App berechnet Corona-Risiko in Räumen

Das Risiko, sich in Innenräumen mit dem Coronavirus anzustecken, lässt sich mit einer Web-App jetzt zuverlässiger bestimmen als bislang. Ein Team des Göttinger Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation und der Universitätsmedizin Göttingen verwendet in der Web-App namens Human Emission of Aerosol and Droplet Statistics, kurz Heads, ein verfeinertes statistisches Verfahren, um das Ansteckungsrisiko über Aerosole zu berechnen. Die Forschenden berücksichtigen dabei auch die Größenverteilung infektiöser Aerosole und die Rate, mit der sich diese in einem Raum absetzen. Damit gibt Heads nun ein realistisches Ansteckungsrisiko durch Aerosole in nicht zu großen geschlossenen Räumen wieder. Die App trifft keine Aussage über das Risiko, sich durch Tröpfchen mit mehr als 50 Mikrometer Durchmesser zu infizieren, wenn man mit einem Virusträger auf kurze

Der wesentliche Faktor bei der Verbreitung von Sars-CoV-2 und anderer Krankheitserreger sind Tröpfchen, die Virusträger mit der Atemluft abgeben. Die Größe der Tröpfchen variiert dabei typischerweise von rund 100 Nanometern – das ist etwa der Durchmesser eines einzelnen Virus – bis zu rund einem Millimeter. Tröpfchen, die größer als etwa 50 Mikrometer sind, fallen schnell zu Boden, sodass sich das Ansteckungsrisiko durch sie minimieren lässt, indem Personen mindestens 1,5 Meter Abstand voneinander halten. Tröpfchen mit weniger als 50 Mikrometer Durchmesser – das entspricht dem Radius eines feinen Frauenhaars – trocknen schnell, werden zu leichteren Teilchen und bleiben als solche länger in der Luft. Das Göttinger Team fragte sich nun, wie hoch das Infektionsrisiko durch diese Aerosole in einem geschlossenem, gut durchmischten Raum ist, und entwickelte basierend auf eigenen Forschungsergebnissen und Erkenntnissen anderer Gruppen die Heads-App. Das Modell dahinter ist damit auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand und berücksichtigt nun vor allem die Größenverteilung der mit der Atemluft freigesetzten Aerosole werden. Wie die Forschenden an mehr als 130 Probanden gemessen haben, sind das nämlich sehr viele kleine und wenige große.

Auch für die Aerosoltröpfchen mit weniger als 50 Mikrometer Durchmesser gilt dabei: Je größer sie bei der Freisetzung sind, desto problematischer sind sie. Denn sie können mehrere Viren enthalten, was das Infektionsrisiko beim Einatmen erhöht. Durch ein statistisches Verfahren, das diesen Zusammenhang berücksichtigt, ermöglicht die Heads-App jetzt eine besonders zuverlässige Abschätzung der Virenbelastung in geschlossenen Räumen. „Mit unseren holographischen und Partikelverfolgungsmessungen kennen wir jetzt auch die großen Aerosole sehr gut“, sagt Mohsen Bagheri, Leiter einer Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. „Damit können wir die Viruslast in einem Innenraum sehr gut bestimmen.“ Im Vergleich zu vielen ähnlichen Apps, die es weltweit gibt, ermittelt die Heads-App daher ein höheres Infektionsrisiko.

Die neue App ist derzeit auf Deutsch und Englisch verfügbar, soll aber auch noch in weiteren Sprachen veröffentlicht werden.

(Quelle: Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft vom 08.04.2021, gekürzt)

 

Originalpublikation

Freja Nordsiek, Eberhard Bodenschatz und Gholamhossein Bagheri

Risk assessment for airborne disease transmission by poly-pathogen aerosols

PLOS One, 8 April 2021

https://doi.org/10.1371/journal.pone.0248004

Luca macht das – oder?

Deutschland tut sich mit den Corona-Apps aber wirklich schwer. Die Bundes-Corona-Warn-App wurde als schon wenig nutzbringend und viel zu teuer abgeschrieben und ein neuer Stern zeigte sich am App-Himmel: die Luca-App wäre die Lösung! Einfach zu bedienen, die eigene Anwesenheit in der Gastronomie oder einer Kulturveranstaltung wird dokumentiert, Kontakte können nachvollzogen werden.

Erst vor wenigen Tagen hatte Mecklenburg-Vorpommern hat als erstes deutsches Bundesland die Lizenz für die Nutzung des Luca-Systems zur verschlüsselten Kontaktnachverfolgung einschließlich der Luca-App erworben und in Luca einen wichtigen Baustein für weitere Öffnungsschritte gesehen.

Auch ntv berichtete, dass Restaurants, Einzelhändler und Kulturveranstalter sehr große Hoffnungen auf Luca legen. Die App solle die Zettelwirtschaft beenden und die sichere Kommunikation mit den Gesundheitsämtern übernehmen. Und als Qualitätsbeweis wird erwähnt, dass das Tech-Startup Nexenio, welches die App entwickelt habe, auf hochsichere IT-Lösungen spezialisiert sei.

Und jetzt schreit die ZEIT: „Luca ist leider auch keine Lösung“. Bemängelt wird – der Datenschutz. Neben einer Datenschutzaktivistin wird auch der Chaos-Computer-Club zitiert, der Vorsicht beim Nutzen der App empfiehlt.

Wir bleiben am Thema dran und beleuchten demnächst auch Alternativen zur Luca-App.

Hausärzteverband Baden-Württemberg fordert Einbindung bei den Corona-Impfungen

(hausarzt-bw.de) Impfen ist für Hausarztpraxen originäres und fast tägliches Geschäft. Daher ist auch grundsätzlich die Corona-Impfung schnellstmöglich in die hausärztliche Praxis zu überführen. Hausärzte kennen ihre Patienten, ihre individuellen Bedarfe sowie deren Vorerkrankungen (z. B. Allergien). Die Patienten vertrauen ihnen und ihrem Urteil. Sie sind zudem Experten bei Impfreaktionen und das Hausarztpraxisteam bietet die personellen und räumlichen Ressourcen, um in die Corona-Impfungen eingebunden zu werden. Bereits bei den Testungen und den weiteren Corona-Maßnahmen haben die Praxisteams bewiesen: Mit ca. 85% aller Behandlungsfälle sind sie unsere starke Säule in der Corona-Pandemie. Daher lautet unser Credo: Hausärzten soll das Impfen in ihren Praxen ermöglicht werden, um die Impfzentren zu unterstützen und gegen die vorherrschenden Einschränkungen schneller und effizienter vorzugehen. Hierfür sind jedoch die Rahmenbedingungen, wie auch bei den Impfzentren, auszugestalten und das Impfen in großem hausärztlichen Maße vorzubereiten.

Die mit dem Impfen verbundenen Aufgaben wie beispielsweise die Impf-Aufklärung, die Dokumentationen sowie die Nachbeobachtung, inklusive der Beobachtung von anaphylaktischen Reaktionen, bedeuten einen Aufwand in Hausarztpraxen, den es adäquat zu honorieren gilt. Es kann nicht sein, dass lediglich die Materialkosten erstattet werden, denn corona-konforme Raum- und Rahmenbedingungen gilt es zu organisieren und umzusetzen, sodass auch die Finanzierung der Praxen und des Praxispersonals gesichert werden muss. Wir fordern daher eine angemessene Honorierung unserer Tätigkeiten.

Zu den Rahmenbedingungen gehört es zudem, den bürokratischen Mehraufwand für impfende Hausarztpraxen gering zu halten. Wie bei den Corona-Testungen auch, müssen Strukturen geschaffen werden, die ein flexibles und pragmatisches Handeln ermöglichen. Zudem gilt es den/die in den Hausarztpraxen zu verimpfende/n Impfstoff/e in ausreichender Menge den Hausarztpraxen zur Verfügung zu stellen. Die logistischen Arbeiten können nicht von den Hausarztpraxen übernommen werden, sondern es sollten die bewährten Strukturen auch bei der Impflogistik übernommen werden. Die Haftung für Impfschäden etc. hat, wie bei den Impfzentren, das Land zu übernehmen, wobei es damit unerheblich sein sollte, wo der Impfstoff verimpft wird.

Das dezentrale Impfen ist eine wichtige medizinische Maßnahme im Zuge der Corona-Pandemie, lassen Sie uns keine Zeit verlieren und die Rahmenbedingungen klären, damit auch wir schnell und tatkräftig durchstarten können, um weitere schwere Covid-19-Verläufe bei unseren Patientinnen und Patienten zu reduzieren.

Kommentar der Redaktion: Die Einbindung von Haus- und auch Facharztpraxen ist die einzige Möglichkeit den drohenden “Impfstau” abzuwenden. Alle offenen Fragen bzgl. Haftung oder Impf-Priorisierung (vorzugsweise durch den Arzt!) hätten längst entschieden werden können.

„COVEWS“: Künstliche Intelligenz unterstützt medizinische Prognosen

Die Max-Planck-Gesellschaft berichtet: Am Beispiel von Covid-19 sagt künstliche Intelligenz (Machine Learning) das individuelle Sterblichkeitsrisiko von Patienten voraus.

Für Ärztinnen und Ärzte sind es die wohl schwierigsten und belastendsten Entscheidungen: Gerade in der Covid-19-Pandemie müssen sie immer wieder abschätzen, wie hoch das Risiko für Patienten ist, an der Erkrankung zu sterben. Im besten Fall können sie dann die Behandlung anpassen, um die Betroffenen zu retten. Im schlimmsten Fall müssen sie knappe Ressourcen wie Intensivbetten oder lebensrettende Maschinen verteilen. Ein Team um Forschende des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme hat nun einen Algorithmus entwickelt und mit Methoden des maschinellen Lernens trainiert, um Medizinerinnen und Mediziner mit Vorhersagen der Sterblichkeit zu unterstützen. Der Algorithmus lässt sich auch nutzen, um das Sterblichkeitsrisiko bei anderen Erkrankungen vorherzusagen. Den Algorithmus nennen die Forscher Covews, kurz für Covid-19 Early Warning System.

(Quelle: PRESSEMELDUNG DER MAX-PLANCK-GESELLSCHAFT VOM 16. FEBRUAR 2021, gekürzt)

Grundlegender wissenschaftlicher Beitrag:

Real-time prediction of COVID-19 related mortality using electronic health records

Patrick Schwab, Arash Mehrjou, Sonali Parbhoo, Leo Anthony Celi, Jürgen Hetzel, Markus Hofer, Bernhard Schölkopf & Stefan Bauer

Nature Communications volume 12, Article number: 1058 (2021)

https://www.nature.com/articles/s41467-020-20816-7

Corona-Weihnacht 2020

Im letzten Dezember war noch der Klimawandel omnipräsent. Wir hätten es nicht für möglich gehalten, dass dieses seinerzeit so beherrschende Thema nur Wochen später medial implodiert – und Platz macht für eine ganz akute Lebensbedrohung.

Die COVID-19-Krise fand relativ rasch Einzug in unserem Blog, über zwanzigmal haben sich unsere Beiträge diesem Themenkomplex direkt gewidmet oder seine indirekten Auswirkungen betrachtet. Wobei wir natürlich immer versuchen, etwas zu bringen, was unsere User nicht ohnehin jeden Tag in den Zeitungen lesen können.

Beispielsweise, dass das Auftragen von Kosmetik den Fieberscanner am Flughafen täuschen kann; dass Ransomware die Intensivstationen bedroht, als ob deren Auslastung nicht ohnehin schon beängstigend genug wäre; dass Tracing-Apps eigentlich eine gute Sache sind, aber die Effizienz bei uns dem Datenschutz geopfert wird.

Die Corona-Pandemie hat einige Versäumnisse in der Ausstattung der Gesundheitsämter offenbart. Dazu kam eine fast unerträgliche Vielstimmigkeit (selbsternannter) Experten auf den Gebieten der Virologie, Epidemiologie, Infektiologie und des Gesundheitswesens. Forderungen lassen sich leicht formulieren, wenn man sie selbst nicht umsetzen muss. Wissenschaft lernt durch Fehler, man muss allerdings auch bereit sein, diese zuzugeben.

Der kürzlich in THE LANCET veröffentlichte Aufruf der Wissenschaftler appelliert an ein sich als Einheit verstehendes Europa, das gemeinsam konkrete Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung ergreifen soll – Wunschdenken?

Trotz aller Skepsis erlaubt zumindest die nun endlich erfolgte Zulassung des ersten Impfstoffs einen zuversichtlicheren Blick auf das Jahr 2021. Hoffen wir, dass wir dann im Jahresrückblick ganz andere Themen aufgreifen können.

Wir wünschen Ihnen einen guten Start und informieren Sie ab Mitte Januar 2021 wieder über spannende Entwicklungen in der Medizin.

Ihr

medicallearning.de-Team

CORONA Antigen-Schnelltests

Neben der AHA-Regel gehören die Schnelltests zu den wichtigsten Werkzeugen bei der Bekämpfung des Coronavirus – die nationale Teststrategie für die Herbst- und Wintersaison wurde demgemäß aktualisiert.

Eine besondere Bedeutung hat hierbei die Nutzung von Antigen-Tests in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Personal, Patienten/Bewohner und Besucher können regelmäßig auf das Corona-Virus getestet werden (Point-of-Care-Antigen-Test). Auch im schulischen Umfeld wird eine breite Anwendung diskutiert.

Allerdings weisen die Antigen-Tests funktionsbedingt nicht nur eine geringere Sensitivität, sondern auch eine geringere Spezifität auf. Sollte der Antigentest positiv ausfallen, sollte immer mittels PCR bestätigt werden.

Links:

Stand heute darf in Deutschland nur medizinisches Fachpersonal diese Antigen-Tests durchführen. Da bereits einige Hersteller Lieferengpässe haben, ist es gut zu wissen, dass die Zahl der Anbieter ständig wächst. Heute erfolgte z.B. die Bekanntmachung, dass eine weiterer Anbieter hinzugekommen ist. Die MiM Pharma GmbH vertreibt jetzt ebenfalls, nach erfolgreicher Evaluierung durch das Paul-Ehrlich-Institut, einen COVID-19 Antigen-Test mit dem Namen NowCheck .

 

Deutschland: Entwicklung und Produktion von Covid-19-Impfstoffen

Weltweit wird derzeit an über 200 verschiedenen Impfstoff-Projekten gearbeitet. Deutschland zählt international zu den Ländern mit besonders vielen Projekten für Impfstoffe gegen Covid-19. Eine aktuelle Übersicht findet sich auf der Website des vfa – die wir hier mit freundlicher Genehmigung unseren Usern vorstellen.

 

Im Einzelnen sind es die folgenden Unternehmen und Forschungseinrichtungen:

  • das Unternehmen CureVac (Tübingen)
  • die Unternehmen BioNTech / Pfizer (Mainz, Idar Oberstein, Berlin, künftig auch Marburg), zwei Projekte
  • das Unternehmen Leukocare (Planegg) mit ReiThera (Italien) und Univercells (Belgien) – Vektorvirenimpfstoff, der seit 24.08. in Italien mit Freiwilligen erprobt wird
  • das Start-Up Prime Vector Technologies (PVT) (Tübingen) mit einem Vektorvirus-Impfstoff
  • das Unternehmen ARTES Biotechnology (Langenfeld [Rheinland])
  • das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (Braunschweig) / Univ. München / Univ. Marburg / UKE Hamburg / IDT Biologika (Dessau) – MVA-basierter Impfstoff, der seit Oktober mit Freiwilligen erprobt wird
  • das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung / CanVirex (Braunschweig / Basel, Schweiz) – Masern-Impfvirus-basierter Impfstoff
  • die Universitätsklinik Tübingen (Peptid-Impfstoff)
  • das Start-Up baseclick (Neuried bei München)

Außerdem wirken die folgenden Unternehmen und Forschungsinstitute unterstützend bei der Impfstoffentwicklung und -produktion mit:

  • Rentschler Biopharma (Laupheim): übernimmt einen Herstellungsschritt für den Impfstoff von BioNTech/Pfizer
  • Vibalogics (Cuxhaven): produziert Komponente für Impfstoff von Janssen
  • CEVEC Pharmaceuticals (Köln): produziert Komponente für ungenannten Hersteller
  • Richter-Helm BioLogics (Hamburg): produziert DNA-Material für Inovio (USA)
  • das Unternehmen Daiichi Sankyo Europe (Pfaffenhofen bei München) und die Universität München (Abt. Pharmazie) tragen zum Impfstoffprojekt von Daiichi-Sankyo (Japan) und der Universität Tokio bei
  • Sanofi (Frankfurt a.M.): wird Impfstoff aus der Kooperation von Sanofi und GSK abfüllen
  • R-Pharm Germany (Illertissen), Tochter des russischen Unternehmens R-Pharm: wird künftig in Lizenz Impfstoff von AstraZeneca produzieren
  • Merck (Darmstadt): unterstützt Produktion des Impfstoffs von Oxford University/AstraZeneca und von Baylor College (University of Texas, USA)
  • Universität Gießen: wirkt mit am OpenCorona-Konsortium (Führung: Karolinska-Institut, Schweden), das einen DNA-basierten Impfstoff entwickelt
  • Tropeninstitut der Universität Tübingen: wird Totimpfstoff des dänisch-niederländisch-deutschen PREVENT-nCoV-Konsortiums erproben

Zudem werden am Universitätsklinikum Tübingen Pläne verfolgt, einen Vektorvirus-Impfstoff (mit Sednaviren) gegen Covid-19 zu entwickelt, der als Nasenspray verabreicht werden kann. Die Projektleiter rechnen aber mit mindestens vier Jahren Entwicklungszeit bis zu einer möglichen Zulassung; und das auch nur, wenn für das Projekt eine Finanzierung gefunden werden kann.

Ausführliche Informationen zu diesem Thema und einen aktuellen Podcast bietet der vfa hier.

New York hat nun auch eine Corona-Tracing-App

Am 01.10.2020 wurde in New York eine neue Corona-App veröffentlicht, die zur Ermittlung von Kontakten dient und den Nutzer warnt, falls es einen engen Kontakt mit einer positiv auf das Coronavirus getesteten Person gab. Die Covid Alert NY-App ist kostenlos und steht sowohl für iPhones als auch für Android-Smartphones zur Verfügung. Mittlerweile ist allen verantwortlich Handelnden bekannt, dass die Kontaktverfolgung eine der wenigen bewährten Strategien zur Eindämmung des Coronavirus ist.

Der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo sagte auf der Pressekonferenz zu Einführung der App: „Die App wird über das Handy wissen, wo eine Person, die positiv getestet wurde, war, und die App kann Ihnen sagen, ob Sie sich in einem Umkreis von zwei Metern um diese Person befanden.“ Die App basiert auf Freiwilligkeit, auch an den Datenschutz wurde gedacht. Bluetooth-Technologien von Google und Apple bieten die technologische Basis. Damit das zumindest regional funktioniert, wird die App auch in New Jersey, Pennsylvania, Delaware und Connecticut eingeführt werden.

Das Wording kommt uns bekannt vor und erinnert sofort an die deutsche Corona-Warn-App. Die Entwicklungskosten der deutschen App beliefen sich allerdings laut Ärzteblatt vom 01.09.2020 auf 15 Millionen Euro, die Entwicklungskosten von Covid Allert NY wurden mit 700.000 US-Dollar angegeben. Beeindruckend.

Weitere Informationen unter nj.gov und CNBC.

WIE SARS-COV-2 UNSERE GEOGRAPHIEN VERÄNDERT – DREI POSTMEDIZINISCHE PERSPEKTIVEN

Die derzeitige Pandemie-Situation verändert gesellschaftliche Strukturen und beeinflusst, wie wir Räume wahrnehmen, uns in ihnen bewegen und in ihnen handeln. Die gesellschaftliche Raumwirksamkeit der Coronakrise zu analysieren ist Aufgabe der postmedizinischen geographischen Gesundheitsforschung. Im Folgenden werden mögliche Fragestellungen aus drei unterschiedlichen postmedizinischen Perspektiven vorgestellt.

1. DAS VIRUS ALS AKTANT
Unser Alltag ist nicht mehr alltäglich und in die Ausnahmesituation, aus der wir uns langsam wieder zurückkämpfen, wurden wir durch ein Virus gestoßen. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive kann SARS-CoV-2 als idealtypischer nicht-menschlicher Akteur bzw. Aktant gesehen werden. Dabei handelt das Virus natürlich nicht selbst, es verordnet uns kein Homeoffice, es verbietet nicht den Besuch im Zoo und es vertreibt auch nicht Millionen armer Tagelöhner unter menschenunwürdigen Bedingungen aus Indiens Metropolen. Es sind unsere Vorstellungen von dem Virus und ganz konkret Personen und Institutionen, die mit SARS-CoV-2 interagieren und Veränderungen hervorrufen. Durch die Akteursnetzwerke werden unsere täglichen Aktionsräume verändert: die in der realen Welt werden kleiner und enger, während unsere Präsenz im digitalen Raum zunimmt. Statt in Seminar- und Konferenzräumen treffen wir uns in Zoom-Räumen. SARS-CoV-2 verändert neben unseren täglichen Aktionsräumen auch unsere sozialen Praktiken – die Art und Weise, wie wir uns auf der Straße und im Supermarkt bewegen, wie wir mit anderen Menschen (im Raum) interagieren. Eine der ersten Praktiken, die dem Virus zum Opfer fiel, war das Händeschütteln. Freunde umarmen wir nicht mehr, weil wir sie nicht mehr sehen – und wenn dann nur beim Spaziergang mit einem Mindestabstand von 1,5 Metern. Die Frage für die Zukunft lautet: Wie wird das Virus unsere Aktionsräume und Praktiken verändern? Und welche Prozesse, die jetzt angestoßen werden, sind von Dauer?

2. PLACE-MAKING WÄHREND DER PANDEMIE
Als Gesellschaft verhandeln wir derzeit, welche Orte wir wieder zugänglich machen sollen. Orte – im Englischen places – sind mehr als der physische Ort, sie sind die Orte, wie sie in unseren Vorstellungen existieren, geprägt durch die Ereignisse, die wir dort erlebt haben, und die Emotionen, die wir mit ihnen verbinden. San Siro, das Fußballstadion Mailands, wandelte sich vom Ort der Freude – Atalanta Bergamo gewann hier am 19. Februar 2020 4:1 gegen den favorisierten Club aus Valencia das Hinspiel des Championsleague-Viertelfinals – zum Ort der Ansteckung. Im Nachhinein wurde dieses Spiel als „Biologische Bombe“ bezeichnet und San Siro zum Schauplatz des „Spiel 0“ – in Anlehnung an den Patienten 0, den ersten Träger eines neuartigen Virus. Von hier aus, so die Theorie, verbreitet sich das Virus in Norditalien. Aber auch andere Orte haben binnen kurzer Zeit neue Bedeutungszuschreibungen erfahren: Das Karnevalszelt in Gangelt, im Kreis Heinsberg, wurde zum Ort von Deutschlands „Sitzung 0“, Kinderspielplätze wurden von Orten kindlicher Freude zu Durchseuchungsorten und der ÖPNV zu rollenden Infektionsherden (vor allem für diejenigen, die sich kein Auto leisten können). Wie viel wird davon bleiben? Welche Orte werden dauerhaft neue Zuschreibungen erfahren?

3. BIOMACHT UND DIE PANDEMIE
Regierungen weltweit reagieren entschlossen und mit ähnlichen Maßnahmen auf die Verbreitung des Virus, der Begriff Lockdown hat es in deutlich weniger als 80 Tagen um die Welt geschafft. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive bietet sich die Analyse unter Verwendung von Michel Foucaults Konzept der Bio-Macht an. Der Staat ordnet Räume neu, um Leben zu schützen, und wählt dafür drastische Maßnahmen: Er schränkt die Freiheitsrechte in einer Art und Weise ein, wie wir sie in den westlichen Demokratien seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr erlebt haben. In Foucaults Worten „diszipliniert“ er seine Bürger, um Leben zu erhalten. Er schützt seine Bürger auf seinem Territorium. Die bis vor kurzem in diesem Ausmaß nicht vorstellbaren Reisebeschränkungen sind der deutlichste Ausdruck der räumlichen Komponente dieser Biopolitik. Das räumliche Tracking von Infizierten mittels Mobilfunkdaten, in Deutschland vor kurzem noch undenkbar, wird heute selbstverständlich diskutiert. Für die Zukunft stellt sich die Frage, ob diese Biopolitiken die globalisierte Welt verändern werden? Zudem stellt sich die Frage, wie Staaten zukünftig räumliche Bewegungen noch stärker kontrollieren werden.

FAZIT
Die Corona-Krise verändert Geographien kurz-, mittel- und langfristig. Diese räumlichen Veränderungen kritisch zu hinterfragen, wird die Geographische Gesundheitsforschung in den nächsten Jahren herausfordern. Neben der Krankheitsökologie und der Gesundheitssystemforschung wird auch die postmedizinische Gesundheitsgeographie einen wichtigen Beitrag leisten.

Autor: Dr. Carsten Butsch, Universität Köln

(Erschienen im Newsletter 1-2020 des Arbeitskreises für Medizinische Geographie und Geographische Gesundheitsforschung – Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)

COVID-19: Booster für die digitale Live-Fortbildung?

Die Corona-Krise zeigt seit einigen Wochen ihre Auswirkungen auf die ärztliche Fortbildungslandschaft. Veranstaltungen, ob mehrtägige Kongresse oder einzelne Vorträge, finden aktuell nur noch ohne anwesendes Publikum statt. So wird es wohl auch noch eine Weile bleiben. Es wäre kaum auszudenken, wenn sich ein Medizinkongress als Infektionsort für die Teilnehmer erweisen würde.

Wie groß ist denn eigentlich die Akzeptanz dieses „Ortswechsels“ bei den Ärzten selbst? Das Fortbildungsportal arztCME.de hat diese Frage aktuell seinen Usern gestellt, exakt 552 Ärztinnen und Ärzte haben geantwortet – und zeigen mindesten einen Trend auf.

Hier die Ergebnisse in Kürze:

  • An mindestens einer Live-Online-Fortbildung haben in den letzten Wochen bereits 67% (!) teilgenommen.
  • Könnten Online-Fortbildungen auf Dauer Präsenzveranstaltungen für Sie ersetzen? Mit JA antworteten immerhin 55%.

Und etwas differenzierter:

Die Antworten ergeben eine nachvollziehbare Momentaufnahme. Insbesondere die kürzeren Veranstaltungen werden wohl dauerhaft ins Web umziehen. Vermutlich eine Entwicklung, die sich schon seit längerer Zeit abzeichnete, aber durch das Virus einen Vorschub erlebt. Nicht verwunderlich, denn die Vorteile für den User sind eindeutig: keine Reisezeit und -kosten. Aber auch die großen, mehrtätigen Kongresse werden sich ggf. verändern.

Für digitale Fortbildungsplattformen sieht die Zukunft also gar nicht schlecht aus. Aber ein hoher technologischer Standard, Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit sind bereits heute Mindestanforderungen. Nur innovative, nutzerorientierte Angebote werden dauerhaft im Markt bestehen.