Die Zukunft der medizinischen Information

Diskriminierung des Digitalen

Wie heißt es doch so schön buch-antiquarisch: „Don´t judge a book by its cover“. Aber am Inhalt sollte man es schon bewerten können. Gleicher Inhalt bedeutet jedoch nicht zwingend auch Gleichwertigkeit. Zumindest nicht, wenn man sich das aktuelle Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union (Pressemeldung 30/15 vom 05.03.2015) ansieht. Die Richter stellen nämlich folgenden Unterschied fest: werden die Inhalte eines Buches auf totem Holz abgedruckt, dann handelt es sich offenbar um ein Kulturgut, welches man zu einer ermäßigten MwSt von 7% beziehen kann. Das E-Book mit gleichem Inhalt ist dagegen nur eine schnöde Dienstleistung: also gelten 19% MwSt. Das entspricht zwar in Deutschland (im Gegensatz zu Frankreich) den bereits jetzt geltenden Regeln – aber hatte nicht der Koalitionsvertrag unserer Bundesregierung etwas anderes gefordert?

„Auf europäischer Ebene wird die Koalition darauf hinwirken, dass auf E-Books, E-Paper und andere elektronische Informationsmedien künftig der ermäßigte Mehrwertsteuersatz Anwendung findet.“

Wir warten auf Erfüllung dieses Versprechens!

Open Access: Wem gehören wissenschaftliche Informationen?

Sollen wissenschaftliche Informationen frei zugänglich sein? Auf jeden Fall wird auch 2015 weiter diskutiert, wer diese Open-Access-Angebote finanzieren soll – zum Beispiel auf der Konferenz Academic Publishing in Europe (APE) in Berlin.

Die von Ex-Springer-Vordenker Arnoud de Kemp initiierte Konferenz fand 2015 zum zehnten Mal statt. Viel versprechender Titel der Veranstaltung: Web 25 – The Road Ahead. Exploring the Future of Scholarly Communication. Die Teilnehmer aus ganz Europa diskutierten über alle Facetten des wissenschaftlichen und medizinischen Verlegens, besonders kontrovers über Open Access (OA) und den offenen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen.

Der Direktor des American Institute of Physics, Frederick Dylla, fasste seine Position so zusammen „Früher, als ich noch aktiv als Physiker geforscht habe, hat es mich nie interessiert, wer die Veröffentlichung meiner Beiträge bezahlt. Das hat sich komplett verändert.“ Seit zwei Jahren sind Forschungseinrichtungen wie seine in den USA aufgefordert, für wissenschaftliche Publikationen und Daten konkrete Open-Access-Richtlinien zu formulieren. Und dabei spielt der Kostenfaktor eine entscheidende Rolle.

Die Veröffentlichung auf dem Weg einer Creative Commons (CC)-Lizenz sieht für Wissenschaftler vor, ihre (mit öffentlichem Geld geförderten) Ergebnisse so zu publizieren, dass jedermann die Publikationen einsehen und – unter Hinweis auf den Autor („by“ = der Name des Urhebers muss genannt werden, deshalb CC-BY) und mit Link zur Originalquelle – weiterverwenden kann.

Dieses urheberrechtlich gewagte Modell hat in der akademischen Welt durchaus Befürworter, während die Verlage es erwartungsgemäß sehr kritisch sehen. Das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels zitiert dazu stellvertretend als Befürworter Robert Kiley vom britischen Wellcome Trust: „Kileys zentrales Argument: CC-BY sei eine Art Beschleuniger für die Verbreitung aktueller wissenschaftlicher Information. Die freie Weiternutzung etwa von Artikeln erhöhe deren Reichweite und Leserschaft nachweislich. Kiley sprach in dem Zusammenhang von „promiscuous content“ – und will das als guten Befund verstanden wissen.“

Die großen Wissenschaftsverlage bieten bereits seit Jahren eigene OA-Lösungen an, um nicht ins Abseits zu geraten. Hier stehen dann allerdings andere Creative Commons-Lizenzen im Vordergrund, in der Regel die Variante CC-BY-NC-ND. NC-ND bedeutet: Weiterverwendung des Materials für kommerzielle Zwecke wird nicht gestattet (Non-Commercial), auch eine inhaltliche Veränderung insoweit ausgeschlossen (No Derivatives), als eine bearbeitete Fassung nicht ohne weiteres verbreitet werden darf.

Wohin die Reise letztlich geht, blieb auch nach einer emotionalen Diskussionsrunde offen. Sicher scheint: Die Sponsoren wissenschaftlicher Forschung – zu denen zum Beispiel der bereits erwähnte Wellcome-Trust gehört, aber auch die öffentliche Hand – werden auf Dauer nicht doppelt zahlen wollen: für die Forschung selbst und dann noch einmal für den Kauf der Ergebnisse.

ape2015

Weitere Informationen:

www.ape2015.eu

http://www.boersenblatt.net/863646/

Deloitte: Gesundheitsvorhersagen für das Jahr 2020

Die aktuelle Deloitte-Studie zur Entwicklung der Gesundheitssysteme bis 2020 rechnet mit dem Durchbruch von eHealth-Technologien auf breiter Front.

Die Unternehmensberatung Deloitte hat in ihrer Studie Healthcare and Life Sciences Predictions 2020 A bold future? auch die Entwicklung der medizinischen Kommunikation und der Internet-Medizin adressiert. Die fünf wichtigsten Thesen für die nächsten fün Jahre:

  • Verbraucher akzeptieren, dass sie für ihre Gesundheit selbst verantwortlich sind. Staat und Versicherungen schaffen Anreize für gesundes Verhalten (z. B. nicht zu rauchen).
  • Datenschutz wird weiterhin kritisch gesehen, aber die Vorteile der gemeinsamen Nutzung von Daten werden letztlich höher eingeschätzt.
  • Bei den Ärzten werden sich Vorbehalte gegen elektronische Patienteninformationen und „mobile health“ zerstreuen und in aktives Engagement bei der Entwicklung und Verbesserung der Technologie umschlagen.
  • Die meisten Patienten in den Industrieländern werden Zugang zu ihren eigenen elektronischen Patientenakten haben, die sie bei Bedarf mit Ärzten und anderen Fachkreisen teilen.
  • Webbasierte Portale ermöglichen Videokonferenzen zwischen Arzt und Patient. Diese Services verbessern die Compliance und sind im Rahmen der Regelversorgung abrechenbar. Zusammen mit den Möglichkeiten der mobilen Diagnostik können dadurch hohe Einsparungen realisiert werden, Patienten profitieren durch geringere Reise- und Wartezeiten.

Die komplette Studie steht zum kostenlosen Download im Netz:

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