Die Zukunft der medizinischen Information

Geht doch! Telekonsultation in Mecklenburg-Vorpommern

In unterversorgten Gebieten sind Patienten lange Wege gewohnt – vor allem zum Facharzt können es Dutzende von Kilometern sein. Dabei sind oft nur kleine Dinge zu besprechen, die aber nachverfolgt werden müssen. Aus diesem Grund wurde schon im Versorgungsstrukturgesetz eine Förderung der Telemedizin angemahnt.

Vor allem Telekonsultationen, also ein datensicherer Austausch zwischen Ärzten und Patienten über das Internet, sind hier eine vielversprechende Option. Doch die Musterberufsordnung legt die Hürde hoch: „Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.“

Mecklenburg-Vorpommern, eins der Flächenländer in der Republik, will die Chance dennoch nutzen und investiert über eine landeseigene Beteiligungsgesellschaft in ein Start-up am Technologiezentrum Schwerin: arztkonsultation.de. Zwar dürfen Ärzte Telekonsultationen nur für Bestandspatienten anbieten, das aber auch außerhalb der normalen Öffnungszeiten der Praxis. Landesärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung in MeckPomm haben keine Bedenken. Man verspricht sich eine kürzere Frequenz der Arzt-Patienten-Kontakte und letztlich eine bessere Compliance.

Sprechstunde am PC: Der Nächste bitte …

Was halten die Deutschen von Online-Sprechstunden? Dass die Digital Natives sich dafür erwärmen können, gilt als unstrittig. Doch was ist mit den älteren Semestern? Der IT-Branchenverband Bitkom wollte es wissen und hat in Zusammenarbeit mit Forsa 1.000 Personen ab 65 Jahren befragt. Dier Ergebnisse liegen jetzt vor.

Und siehe da: Jeder vierte Internetnutzer ab 65 Jahren (24 Prozent) wäre grundsätzlich bereit, sich online von einem Arzt beraten zu lassen. Selbst bei den Befragten ab 80 Jahren ist noch jeder Fünfte (21 Prozent) aufgeschlossen für die Beratung im Internet. Was im Umkehrschluss aber auch heißt: Dreiviertel der Befragten (76 Prozent) können sich noch nicht so recht vorstellen, sich über das Internet von ihrem Arzt beraten zu lassen.

Vielleicht muss man das Thema einfach differenzierter betrachten. Bei vielen chronisch Kranken, die eigentlich durchdiagnostiziert sind und wo es vor allem um Compliancethemen geht, kann eine ärztliche Online-Beratung den Praxisbesuch durchaus ersetzen. Gerade auch in medizinisch schlecht versorgten ländlichen Regionen könnten Patienten und Praxis davon profitieren.

Das Fernbehandlungsverbot (§ 7 Musterberufsordnung) setzt dem aber enge Grenzen. Fakt ist: Zwei von drei Internetnutzern ab 65 Jahren (68 Prozent) suchen medizinischen Rat im Netz. Selbst bei den Nutzern ab 80 Jahren sind es noch 57 Prozent. Bei einer ähnlichen Umfrage vor vier Jahren erklärten erst 36 Prozent der älteren Internetnutzer, das Web in Gesundheitsfragen zu nutzen.

Wir folgern: Das Fernbehandlungsverbot ist in vielen Punkten nicht mehr zeitgemäß und muss dringend überarbeitet werden. Das betonen auch viele Experten in den Interviews des Buchs Die Zukunft der medizinischen Information. Bitkom fordert deshalb „eine Experimentierklausel in der Musterberufsordnung, die Ärzten mehr Mut in Sachen Online-Sprechstunde verleiht“.

Kabinett winkt eHealth-Gesetz durch

Das Bundeskabinett hat am gestrigen Mittwoch den Gesetzentwurf für ein eHealth-Gesetz in die parlamentarischen Beratungen verabschiedet. Gesundheitsminister Hermann Gröhe war zufrieden: „Mit dem eHealth-Gesetz machen wir Tempo“ ließ er im Anschluss an die Kabinettssitzung verkünden. Mit dem Gesetz reagierte der Minister auf die jahrelangen Verzögerungen bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte, die auch im Buch Die Zukunft der medizinischen Information eingehend beschrieben wurde.

Aber ganz so atemberaubend ist das Tempo dann doch nicht. Erst in zwei Jahren sollen zum Beispiel Telekonsile bei der Befundbeurteilung von Röntgenaufnahmen vergütet werden – auch wenn das technisch heute schon problemlos möglich wäre. Die Selbstverwaltung hat weiterhin den Hut auf zu prüfen, welche weiteren Leistungen telemedizinisch erbracht und vergütet werden können. Und es gibt Vorgaben an die Selbstverwaltung, bis wann die neuen Funktionen der elektronischen Gesundheitskarte zur Verfügung stehen müssen. Das funktionierte zwar schon in der Vergangenheit nicht wirklich, aber die Hoffnung stirbt zuletzt …

Hier können Sie die Einleitung des Buchs Die Zukunft der medizinischen Information – die sich auch mit der Geschichte der elektronischen Gesundheitskarte befasst – downloaden

Offene Patientenakten mit Draht zum Arzt

Die Zukunft der medizinischen Information ist nicht nur in Deutschland ein Thema. Im Rahmen des Affordable Care Act, hierzulande besser als Obamacare bekannt, wurden rund 30 Milliarden US-Dollar in den Aufbau einer Infrastruktur für elektronische Patientenakten gesteckt. Bis Februar 2015 konnte die Nutzung in Arztpraxen und Krankenhäusern damit von 20 Prozent auf fast 70 Prozent gesteigert werden.

Die Washington Post (WP) hat diesem Thema jüngst eine große Story gewidmet, die mit interessanten Fakten aufwartet. So haben rund die Hälfte aller Patienten direkten Zugang zu ihren Daten. Und damit auch die Möglichkeit, nicht nur Laborwerte und Röntgenaufnahmen einzusehen, sondern auch die Notizen, die der Arzt beim letzten Besuch (oder allen anderen) gemacht hat. Und gegebenenfalls Missverständnissse zu korrigieren. Denn, so die WP weiter, kaum eine Akte ist frei von Fehlern. Ein Fakt, den bei „geschlossenen“ Akten in der Praxis einfach nur keiner bemerkt …

Nach einer Umfrage der National Partnership for Women & Families http://www.nationalpartnership.org/our-work/resources/health-care/digital-health/archive/engaging-patients-and-families.pdf wünscht sich die Mehrheit der Patienten die Möglichkeit, über die Akte auch direkt mit dem Arzt kommunizieren zu können. Der fehlende persönliche Kontakt wird dabei nicht allzu sehr vermisst. Schließlich, so ein weiteres Statement der Umfrage, beschäftigen sich viele Ärzte auch bei persönlichen Besuchen mehr mit dem Computer, als mit dem Patienten.

Zum Beitrag in der Washington Post

Der Markt für mobile Health-Apps in der EU

In einem aktuellen Ranking haben mehr als 4.400 App-Entwickler, Healthcare-Profis und mHealth-Anwender ihre Bewertungen abgegeben.
Einige Erkenntnisse in aller Kürze:
Der EU-Markt zeigt sich sehr heterogen. Dänemark, Finnland, Niederlande, Schweden und Großbritannien bieten die besten Marktbedingungen für mHealth-Unternehmen in der EU.
Deutschland und Frankreich sind die kompliziertesten Märkte in der EU für mHealth. Auf der einen Seite begegnet man zwar großen Märkten bzgl. Patientenzahlen oder Gesundheitsausgaben, auf der anderen Seite stehen Regulierungen und nur eine mittelmäßige Digitalisierung im Gesundheitswesen der Attraktivität entgegen.
Griechenland, Rumänien und Lettland finden sich auf den hinteren Rängen in dieser Untersuchung. Die Reife des mHealth-Marktes wird von Faktoren wie Smartphone- bzw. Tablet-Durchdringung oder der Verbreitung von E-Rezepten charakterisiert. Die vorderen Plätze zeichnen sich durch mehr als doppelt so gute Bedingungen in diesen Punkten aus. Regionale Investitionen sollten also gut überlegt sein.

(Quelle: research2guidance’s EU Countries’ mHealth App Market Ranking 2015)