Die Zukunft der medizinischen Information

Dr. med. Twitter

Das Journal of Medicinal Internet Research hat jüngst in zwei Beiträgen über den Einsatz von Twitter im Gesundheitsumfeld berichtet.

Die Studie von Zhijun Yin et al. hatte zum Ziel, in einem skalierbaren Rahmen Erwähnungen auf Twitter zum persönlichen Gesundheitszustand zu bewerten. Und in der Tat: dieses Vorgehen scheint geeignet um neben den traditionellen Quellen weitere medizinische Informationen zu erhalten.
J Med Internet Res 2015;17(6):e138)

Auch die Autoren um David J McIver analysierten Twitter, diesmal um Schlafprobleme zu untersuchen. Es ist seit längerem bekannt, dass Schlafstörungen zu Depressionen und anderen Erkrankungen führen können. Das Resultat ist auch hier interessant: die Einbeziehung von Twitter ermöglicht eine neuartige Methode zur Untersuchung von Schlafproblemen, schnell und kostengünstig.
J Med Internet Res 2015;17(6):e140)

Kognitive Verhaltenstherapie übers Internet – Review sieht gute Ansätze

Kognitive Verhaltenstherapie gilt als Standardintervention bei der Behandlung von Depression und Angstzuständen. In ländlichen Gebieten, wo es einen erheblichen Mangel an entsprechend ausgebildeten Praktikern gibt, ist die Versorgung jedoch nicht gewährleistet. Ein Ausweg könnten Therapiestunden über das Internet sein.

Das Journal of Medical Internet Research hat jetzt ein Review veröffentlicht, das die klinische Wirksamkeit und Akzeptanz von Computerized Cognitive Behavior Therapy (CCBT) als Intervention bei Patienten mit Angst und / oder Depression in ländlichen Gegenden untersucht. Von insgesamt 2.594 Studien in den Datenbanken von Medline, Embase, PsycINFO, CINAHL, Web of Science, Scopus und Cochrane Library erfüllten 11 die Auswahlkriterien und wurden in die Überprüfung einbezogen.

Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass CCBT effektiv für die Behandlung der Depression und Angst sein kann – und dass die Akzeptanz dieser Form der Betreuung in ländlichen Gebieten wesentlich höher ist als in den Ballungszentren.

www.jmir.org/2015/6/e139/

Geht doch! Telekonsultation in Mecklenburg-Vorpommern

In unterversorgten Gebieten sind Patienten lange Wege gewohnt – vor allem zum Facharzt können es Dutzende von Kilometern sein. Dabei sind oft nur kleine Dinge zu besprechen, die aber nachverfolgt werden müssen. Aus diesem Grund wurde schon im Versorgungsstrukturgesetz eine Förderung der Telemedizin angemahnt.

Vor allem Telekonsultationen, also ein datensicherer Austausch zwischen Ärzten und Patienten über das Internet, sind hier eine vielversprechende Option. Doch die Musterberufsordnung legt die Hürde hoch: „Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.“

Mecklenburg-Vorpommern, eins der Flächenländer in der Republik, will die Chance dennoch nutzen und investiert über eine landeseigene Beteiligungsgesellschaft in ein Start-up am Technologiezentrum Schwerin: arztkonsultation.de. Zwar dürfen Ärzte Telekonsultationen nur für Bestandspatienten anbieten, das aber auch außerhalb der normalen Öffnungszeiten der Praxis. Landesärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung in MeckPomm haben keine Bedenken. Man verspricht sich eine kürzere Frequenz der Arzt-Patienten-Kontakte und letztlich eine bessere Compliance.

Sprechstunde am PC: Der Nächste bitte …

Was halten die Deutschen von Online-Sprechstunden? Dass die Digital Natives sich dafür erwärmen können, gilt als unstrittig. Doch was ist mit den älteren Semestern? Der IT-Branchenverband Bitkom wollte es wissen und hat in Zusammenarbeit mit Forsa 1.000 Personen ab 65 Jahren befragt. Dier Ergebnisse liegen jetzt vor.

Und siehe da: Jeder vierte Internetnutzer ab 65 Jahren (24 Prozent) wäre grundsätzlich bereit, sich online von einem Arzt beraten zu lassen. Selbst bei den Befragten ab 80 Jahren ist noch jeder Fünfte (21 Prozent) aufgeschlossen für die Beratung im Internet. Was im Umkehrschluss aber auch heißt: Dreiviertel der Befragten (76 Prozent) können sich noch nicht so recht vorstellen, sich über das Internet von ihrem Arzt beraten zu lassen.

Vielleicht muss man das Thema einfach differenzierter betrachten. Bei vielen chronisch Kranken, die eigentlich durchdiagnostiziert sind und wo es vor allem um Compliancethemen geht, kann eine ärztliche Online-Beratung den Praxisbesuch durchaus ersetzen. Gerade auch in medizinisch schlecht versorgten ländlichen Regionen könnten Patienten und Praxis davon profitieren.

Das Fernbehandlungsverbot (§ 7 Musterberufsordnung) setzt dem aber enge Grenzen. Fakt ist: Zwei von drei Internetnutzern ab 65 Jahren (68 Prozent) suchen medizinischen Rat im Netz. Selbst bei den Nutzern ab 80 Jahren sind es noch 57 Prozent. Bei einer ähnlichen Umfrage vor vier Jahren erklärten erst 36 Prozent der älteren Internetnutzer, das Web in Gesundheitsfragen zu nutzen.

Wir folgern: Das Fernbehandlungsverbot ist in vielen Punkten nicht mehr zeitgemäß und muss dringend überarbeitet werden. Das betonen auch viele Experten in den Interviews des Buchs Die Zukunft der medizinischen Information. Bitkom fordert deshalb „eine Experimentierklausel in der Musterberufsordnung, die Ärzten mehr Mut in Sachen Online-Sprechstunde verleiht“.

Kabinett winkt eHealth-Gesetz durch

Das Bundeskabinett hat am gestrigen Mittwoch den Gesetzentwurf für ein eHealth-Gesetz in die parlamentarischen Beratungen verabschiedet. Gesundheitsminister Hermann Gröhe war zufrieden: „Mit dem eHealth-Gesetz machen wir Tempo“ ließ er im Anschluss an die Kabinettssitzung verkünden. Mit dem Gesetz reagierte der Minister auf die jahrelangen Verzögerungen bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte, die auch im Buch Die Zukunft der medizinischen Information eingehend beschrieben wurde.

Aber ganz so atemberaubend ist das Tempo dann doch nicht. Erst in zwei Jahren sollen zum Beispiel Telekonsile bei der Befundbeurteilung von Röntgenaufnahmen vergütet werden – auch wenn das technisch heute schon problemlos möglich wäre. Die Selbstverwaltung hat weiterhin den Hut auf zu prüfen, welche weiteren Leistungen telemedizinisch erbracht und vergütet werden können. Und es gibt Vorgaben an die Selbstverwaltung, bis wann die neuen Funktionen der elektronischen Gesundheitskarte zur Verfügung stehen müssen. Das funktionierte zwar schon in der Vergangenheit nicht wirklich, aber die Hoffnung stirbt zuletzt …

Hier können Sie die Einleitung des Buchs Die Zukunft der medizinischen Information – die sich auch mit der Geschichte der elektronischen Gesundheitskarte befasst – downloaden