LEARNTEC 2020

Auch in Zeiten der virtuellen Realität wollen sich Messebesucher lieber einen persönlichen Eindruck von den Entwicklungen in ihren Interessensgebieten verschaffen – und dies gilt anscheinend insbesondere für Messen, die sich genau mit diesem Thema und der Digitalisierung des Lernens selbst befassen.

Die Learntec ist die größte europäische digitale Bildungsmesse. 411 Aussteller aus 17 Nationen und eine deutlich gewachsene Ausstellungsfläche wurden von den ca. 12.000 Besuchern in der letzten Woche in Karlsruhe genutzt. Das Topthema in diesem Jahr war der Einsatz künstlicher Intelligenz bei künftigen Lernszenarien.

Internationale Experten beleuchteten Gegenwart und Zukunft der digitalen Bildung. Christian Baudis, Ex-Google-Deutschlandchef: „In den nächsten 10 Jahren wird die Digitalisierung alle Geschäftsbereiche auf den Kopf stellen und das Bildungssystem sowie die Art und Weise, wie und wie lange wir lernen, verändern.“ Dong-Seon Chang, Neurowissenschaftler: „In unserem täglichen Leben bestimmen KI-Algorithmen bereits die neuen Informationen, die wir finden und entdecken werden.“

Die Redaktion dieses Blogs war insbesondere von der AR/VR Arena angetan. An allen drei Kongresstagen wurden Anwendungen und Erkenntnisse in Form von über 30 Vorträgen und Podiumsdiskussionen dem interessierten Publikum nahegebracht. Die kurze Demonstration von Microsofts Hololens 2, der neuesten AR-Brille, konnte bereits erahnen lassen, in welches Potential hier im Arbeitsumfeld lauert – auch im Gesundheitswesen. Das neue Mixed-Reality-Device zeigt einmal mehr, dass der Durchbruch neuer Technologien stark von disruptiven Innovationen abhängt – über 30.000 Vorbestellungen könnten ein Indiz dafür sein.

Torsten Fell (immersivelearning.institute) stellte vor, wie AR in den Arbeitsprozess integriert werden kann: kontextbezogener Zugang über Objekterkennung, Prozess-Guides im Arbeitsverlauf, Wartungs-Service-Dokumentation, Kollaboration mit externen Experten. Letzteres könnte man sich im telemedizinischen Umfeld bereits jetzt sehr gut vorstellen. Allerdings: die AR-Anwendungen müssen kostengünstig und effizient erstellt werden können, dann wird diese zukunftsweisende Technologie ihren breiten Einzug finden.

Insgesamt zeigt die Akzeptanz-Kurve für AR/VR-Anwendungen steil nach oben. PwC erwartet im Jahr 2030 bereits 400.000 Jobs in diesem Feld allein in Deutschland.

Hololens-Demo, Marco Maier, VISCOPIC

AR in der Medizin

Augmented Reality (AR) findet mittlerweile in vielen Bereichen Anwendung. Im Einzelhandel, im Automobilbau, beim Spielen – und eben auch in der Medizin. Die Anfänge dieser Technologie reichen bis in die 60er Jahre zurück, im Jahr 2020 wird der AR-Gerätemarkt wohl über 1 Mrd. EUR liegen. In jedem Bereich können die Nutzer mithilfe der AR-Technologie die reale Welt sehen und digitale Informationen in die vorhandene Umgebung projizieren und kommen so zur „erweiterten Realität“.

Bei welchen medizinischen Tätigkeiten finden sich denn heute schon AR-Anwendungen? Unserer Meinung nach stechen derzeit zwei Anwendungsbereiche für (angehende) Ärzte besonders hervor:

AR in der Chirurgie. Augmented Reality ermöglicht es Chirurgen, die individuelle Anatomie ihrer Patienten genauer zu erkennen, indem sie ihre MRT-Daten und CT-Scans in ein AR-Headset eingeben und eine spezifische Patientenanatomie auf den Patientenkörper projizieren, vor und während der OP. Anatomische Strukturen können sichtbar gemacht werden und die AR so eine Entscheidungshilfe bei Injektionen und Inzisionen darstellen. Und: der Chirurg kann während der OP über den AR-Screen auf elektronische Patientendaten zugreifen.

AR in der Ausbildung. Das wesentliche Merkmal der Verwendung von AR in der Ausbildung besteht darin, Patienteninteraktionen oder chirurgische Behandlungen zu simulieren. Diagnosestellungen können genauer erlernt werden, die Teilnahme an einer AR-Trainings-OP verzeiht Fehler. Die Ausbilder können mithilfe von AR-Technologien kontinuierlich beobachten und Feedback geben. Der AR-basierte Ausbildungsverlauf kann einem festgelegten Ablauf folgen und verliert die Abhängigkeit vom Sektionssaal.

Bevor die AR eine zukünftige Rolle im medizinischen Alltag spielen kann, muss allerdings die Akzeptanz der Technologie gegeben sein. Das hängt oftmals von ganz banalen Dingen ab: Sitzt die Hardware sicher und bequem? Kann sie leicht desinfiziert werden? Sind die AR-Produkte intuitiv zu benutzen? Und: kann sich die AR nicht nur im OP-Saal sondern auch in der Arztpraxis durchsetzen?

Im nächsten Teil unserer AR-Reihe werden wir anhand von Beispielen konkrete Anwendungen vorstellen.