

Da ich dem Click-Dummy nichts entnehmen kann, wähle ich die „unten aufgeführte Telefonnummer“. Jetzt ist es eine freundliche Mitarbeiterin, die mich in die Geheimnisse der ePA-Registrierung einführt: Damit ich einen ePA-Account bekomme, muss ich persönlich in einer Servicestelle vorstellig werden und meine Versichertenkarte und meinen Personalausweis mitbringen.

„Können Sie einen Termin für mich vereinbaren?“ frage ich. „Da gibt es ein Problem“ sagt die Frau. „Unsere Servicestellen sind wegen des Lockdown geschlossen“. Sie versprach aber ebenfalls, sich um eine Lösung zu kümmern. Keine Stunde später bekomme ich einen Anruf aus dem Servicecenter vor Ort. Zwar ist eigentlich geschlossen, aber mit Termin wird man mich reinlassen – drei mal klingeln, dann öffnet wer.

10 Uhr am nächsten Tag. Mit Versichertenkarte, Personalausweis und Smartphone betrete ich die Geschäftsstelle. Die „Stallwache“ begrüßt mich, ansonsten gespenstische Leere. Nachdem meine Karten für die Unterlagen kopiert wurden, gehen wir zusammen durch den Anmeldeprozess. Der freundliche Herr erklärt mir, dass am Schluss des Prozesses bei ihm eine Mail aufschlägt – sobald die Richtigkeit der Angaben von ihm bestätigt wird, wird auch die Patientenakte freigeschaltet.

Doch soweit kommt es nicht. Der Versuch, ein Benutzerkonto anzulegen, führt zu einer neuen Fehlermeldung: „Es ist ein fachlicher Fehler mit dem Fehlercode 110 oder 115 aufgetreten.“ Dazu der Hinweis, Kontakt mit der Kasse aufzunehmen. Mein Ansprechpartner versucht sein Glück bei der hausinternen Hotline, kommt aber nicht durch. „Ich melde das per eMail, Sie hören von uns“ sagt er und ich gehe wieder nach Hause.

Diesmal dauert es keine 30 Minuten, bis ich einen Anruf aus dem Servicecenter bekomme. „Wir müssen zunächst einmal ihre Versichertenkarte überprüfen“ sagt die Dame, „bitte nennen Sie mir die letzten vier Ziffern der Kennnummer auf der Rückseite.“ Ich tue wie geheißen und weiß dann schnell, woran es liegt: „Ihre Karte ist zu alt – damit können Sie keinen ePA-Zugang bekommen. Wir müssen erst einmal eine neue Karte für Sie anleiern. Und ich sehe in den Unterlagen, dass Ihr Bild schon zehn Jahre alt ist. Bitte schicken Sie ein neues.“

Das habe ich in der Zwischenzeit getan und warte jetzt erst einmal auf meine neue Karte. Meine letzte Gesprächspartnerin hat mich aber gleich auf den nächsten Fallstrick aufmerksam gemacht: „Fragen Sie unbedingt in Ihrer Hausarztpraxis nach, ob die schon in der Lage sind, die ePA zu befüllen. Denn wenn die Akte nach dem Anlegen nicht innerhalb vom 100 Tagen befüllt wird, wird der Vorgang geschlossen und Sie müssen wieder von vorn anfangen.“

Keine gute Aussicht. Ich habe meiner Hausarztpraxis geschrieben und hatte schnell eine Antwort: „Sie haben recht, seit dem 1. 1. 21 sind die Krankenkassen verpflichtet den Versicherten eine elektronische Patientenakte in mehreren Ausbaustufen zur Verfügung zu stellen. Soweit sind wir aber noch nicht, das wird sich evtl. in näherer Zukunft … ergeben.“

Nach diesen Praxiserfahrungen scheint mir die Theorie viel weniger grau … fast sieht es aus, als seien hier höhere Mächte am Werk. Wieso fällt mir gerade jetzt ein alter Witz ein? „Was ist der Unterschied zwischen einem Philosophen und einem Theologen?“ Hätten Sie es gewusst? „Der Philosoph sucht im dunklen Keller nach einer schwarzen Katze – der Theologe ruft dazu noch: Ich hab sie!“ Die ePA lässt grüßen.

 

Digitale Lehre in der Medizin

In der aktuellen Ausgabe des GMS Journal for Medical Education (GMS J Med Educ) – vormals GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung – wurden unter der Headline „Lehre in Zeiten von COVID-19. Herausforderungen und Chancen für die digitale Lehre“ insgesamt knapp 40 Kurzbeiträge veröffentlicht, die als eine Bestandsaufnahme gelten können.

Die Digitalisierung der medizinischen Aus-, Fort- und Weiterbildung ist ja schon häufiger in diesem Blog besprochen worden, aber noch zu keinem Zeitpunkt wurden Hindernisse und Nutzen so deutlich erkannt und beleuchtet. Hochschulen mussten ihr Lehrangebot plötzlich umstellen und manch Hochschullehrer seine mangelnde Erfahrung eingestehen.

Welche Aspekte der Präsenzveranstaltungen lassen sich überhaupt übertragen, wie können Skills trainiert werden, wie werden praktische Prüfungsformate abgebildet werden?

Eine unvollständige Auswahl aus dem interessanten Spektrum des Sonderheftes:

  • Virtueller Auskultationskurs für Medizinstudierende via Videokonferenz in Zeiten von COVID-19
  • Online-Blockpraktikum Pädiatrie – digitale Live-Interaktion mit Kindern
  • Digitale Lehre mit interaktiven Fallvorstellungen von HNO-Erkrankungen – Diskussion der Nutzung und der Motivation der Studierenden
  • Asynchrone, digitale Lehre in Zeiten von COVID-19: ein Lehrbeispiel aus der Allgemeinmedizin
  • Reale Patienten in der digitalen Lehre: Fall-basierte Online-Trainings in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
  • Der digitale Einsatz von Simulationspatientinnen und Simulationspatienten in Zeiten der Corona-Pandemie – Überlegungen und Vorschläge
  • Gestaltung fallbasierter Selbstlernquizze für klinische Diagnosewissenschaften für Studierende der Humanmedizin am Beispiel der Radiologie
  • Einsatz von Simulationspersonen im Dritten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung
  • Neurologische Lehre in Krisenzeiten
  • Digitales Lehren und Lernen chirurgischer Fertigkeiten (nicht nur) in Zeiten der Pandemie: Ein Bericht über ein Blended-Learning-Projekt

Mal wieder: neues Jahr, alte Probleme

Das neue Jahr ist schon mehr als 2 Wochen alt und unsere Winterpause zu Ende. Wir wünschen Ihnen alles Gute für 2021 und freuen uns auf die Zeit, wenn wir die Pandemie dann endlich unter Kontrolle haben. Irgendwann im Sommer ….

Heute geht es aber nicht um Corona, sondern um die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Vor ein paar Jahren noch weitgehend unbeachtet, haben Videosprechstunde und Patientenakte durch die Pandemie einen Riesen-Schub bekommen und das Bundesgesundheitsministerium (BGM) lässt den Fuß auf dem Gaspedal. Nachdem der Bundesrat Mitte September das Patientendatenschutzgesetz (PDSG) final durchgewunken hatte, ist jetzt das „Digitale Versorgung und Pflege-Modernisierungs-Gesetz“ (DVPMG) in der Abstimmung.

Die erste Stufe der elektronischen Patientenakte ist zum Januar 2021 nach etlichen Scharmützeln zwischen dem BGM und dem Datenschutzbeauftragten zumindest in einer Basis-Basis-Basis-Version gestartet. Dafür wurde in den über 120.000 an die Telematik-Infrastruktur angeschlossenen Praxen und Kliniken Hardware im Wert von geschätzten 400 Millionen Euro angeschafft. Die könnte schon bald zum alten Eisen gehören, denn der Entwurf des DVPMG sieht künftig kontaktlose Kartenterminals und sogenannte „Zukunftskonnektoren“ vor.

Und das ist nicht das einzig Verwunderliche. Die Computerzeitschrift c’t hat in Ihrer Ausgabe 1/2021 das E-Health-Konzept unter die Lupe genommen und schreibt süffisant zu Datenschutz und Datensicherheit. „Nur kosten dürfen beide offenbar nichts: … veranschlagt das BMG für die Gewährleistung von Datensicherheit bei digitalen Gesundheitsanwendungen beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) jährlich gerade einmal 51.000 Euro.“ Dabei kommt dem BfArM bei der Zulassung der „Apps auf Rezept“ eine zentrale Rolle zu.

Wie das zusammenpassen soll, weiß niemand. Aber Nach-Budgetierungen sind in der langen E-Health-Geschichte seit 2003 ja schon an der Tagesordnung und deshalb wollen wir den ersten Blog 2021 auch lieber positiv beenden und zitieren noch einmal die c’t beim Test von Apps, die Krankenkassen ihren Versicherten anbieten: „Vergleicht man die aktuellen Ergebnisse mit denen von 2018, so hat sich vieles verbessert. Damals hatten deutlich mehr Apps Probleme mit der Transportverschlüsselung oder verzichteten gänzlich darauf. … Ebenso wurden vor zwei Jahren noch deutlich mehr Tracker eingesetzt.“ Geht doch.

Corona-Weihnacht 2020

Im letzten Dezember war noch der Klimawandel omnipräsent. Wir hätten es nicht für möglich gehalten, dass dieses seinerzeit so beherrschende Thema nur Wochen später medial implodiert – und Platz macht für eine ganz akute Lebensbedrohung.

Die COVID-19-Krise fand relativ rasch Einzug in unserem Blog, über zwanzigmal haben sich unsere Beiträge diesem Themenkomplex direkt gewidmet oder seine indirekten Auswirkungen betrachtet. Wobei wir natürlich immer versuchen, etwas zu bringen, was unsere User nicht ohnehin jeden Tag in den Zeitungen lesen können.

Beispielsweise, dass das Auftragen von Kosmetik den Fieberscanner am Flughafen täuschen kann; dass Ransomware die Intensivstationen bedroht, als ob deren Auslastung nicht ohnehin schon beängstigend genug wäre; dass Tracing-Apps eigentlich eine gute Sache sind, aber die Effizienz bei uns dem Datenschutz geopfert wird.

Die Corona-Pandemie hat einige Versäumnisse in der Ausstattung der Gesundheitsämter offenbart. Dazu kam eine fast unerträgliche Vielstimmigkeit (selbsternannter) Experten auf den Gebieten der Virologie, Epidemiologie, Infektiologie und des Gesundheitswesens. Forderungen lassen sich leicht formulieren, wenn man sie selbst nicht umsetzen muss. Wissenschaft lernt durch Fehler, man muss allerdings auch bereit sein, diese zuzugeben.

Der kürzlich in THE LANCET veröffentlichte Aufruf der Wissenschaftler appelliert an ein sich als Einheit verstehendes Europa, das gemeinsam konkrete Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung ergreifen soll – Wunschdenken?

Trotz aller Skepsis erlaubt zumindest die nun endlich erfolgte Zulassung des ersten Impfstoffs einen zuversichtlicheren Blick auf das Jahr 2021. Hoffen wir, dass wir dann im Jahresrückblick ganz andere Themen aufgreifen können.

Wir wünschen Ihnen einen guten Start und informieren Sie ab Mitte Januar 2021 wieder über spannende Entwicklungen in der Medizin.

Ihr

medicallearning.de-Team

Gesundheitskompetenz mangelhaft

Das Pandemiejahr 2020 geht zu Ende – und es hat der Digitalisierung im Gesundheitswesen mehr Schub verliehen, als das selbst die größten Optimisten zu Jahresbeginn gedacht hätten. Besondere Zeiten brauchen besondere Lösungen.

Doch offensichtlich sind viele Bürger damit überfordert, wie aus einer aktuellen AOK-Umfrage hervorgeht. Das Institut Skopos befragte 8500 Frauen und Männer im Alter von 18 bis 75 Jahren, wie gut sie digitale Gesundheitsinformationen finden, verstehen, bewerten und letztlich für sich nutzen können. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Knapp der Hälfte der Befragten fällt es schwer, Informationen zu beurteilen. Besonders kritisch: Gerade die Menschen, die von digitalen Lösungen am meisten profitieren könnten – die chronisch Kranken – liegen bei der digitalen Gesundheitskompetenz ganz hinten. Diese Kompetenz ist, wenig überraschend, vor allem mit den Attributen jung, weiblich und gebildet assoziiert.

„Während die Digitalisierung immer weiter voranschreitet, wächst die Gefahr, dass die Bürger nicht mehr mitkommen“ zitiert die Ärzte Zeitung AOK-Vorstandschef Martin Litsch. Entsprechend kritisch sieht er auch die digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA), die von Ärzten verordnet werden können. Für digitale Anwendungen müssten ähnliche Anforderungen an Evidenz gelten wie für entsprechende Leistungen aus der bisherigen Regelversorgung, fordert die AOK daher.

Das macht sicher Sinn, löst aber das Problem nicht. Denn mangelhafte Gesundheitskompetenz kann genauso wenig von heute auf morgen verbessert werden, wie fehlende pädagogische Kompetenz für das Homeschooling. Die Veränderungen, die durch die Pandemie beschleunigt wurden, gehen absolut in die richtige Richtung. Aber man muss Patienten auch abholen und sie mit verlässlichen und leicht verständlichen Informationen versorgen. Ob die elektronische Patientenakte (ePA) dabei hilft, die ab 2021 angeboten werden soll? Wie werden das Thema hier im Blog verfolgen.