Die Zukunft der medizinischen Information

Was bringt ein Gesundheitskiosk?

Es ist erklärter politischer Wille der Ampel-Koalition, in sozioökonomisch benachteiligten Stadtteilen Gesundheitskioske aufzubauen. Ziel ist „Unterstützung etwa bei der Vermittlung von Arztterminen oder beim Erwerb von Gesundheitskompetenz – niedrigschwellig, mehrsprachig, barrierefrei.“ Das Angebot soll nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) für Menschen mit und ohne Krankenversicherung gelten. Die Vernetzungen mit Familienzentren oder Stadtteilbüros ist explizit erwünscht.

Das ist zweifelsohne eine gute Idee. Sogar der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) stellte fest: Der Gesundheitskiosk hat Potenzial für die Regelversorgung. Doch wie so oft steckt der Teufel im Detail. Die Mitarbeiter sollen Pflegekräfte, Kinder-, Alten- und Krankenpfleger sein, auch Ärzte wären natürlich gerne gesehen dort. Nur leider fehlen alle diese Fachkräfte schon in Kliniken und Praxen, sodass man sich schon die Frage stellen muss, wo man überhaupt Personal finden soll.

Mindestens genauso schwierig zu beantworten ist die Frage nach der Finanzierung: Nach den Plänen des BMG sollen die Kosten zu 74,5 Prozent von den gesetzlichen Krankenkassen getragen werden, zu 5,5 Prozent von den privaten Krankenkassen und zu 20 Prozent von den Kommunen. Der AOK-Bundesverband bezeichnete das angesichts der prekären Finanzsituation bereits als nicht machbar und auch der Verband der Privaten Krankenversicherung sieht das als Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Die Kommunen wiederum lassen verlauten, sie könnten nicht noch eine zusätzliche Herausforderung stemmen.

Was also tun? Ein weiteres Sondervermögen zur Finanzierung wird es nicht geben und so wird man kaum herumkommen, sich grundsätzliche Gedanken über die Finanzierung eines Systems zu machen, das bei aller Kritik noch immer eins der besten der Welt ist. Damit das so bleibt, sollte der Umbau deutlich schneller und effizienter vonstatten gehen als bei der Einführung der Telematikinfrastruktur.

Hautscan-Apps im Vergleich

Bereits 2018 titelte die Medical Tribune: Krebsscreening: Handy besser als der Arzt? Damals kam der Beitrag zu der Schlussfolgerung, dass Ärzte nicht fürchten müssen, die App könne das Hautkrebs-Screening in der Praxis überflüssig machen.

Nun hat die Zeitschrift c’t Magazin (überwiegend kostenpflichtige) Hautscan-Apps verglichen, mit denen Laien in Eigenregie ihre Hautveränderungen untersuchen können. Die Apps nutzen künstliche Intelligenz um ihre Diagnose zu erstellen. Im Grunde eine gute Sache, denn lange Wartezeiten auf einen Facharzttermin oder die Sorge vor einer Corona-Ansteckung im Wartezimmer verhindern oft den persönlichen Arztbesuch.

Fünf Apps wurden getestet:

  • AI Dermatologist
  • Hautprüfer
  • Model Dermatology
  • SkinScreener
  • SkinVision

Das Ergebnis laut Heise: „ernüchternd“. Falsch-positive sowie falsch-negative Ergebnisse, Fehlerquoten z. T. nahe an 50%. Zwar ist es durchaus wünschenswert, wenn sich Patienten mit einem Krankheitsbild befassen und manche Funktionen der Apps sind gar nicht so schlecht. Aber an der Zuverlässigkeit des digitalen Arztes im Taschenformat hapert es doch noch sehr. Der Gang zum Dermatologen bleibt die bessere Entscheidung.

Ausführlicher Beitrag unter heise.de.

Telemedizinische Unterstützung in der Geburtshilfe

Letzten Donnerstag hatte das Zentrum für feto-/neonatale Gesundheit am Universitätsklinikum Dresden zu einer besonderen Veranstaltung eingeladen: der Auftaktveranstaltung des „Versorgungnetz Sichere Geburt: strukturierte, versorgungsebenen-, disziplin- und fächerübergreifende Betreuung Schwangerer und Neugeborener.“

Es handelt sich dabei um ein Projekt, das offiziell vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) gefördert wird. Dort wird es wie folgt beschrieben: „In der Modellregion Ost-Sachsen wurden im Jahr 2020 rund 13.000 Geburten verzeichnet, wobei ca. 20 Prozent der Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt stationär betreut werden mussten.“

Das Versorgungsnetzwerk richtet sich an Schwangere, bei denen Hinweise auf eine vorgeburtliche Erkrankung des Kindes oder mögliche geburtshilfliche Komplikationen bestehen. Das Projekt soll also eine sichere Betreuung von Schwangeren und Neugeborenen in einer Region mit rückläufigen Geburtenzahlen gewährleisten. Projektpartner ist die lokale AOK Plus.

Ein guter Ansatz. Denn gerade die dünn besiedelten Gegenden Deutschlands sind demografisch überaltert und haben immer weniger Geburten. Deshalb schließen viele geburtshilfliche Stationen und werdende Eltern müssen für eine angemessene Versorgung weite Wege in Kauf nehmen – die im Krisenfall auch mal zu weit sein können. Hier könnte die Telemedizin zur Lösung eines Dilemmas beitragen.

Medizin-Nobelpreis an Max-Planck-Forscher

Der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin geht in diesem Jahr an Svante Pääbo. Zu seinen bedeutendsten wissenschaftlichen Erfolgen zählt die Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms. „Seine Arbeiten haben unser Verständnis der Evolutionsgeschichte der modernen Menschen revolutioniert“, so Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. So habe Svante Pääbo zum Beispiel nachgewiesen, dass Neandertaler und andere ausgestorbene Hominiden einen wesentlichen Beitrag zur Abstammung der heutigen Menschen geleistet haben.

Da die DNA-Sequenzierungsmethoden Anfang der 2000er-Jahre sehr viel effizienter wurden, begann Pääbo das komplette Genom der Neandertaler zu sequenzieren, das im Zellkern vorhanden ist. Die Schwierigkeit dabei: Die Knochen von Neandertalern sind nach Jahrtausenden im Boden von Bakterien und Pilzen derart stark besiedelt, dass bis zu 99,9 Prozent der darin gefundenen DNA von Mikroben stammt. Zudem liegen die geringen Mengen verbliebener Neandertaler-DNA nur in kurzen Bruchstücken vor, die wie ein gigantisches Puzzle zusammengesetzt werden müssen. Viele Wissenschaftler glaubten, diese Aufgabe sei unlösbar.

Pääbos Team ersann jedoch neue Lösungen. So arbeiteten die Forscher unter „Reinraum-Bedingungen“ vergleichbar mit denen in der Chip-Industrie. So konnten sie verhindern, dass sie versehentlich ihre eigene DNA in die Versuche einbrachten. Darüber hinaus entwickelten sie effizientere Extraktionsmethoden, die die Ausbeute der Neandertaler-DNA verbesserten. Komplexe Computerprogramme, die die DNA-Schnipsel der altertümlichen Knochen mit Referenz-Genomen von Schimpansen und Menschen verglichen, halfen dabei, das Genom der Neandertaler zu rekonstruieren.

2010 gelang es Svante Pääbo und seinem Team, eine erste Version des Genoms der Neandertaler aus Knochen zu rekonstruieren, die Zehntausende von Jahren alt sind. Die Vergleiche des Neandertaler-Genoms mit den Genomen heutiger Menschen ergaben, dass moderne Menschen und Neandertaler bei ihrem Zusammentreffen vor rund 50.000 Jahren gemeinsamen Nachwuchs gezeugt hatten, als moderne Menschen Afrika verließen und in Europa und Asien ankamen.

Noch heute finden sich deshalb im Genom heutiger nichtafrikanischer Menschen zirka zwei Prozent Neandertaler-DNA. Dieser genetische Beitrag beeinflusste die menschliche Evolution: Er stärkte beispielsweise das Immunsystem der modernen Menschen, trägt jedoch auch heute noch zur Anfälligkeit für mehrere Krankheiten bei.

„Neandertaler sind die engsten Verwandten des heutigen Menschen“, sagte Svante Pääbo. „Vergleiche ihrer Genome mit denen heutiger Menschen sowie mit denen von Menschenaffen ermöglichen uns zu bestimmen, wann genetische Veränderungen bei unseren Urahnen eintraten.“ Dabei könnte künftig auch geklärt werden, warum moderne Menschen schließlich eine komplexe Kultur und Technologie entwickelten, die ihnen ermöglichten, fast die ganze Welt zu besiedeln. Dies erforderte jedoch ein vollständigeres Wissen über das Neandertaler-Genom als das Team 2010 erlangt hatte.

2014 gelang es dem Team am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, das Neandertaler-Genom fast komplett zu entschlüsseln. Dadurch wurde ein Vergleich mit den Genomen heutiger Menschen möglich. „Wir haben zirka 30.000 Positionen gefunden, in denen sich die Genome von fast allen heutigen Menschen von denen der Neandertaler sowie denen der Menschenaffen unterscheiden“, so Pääbo. „Sie beantworten, was anatomisch moderne Menschen auch im genetischen Sinn ‚modern‘ macht.“ Einige dieser genetischen Veränderungen bilden womöglich den Schlüssel zum Verständnis, was die kognitiven Fähigkeiten heutiger Menschen von denen, nun ausgestorbener, Hominiden unterscheidet.

Im Vorfeld dessen war Svante Pääbos Team bereits 2012 eine Sensation gelungen: Es entschlüsselte das Genom aus einem kleinen Knochen, den es in der Denisova-Höhle im westsibirischen Altai-Gebirge gefunden hatte. Die rätselhaften Ur-Menschen waren entfernt mit den Neandertalern verwandt und steuerten bis zu fünf Prozent zum Genom der heutigen Einwohner von Papua-Neuguinea, der Aborigines Australiens und anderer Gruppen in Ozeanien bei.

Derzeit arbeiten die Forscher an neuen Methoden, DNA-Fragmente zu rekonstruieren, die noch stärker zersetzt und in noch geringeren Mengen vorhanden sind. Ziel ist es, die Erforschung noch älterer DNA zu ermöglichen sowie Erbgut aus Teilen der Welt, in denen das Überdauern der DNA aufgrund von heißem und feuchtem Klima noch seltener ist.

Quelle: Pressemeldung der Max-Planck-Gesellschaft vom 03.10.2022 (gekürzt)

Und täglich grüßt das E-Rezept …

Mittlerweile soll man E-Rezepte bundesweit bei Apotheken einlösen können. Theoretisch … der 1. September 2022 war der offizielle Stichtag. Also gute Nachrichten vom E-Rezept? Eher nicht. Denn praktisch zeitgleich hat sich der Chaos Computer Club (CCC) mit dem E-Rezept beschäftigt und war von Datenschutz und Ausfallsicherheit „not amused“ …

Vor allem wird bemängelt, dass die E-Rezepte nicht Ende-zu-Ende verschlüsselt vom Arzt zur Apotheke wandern, sondern der E-Rezept-Server der Gematik sie unverschlüsselt verarbeitet. Wörtlich schreibt der CCC: „Die gematik verspricht, die Daten in einer „vertrauenswürdigen Ausführungsumgebung“ (VAU) zu verarbeiten …  handelt es sich bei dieser VAU um eine veraltete und mehrfach erfolgreich angegriffene Technologie mit dem Namen „Intel SGX“ , die primär für Kopierschutz eingesetzt wird.“

Die gematik rechtfertigt das Vorgehen ausdrücklich. Chief Security Officer Holm Diening wird mit den Worten zitiert: „Logisch, dass solche Maßnahmen im Client bei Vorsatz überwindbar sind. […] Wir verlagern also von Prävention zu Detektion + Reaktion. Nicht aus Versehen, sondern bewusst.“ Was der CCC wiederum süffisant kommentiert: „Nach dieser Logik bräuchte die gematik ihre Rechenzentren nicht abzuschließen, weil Einbruch ja verboten ist“.

Die Forderung des CCC: „Die gematik muss sich klar zu einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bekennen, die diesen Namen verdient. Mündige Patienten sollen die (selbst erzeugten) Schlüssel für ihre Gesundheitsdaten in die Hand bekommen.“ Verständlich, irgendwie. Ich denke, ich werde beim guten alten rosa Papier-Rezept bleiben, bis das mal ausdiskutiert ist. Auch wenn dann vielleicht die 2030er-Jahre schon angefangen haben …